Kriminalität Spanien kämpft gegen die Drogenmafia


Spanien ist das Einfallstor, durch das ein großer Teil des Haschisch und Kokains nach Europa eingeschmuggelt wird. Trotz Fahndungserfolge bleibt das Land unangefochten der "Dealer Europas".

Eine ganze Streitmacht stürzt sich auf den altersschwachen Kutter. Ein spanisches Kriegsschiff, drei Schnellboote des Zolls und drei Flugzeuge bringen die unter senegalesischer Flagge fahrende "South Sea" im Atlantik auf. Sie zwingen das Fischerboot, einen Hafen im Nordwesten Spaniens anzulaufen. Dort suchen Spezialisten das Schiff mit Spürhunden nach Drogen ab. Nach 24 Stunden werden sie fündig. Mit einer Mikrokamera entdecken sie durch einen Riss im Bug acht Tonnen Kokain.

Nur ein Bruchteil wird beschlagnahmt

Das unter der Ankerkette versteckte Rauschgift - mit einem Schwarzmarktwert von über 200 Millionen Euro - war eine der größten Mengen, die jemals in Europa sichergestellt wurde. Die Fahnder schienen dem internationalen Drogenhandel mit der Operation im Oktober einen schweren Schlag versetzt zu haben. Aber der Eindruck täuscht, denn das beschlagnahmte Rauschgift ist nur ein Bruchteil der Menge, die ungehindert ins Land kommt.

"Dealer Europas"

Nach Schätzungen gelangen 50 Prozent des in Europa konsumierten Kokains und 65 Prozent des Haschisch über Spanien auf den europäischen Kontinent. "Unser Land ist der Dealer Europas", schreibt die Madrider Zeitung «El Mundo». "Wir sind dabei, den Kampf gegen die Drogenkartelle zu verlieren."

Spanien ist die Drogenschleuse Europas

Dabei wird in Spanien weit mehr Rauschgift sichergestellt als in allen anderen Staaten der Europäischen Union zusammen. In diesem Jahr waren es bisher über 500 Tonnen Haschisch und 38 Tonnen Kokain. Trotz der Fahndungserfolge bleibt Spanien unangefochten die Drogenschleuse Europas. Dies hat einfache Gründe. Marokko, ein wichtiger Haschisch-Produzent, ist quasi ein Nachbarland. Es liegt von der spanischen Südküste nur wenige Kilometer entfernt. Beim Kokain entschieden sich die kolumbianischen Kartelle auf Grund der Sprache für Spanien als Brückenkopf.

Unfassbare Gewinnspannen

Die Drogenbanden erzielen in Spanien nach Schätzungen eines Bankexperten Gewinne von über zehn Milliarden Euro im Jahr. "Ein Kilogramm Kokain kostet im Busch in Südamerika 1.200 Euro", erläutert der Zollbeamte Ignacio Gonzàlez. "Im Hafen sind es 3.600 und in der Mitte des Atlantiks 18.000 Euros. Bei der Ankunft in Spanien beträgt der Großhandelspreis 60.000 Euro, der sich dann im Kleinhandel noch einmal vervielfacht."

Galicien besonder beliebt

In Galicien im Nordwesten Spaniens mit seinen fjord-ähnlichen Flussmündungen fanden die Drogenschmuggler besonders günstige Bedingungen für die Anlandung von Rauschgift vor. Zudem kam ihnen zu Gute, dass die Fischereiwirtschaft in der Krise steckte und der Schmuggel hier Tradition hatte. In der Region an der «Costa de la Muerte» (Todesküste) entstanden ganze Clans von Drogenbaronen. Laureano Oubiña, der Boss eines Schmugglerrings, soll dereinst persönlich ins Polizeipräsidium gestürmt sein, um sich bei einem (bestochenen) Beamten darüber zu beschweren, dass eine Drogenlieferung nicht angekommen war.

Mächtige Kolumbianer-Kartelle

Aber die Zeiten haben sich geändert. Die galicischen Clan-Führer gaben die Macht über die großen Schmugglerringe an die Kolumbianer ab. Deren Kartelle erwiesen sich als professioneller und vor allem als skrupelloser. Ein Anführer des berüchtigten galicischen "Clans der Charlines" empfing bei seiner Festnahme die Polizisten mit den Worten: "Ach, zum Glück seid Ihr es nur. Ich dachte schon, Ihr wäret die Kolumbianer."

Hasch-Schmuggel eher im Süden

Auch beim Haschisch-Schmuggel spielen die Spanier nur noch eine untergeordnete Rolle. Das große Geschäft machen nach Angaben von Experten Banden aus Marokko und Osteuropa. Das Rauschgift gelangt mit Lastwagen - versteckt unter der legalen Ladung - oder mit Schnellbooten von Nordafrika nach Spanien. Die südspanischen Kleinstädte Sanlúcar de Barrameda und Barbate mit ihren großen Fischereihäfen gelten als die "Hauptstädte des Haschisch-Schmuggels".

Hubert Kahl DPA

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