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Pendler: Mit dem Flugzeug zur Arbeit

Immer mehr Briten fliehen vor den hohen Lebenshaltungskosten nicht mehr nur in strukturschwache Gebiete der Insel, sondern gleich ins billigere Ausland - allerdings nur zum Wohnen.

Wenn Chris McKee sich auf den Weg zur Arbeit macht, beginnt für ihn eine Reise um den halben Globus. Sechs Monate im Jahr arbeitet der 48-Jährige als Polizist in London. Ein Zuhause für sich und seine Familie aber hat er auf der anderen Seite der Welt gefunden: In der neuseeländischen Stadt Dunedin, rund 20.000 Kilometer von seinem Arbeitsplatz entfernt.

Zugegeben, McKees Pendlerdasein ist ein extremer Fall, aber Tatsache ist: Immer mehr Briten fliehen vor den hohen Lebenshaltungskosten - vor allem in der Hauptstadt - nicht mehr nur in die Vororte oder in strukturschwache Gebiete der Insel, sondern sogar in andere Länder. Mittlerweile sind es bereits 25.000 Briten, die in ihrer Heimat arbeiten, aber im Ausland wohnen. Die meisten haben sich im sonnigen Spanien oder in Frankreich niedergelassen.

Niedrigere Lebenshaltungskosten locken die Briten ins Ausland

Möglich wird die Trennung von Wohnort und Arbeitsplatz wegen der flexiblen Arbeitszeiten vor allem im öffentlichen Dienst. So ist Polizist McKee jeweils zwei Monate lang zwölf Stunden pro Tag im Einsatz, um anschließend für acht Wochen nach Neuseeland zurückkehren zu können. Ähnliche Regelungen sind zum Beispiel auch für Feuerwehrleute oder Krankenhauspersonal möglich.

Bei der Flucht aus der Heimat geht es keineswegs nur darum, dort zu leben, wo andere Urlaub machen. Vor allem die niedrigeren Immobilienpreise und Lebenshaltungskosten locken die Briten nach Südeuropa oder in andere Teile der Welt. "Für den Wert meines Hauses in Neuseeland könnte ich mir in London nicht einmal eine Wohnung mit Wohnzimmer, Küche, Bad und zwei Zimmern leisten", sagt McKee im Gespräch mit dem "Independent".

Billigflieger unterstützen diese Abwanderung

Eine der wesentlichen Voraussetzungen für diese Entwicklung war das Entstehen der Billigflieger. Das ständig wachsende Angebot dieser Gesellschaften hat nicht nur den Zweitwohnsitz in der Sonne, sondern vor allem das Auslands-Pendeln leichter ermöglicht.

Die Entwicklung hat mancherorts sogar den Segen der Politik: In der südostenglischen Grafschaft Kent haben Regionalpolitiker an die Einheimischen appelliert, sich doch auf der anderen Seite des Ärmelkanals im französischen Calais niederzulassen und nur noch zum Arbeiten durch den Eurotunnel auf die Insel zu kommen. Hintergrund war eine Vorgabe der Zentralregierung in London, wonach in der Grafschaft 116.000 neue Wohnungen gebaut werden müssen. Manche Regionalpolitiker meinen, dies würde einen enormen Druck für die Region und ihren Wohnungsmarkt sowie die Umwelt bedeuten.

"Seit wir nicht mehr in England leben, ist die Situation viel einfacher"

Aber der Trend, Arbeiten und Wohnen so scharf zu trennen, hat auch seine Kritiker. "Was soll denn passieren, wenn ein Polizist dringend für einen Notfall gebraucht wird oder als Zeuge vor Gericht auftreten muss", fragt etwa der ehemalige Polizeichef John O’Connor.

McKees Ehefrau und seine fünf Kinder jedenfalls sind glücklich mit ihrem neuen Leben. Zwar wird der Vater vor allem bei Geburtstagen und Familienfesten vermisst. Doch dafür können sie die Vorteile eines geräumigen Hauses mit großem Garten in gepflegter Vorstadt-Atmosphäre genießen.

"Seit wir nicht mehr in England leben, ist die Situation für mich viel einfacher geworden", sagt McKee. "Früher habe ich all die Sorgen und den Stress von der Arbeit mit nach Hause gebracht und konnte nur schwer abschalten. Jetzt kann ich mich viel entspannter um die Kinder kümmern, wenn ich in Neuseeland bin."

Britta Gürke/DPA

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