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KarstadtQuelle: Kampf ums Überleben

KarstadtQuelle zieht die Notbremse und tausende Mitarbeiter bangen um ihren Job: In der heutigen Aufsichtsratssitzung wird angeblich der Abbau von 8.500 Stellen beschlossen - und von 180 Warenhäusern sollen nur noch 89 übrig bleiben.

Mit harten Einschnitten in Personal-Kosten, Filialnetz und Firmenbeteiligungen soll die Talfahrt des Essener Handelsriesen gestoppt werden. Der Aufsichtsratsvorsitzende der KarstadtQuelle AG, Thomas Middelhoff, stimmte die insgesamt etwa 100.000 Mitarbeiter starke Belegschaft kurz vor der Entscheidung über das Sanierungskonzept auf Opfer ein. "Es geht ums Überleben", sagte er dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Über die Einzelheiten des Sanierungskonzeptes berät der Aufsichtsrat an diesem Montagabend.

Nur Stammgeschäft ist sicher

In allen drei Kernbereichen des Essener Konzerns, im Versand- und stationären Handel sowie bei den Dienstleistungen sei die Lage "sehr ernst". Alles, was nicht Stammgeschäft sei, stehe zur Disposition. Middelhoff forderte "einen echten Solidarpakt von Mitarbeitern wie Führungskräften, Gesellschaftern und Banken". Die nahe Zukunft des Handelsriesen werde "von tiefen Schnitten und weit reichenden Schritten geprägt sein". Auch der Versandhandel von Neckermann und Quelle müsse sich auf einen "schmerzhaften Personalabbau" einstellen.

Der Arbeitsplatzabbau soll nach Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" deutlich höher als bislang bekannt ausfallen. Insgesamt sollen bis 8.500 Stellen auf der Streichliste stehen, davon bis zu 6.000 im Warenhausbereich, berichtete die Zeitung. Bisher hatte das Unternehmen angekündigt, dass die Personalkosten um einen Betrag gesenkt werden sollen, der etwa 4.000 Stellen entspricht. Offen war, ob längere Arbeitszeiten oder Verzicht auf Urlaubstage den Stellenabbau mindern werden. In Unternehmenskreisen verlautete am Sonntag, dass es nicht um eine Entlassungswelle gehe, sondern dass die Stellenzahl auch durch Firmenverkäufe und -ausgliederungen sinke.

Nur noch 89 Warenhäuser sollen bleiben

Die Sanierung von KarstadtQuelle sieht nach Angaben aus Unternehmenskreisen den Weiterbetrieb von nur noch 89 der 180 Warenhäuser in der bisherigen Form vor. Zudem soll es enorme Wertberichtigungen geben, die mit einer kräftigen Kapitalerhöhung aufgefangen werden sollen, weil dem Unternehmen sonst die Pleite drohe, berichtet der "Spiegel" in seiner jüngsten Ausgabe unter Berufung auf Aufsichtsratskreise. Unter anderem solle auch die Textilhaus-Kette SinnLeffers abgestoßen werden. Ein Karstadt-Sprecher wollte den Bericht nicht kommentieren. Für die übrigen Häuser seien neue Betriebsformen vorgesehen. "Das sind die wesentlichen Punkte, über die heute der Aufsichtsrat zu entscheiden hat," teilte ein Sprecher mit. Die Großaktionäre stünden hinter diesem Sanierungskurs von Vorstandschef Christoph Achenbach, hieß es.

Bei den auszugliedernden Häusern handelt es sich dem Vernehmen nach um Filialen mit Verkaufsfläche von bis zu 8.000 Quadratmetern. Bei einem einheitlichen Konzept sollte das größte Haus nicht mehr als fünf mal größer sein als das kleinste Haus, meinte ein Unternehmens-Berater. Bei Karstadt gebe es Größenunterschiede mit dem Faktor 30. Bei kleinen Filialen wird nun eine Sortimentsbereinigung erwartet. Auf der Verkaufsliste stehen bereits eine Mehrheitsbeteiligung (rund 75 Prozent) an der Karstadt Hypothekenbank und Anteile der Nürnberger Druckerei Maul Belser. Dagegen ist ein Verkauf der Beteiligung am Sport-TV-Sender DSF derzeit kein Thema, hieß es am Sonntag. Der Sender schreibe schwarze Zahlen. Beim Anteilsverkauf vor dem Ende des kommenden Jahres hätte KarstadtQuelle nichts davon - der Mehrerlös müsste dem Insolvenzverwalter von KirchMedia zufließen.

Nachverhandlungen mit Starbucks

Auch die Beteiligung am Touristikkonzern Thomas Cook (50 Prozent) stehe nicht auf der Verkaufsliste. Mit Verlusten hatte der zweitgrößte deutsche Reisekonzern KarstadtQuelle im vergangenen Jahr einen Strich durch die Gewinnrechnung gemacht. Mit der US-Cafe-Kette Starbucks sollen die Verträge zum deutschen Gemeinschaftsunternehmen dem Vernehmen nach jetzt nachverhandelt werden. Bei KarstadtQuelle lägen neben der Anteilsmehrheit auch Kosten und Risiken. Das Abstoßen von zahlreichen Randaktivitäten gilt als zentrales Element des Sanierungskonzeptes.

Die Kaufzurückhaltung der Verbraucher hatte KarstadtQuelle in eine Schieflage gebracht. Anders als der größte deutsche Handelskonzern METRO verfügt KarstadtQuelle im stationären Geschäft über keinen Wachstumsmotor im Ausland. Außerdem wurde Gewerkschaftskritik am damaligen Vorstandschef Wolfgang Urban laut, der Ende Mai seinen Schreibtisch räumte. Zu viele Randprojekte hätten erhebliche Kräfte gebunden und vom Kerngeschäft abgelenkt. Aktionärsschützer riefen dazu auf, bei der Sanierung nicht allein die Arbeitnehmer die Zeche bezahlen zu lassen. Der Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Marc Tüngler, sprach von einem "Schicksalstag". (AP, Reuters)