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Langwieriges Verkehrsprojekt: Die karibische Geisterbahn

Die U-Bahn auf der US-Insel Puerto Rico, mit einem "Siemens"-Aufdruck an den silberfarbenen Wagen, fährt zum Leidwesen der Einwohner nur zur Probe. Um das Großprojekt tobt ein Streit, der Aktenbände füllt.

Die Karibik hat ihre erste U-Bahn. Der Zug auf der US-Insel Puerto Rico rollt einen Teil der 17 Kilometer langen Strecke auch unter der Erde. "Siemens" steht auf den silberfarbenen Wagen, die von Bayamón im Südwesten nach Sancturce in das Zentrum der Hauptstadt San Juan fahren - zum Leidwesen der staugeplagten Insulaner allerdings nur zur Probe. Denn seit Monaten tobt ein heftiger Streit zwischen den Vertragspartnern um das Großprojekt, das mit vielen Tücken zu kämpfen hat.

Schon mehrmals, zuletzt Ende 2003, fiel die Eröffnung ins Wasser. Die gegenseitigen Schuldzuweisungen füllen inzwischen Bände. Das Verkehrsministerium in San Juan erhebt heftige Vorwürfe gegen die Deutschen und fordert nach Medienberichten eine Vertragsstrafe von neun Millionen Dollar. Von der Verkehrsverwaltung Puerto Ricos hatte das Konsortium Siemens Transit Team (STT) 1996 den Auftrag für den Bau erhalten. Mit einem Volumen von damals 1,8 Milliarden DM war es bis dato der größte Einzelauftrag für die Siemens-Sparte Verkehrstechnik in den USA.

Moralische Schützenhilfe von Seiten der Medien

Siemens macht dagegen den Auftraggeber, die Puerto Rico Highways and Transportation Authority und deren Subunternehmen, verantwortlich, die geschludert haben sollen. Das Konsortium hat nach Siemens-Angaben inzwischen wegen der Kosten durch die Verzögerung ein Gerichtsverfahren eingeleitet. Bei Siemens in San Juan wird geschätzt, dass die Inbetriebnahme des "Tren Urbano" (Stadtbahn) nun "zwischen Mai und Oktober erfolgt. Aber das hat unser Kunde zu entscheiden".

Der deutsche Konzern erhält sogar moralische Schützenhilfe in manchen Medien der Insel, die von Vettern- und Misswirtschaft in der Politik schon vor Auftragsvergabe berichten und von mangelhaften Arbeiten, die nicht in die Siemens-Kompetenz fallen. So sollen etwa 30 der dicken Pfeiler für die Trasse schon vor etlichen Jahren kurz nach der Errichtung marode gewesen sei. Auch die 16 Bahnhöfe sind noch nicht ganz fertig, nur zwei von ihnen entstehen unter der Regie des Siemens-Konsortiums. "Bei der Regierung von Puerto Rico existiert keine intelligente Infrastruktur-Planung", lautete ein Kommentar in San Juan. Siemens wurde indes vorgeworfen, Probleme mit der Elektrik gehabt zu haben. Manche Kurven sollen so eng sein, dass die Züge nur 35 Kilometer pro Stunde fahren können.

Die Stadt erstickt im Verkehr

"San Juan’s world-class metro" (San Juans Weltklasse-Metro) wurde früher gejubelt. So nennt heute kaum noch ein Insulaner das Projekt, das so dringend benötigt wird. Die Staus von Autos und Bussen erscheinen in San Juan mit seinen 1,5 Millionen Einwohnern zur Rush Hour zeitraubender als die in Berlin oder München. Noch stoppt die Bahn bei ihren Testfahrten auf Bahnhöfen, auf denen gespenstische Stille herrscht. In warmer Wintersonne bei 26 Grad gucken Neugierige von draußen auf Fahrkartenschalter, Rolltreppen und Einlasskreuze. Doch die Einlassgitter sind heruntergelassen, niemand steigt ein.

Bei Siemens heißt es zu den Verzögerungen: "Unser Unternehmen hat seinen Teil der Abmachungen eingehalten, der Kunde leider nicht." Die gesamte Situation sei jedoch recht kompliziert. "Der Zug, der nicht fährt", heißt es in den spanisch und englisch berichtenden Medien der Insel.

Die Uhren ticken anders

Der Mann auf der Straße hat meist Sympathien für Old Germany und deutsche Wertarbeit. Tausende Puertoricaner waren in Deutschland für die USA-Armee stationiert. Und Boris Becker, Claudia Schiffer, Bosch, BMW, Porsche, Mercedes oder Siemens sind bekannte "Botschafter". Ein Bauarbeiter, der am Projekt mitwirkte, meint: "Siemens ist sicher ein gutes Unternehmen, hat Bahnen in aller Welt gebaut, aber leider viel zu spät gemerkt, dass in der Karibik die Uhren anders ticken."

Bernd Kubisch, DPA / DPA
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