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Praktikanten: Gratis ist die Regel

Die Meldung sorgte für Kopfschütteln: Viele Bundesministerien bezahlen ihre Praktikanten nicht. Allerdings befinden sie sich in bester Gesellschaft. Nicht nur Unternehmen lassen junge Menschen für lau schuften, auch die öffentliche Hand.

Von Martin Motzkau

Dass Bundesministerien ihre Praktikanten mit nichts weiter bezahlen als mit interessanten Einblicken und Erfahrungen, sorgt immer wieder mal für Aufsehen. Vor zwei Jahren stand dafür Olaf Scholz am Pranger, vor einigen Tagen kam heraus, dass die Mehrzahl der Minsterien es dem ehemaligen Arbeitsminister gleich tut. Man kann ihnen zwar vorwerfen, dass sie mit der Praxis nicht vorbildlich sind - aber aus der Reihe tanzen die Bundesministerien damit nicht.

Eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung fand 2008 heraus, dass knapp die Hälfte der Praktika unbezahlt ist. Nach Einschätzung der Gewerkschaften hat sich daran nicht viel verändert. "Aktuell ist die Hälfte der Praktika unbezahlt," sagt Jessica Heyser vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Sie rechnet künftig mit noch mehr Praktikanten: "Durch die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge wird die Zahl der Praktika nach dem Studium eher steigen."

Bezahlung abhängig vom Wirtschaftsbereich

Ob und wie stark vergütet wird, hängt vor allem von der jeweiligen Branche ab. In der Privatwirtschaft werden Praktikanten meist fürstlich entlohnt. So bezahlte die Lufthansa 550 Euro laut der Studie im Monat, bei McDonalds konnte sich ein angehender Betriebswirt sogar über 803 Euro brutto freuen. Das ist deutlich mehr als die 374 Euro, die ein Praktikant 2008 durchschnittlich erhielt. Düster sah es hingegen in der öffentlichen Verwaltung sowie im Bildungswesen aus. Dort gingen und gehen wohl immer noch mehr als 70 Prozent leer aus. Auch vom Studiengang hängt die Bezahlung ab: Laut der Stiftung werden Natur- und Wirtschaftswissenschaftler im Durchschnitt besser bezahlt als ihre Kommilitonen aus den Kultur- und Sozialwissenschaften.

BDA: "Generation Praktikum" ein Mythos

Über eine strengere Regelung bei der Praktikantenvergütung streiten sich Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände. "Es ist nicht sinnvoll, alle Praktika über einen Kamm zu scheren und eine zwingende Entlohnung zu fordern. Ein Praktikant, der bisher keinerlei berufliche Erfahrungen gesammelt hat, muss durch Mitarbeiter vor Ort intensiv betreut werden, was einen erheblichen Aufwand verursacht," sagt Alexander Böhne von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Den Begriff "Generation Praktikum" hält er für einen Mythos, den die Medien geprägt haben.

Jessica Heyser hält dagegen: "Bezahlte Praktika sind qualitativ besser, wie unsere Umfragen ergeben haben. Offensichtlich setzen sich die Firmen auch mehr mit den Inhalten und Zielen des Praktikums auseinander, wenn sie den Praktikanten etwas zahlen."

Mit ihrer Bezahlung liegen die Bundesminsterien also voll im Trend. Bei einigen gibt es immerhin geringe Aufwandsentschädigungen. Besonders paradox: Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist einerseits Schirmherrin der Initiative "Fair Company", der viele Unternehmen angehören und die sich für eine faire Behandlung von Praktikanten einsetzt. Gleichzeitig lässt von der Leyen auf der Homepage ihres Ministeriums verkünden, "dass Praktika beim BMAS nicht vergütet werden".

Unser Autor ist Praktikant bei stern.de. Das Praktikum ist erst das zweite von sieben, das bezahlt wird..