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Interview

Klimaaktivistin: Luisa Neubauer: "Das ist mein Vorwurf an Siemens-Chef Joe Kaeser"

Siemens steht im Kreuzfeuer der Kritik, nicht zuletzt durch "Fridays for Future"-Aktivistin Luisa Neubauer. Warum die Aufregung? Ein Gespräch über Verantwortung, eine klimaneutrale EU und das "Unwort des Jahres". 

Video: Siemens hält an umstrittenem Auftrag in Australien fest

Sie sitze gerade in der S-Bahn, erklärt Luisa Neubauer, 23, am Telefon. Es waren ereignisreiche Tage für die "Fridays for Future"-Klimaaktivistin, die letztlich in einem "Desaster" enden sollten: Siemens-Chef Joe Kaeser erklärte am Sonntagabend, an der Lieferung einer Zugsignalanlage für ein Kohlebergwerk in Australien festhalten zu wollen (lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen). Eine "historische Fehlentscheidung", kritisiert Neubauer im Gespräch mit dem stern. Ein Gespräch über Verantwortung, den "Green Deal" der Europäischen Union und das "Unwort des Jahres" 2019. 

Luisa Neubauer: "Das ist ein Desaster"

Frau Neubauer, "Fridays for Future" haben ausnahmsweise nicht an einem Freitag demonstriert – sondern gestrigen Montag. Siemens-Chef Joe Kaeser hatte am Sonntag bekanntgegeben, an der umstrittenen Lieferung der Zugsignalanlage für ein Kohlebergwerk in Australien festzuhalten. Glauben Sie, dass Sie Herrn Kaeser noch umstimmen können?

Luisa Neubauer: Jetzt noch?

Warum nicht?

Er hat artikuliert, dass er sich nicht umstimmen lassen lässt. Natürlich werden wir aber weiter an ihn appellieren, seine Entscheidung zu überdenken und im besten Fall seine Meinung zu revidieren. Wir sehen durchaus eine Chance – auch, wenn diese nicht groß zu sein scheint.

Was macht Ihnen Hoffnung; warum geben Sie noch nicht auf?

Die Adani-Mine darf nicht wie geplant ans Netz gehen, ihr Zerstörungspotenzial kennt auch Joe Kaeser. Die Argumente sind auf unserer Seite, und juristisch gibt es Spielraum. Den Widerstand aufzugeben wäre fahrlässig.

Was bedeutet die Entscheidung des Siemens-Chefs für den Klimaschutz?

Das ist ein Desaster. Auch, wenn sich viele Leute nun fragen mögen, was der ganze Trubel um eine eigentlich kleine Signalanlage für eine Bahnlinie soll. Einige fragen sich, warum die Lieferung als fatale oder historische Fehlentscheidung für den Klimaschutz eingeordnet wird. Das ist sie, denn wir wissen, dass alleine die Adani-Mine das Potenzial hat – sollte sie wie geplant geöffnet und abgebaut werden – das Ziel, die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, unerreichbar zu machen. Ich rede nicht vom 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens, das geboten wäre. Das ist die existenzielle Gefahr hier: Jeder einzelne Konzern, der zu der Erschließung der Adani-Mine beiträgt, macht sich damit massiv mitschuldig. Das ist mein Vorwurf an Joe Kaeser. Siemens ist zur Zeit der einzige Konzern, der die notwendigen Signalanlagen liefern kann, die zum Transport der Kohle benötigt werden. Heißt im Umkehrschluss: ohne Lieferung kein Transport. Siemens stand buchstäblich an einer Weichenstellung. Die Entscheidung von Herr Kaeser ist daher nicht zu verantworten.

Kaeser argumentiert: Es gebe praktisch keinen Weg, den geschlossenen Vertrag aufzukündigen – und die Lieferung der Zugsignalanlage würde nicht darüber entscheiden, ob das Kohlebergwerk entstehe oder nicht.

Das ist nur teilweise richtig. Natürlich ist Siemens nicht der einzige Akteur – der Betreiber der Mine ist die indische Adani Group, die australische Regierung hat es verpasst zu intervenieren und den Kohleabbau stattdessen massiv subventioniert und gefördert. Das ist natürlich ebenfalls nicht nachvollziehbar und unverantwortlich. Aber Siemens war in einer Schlüsselrolle und hätte intervenieren müssen, das Projekt mit einer Absage zumindest verzögern können. Diese Chance hat der Konzern mutwillig verpasst. 

Kaesers Angebot auf einen Posten im Aufsichtsratsgremium des künftigen Unternehmens Siemens Energy haben Sie abgelehnt, um "unabhängig" zu bleiben. Sie haben vorgeschlagen, den Posten an einen Wissenschaftler der "Scientists for Future" zu übertragen – was Kaeser wiederum ablehnte. Einerseits, weil es genügend mahnende Wissenschaftler gebe, andererseits, weil es nun "Führung" brauche. Geben Sie ihm Recht?

Herr Kaeser hätte Führung beweisen können, in dem er den Vertrag aufgelöst hätte. Das hat er nicht getan, obwohl es seine Aufgabe gewesen wäre. Gleichzeitig mangelt es Siemens offenbar an Expertinnen und Experten, die die Tragweite des Vertrages grundsätzlich überblicken können. Ich bezweifle, dass Siemens das Potenzial seiner mahnenden Wissenschaftler vollkommen ausschöpft – sonst wäre der Vertrag nicht unterschrieben worden.

Luisa Neubauer

Warum können Sie als Klima-Aktivistin mehr erreichen als im Aufsichtsrat von Siemens Energy?

Im Aufsichtsrat von Siemens Energy wäre ich überhaupt nicht in der Position gewesen, alleine dafür zu sorgen, dass der Adani-Vertrag ungültig gemacht wird. Ich bin Klimaaktivistin und will, dass unsere Proteste gesehen und gehört werden – deswegen sprechen wir zwei etwa gerade. Wenn wir unabhängig sind, können wir uns freimachen von Konzerninteressen. Siemens ist nicht der einzige Konzern, den wir in die Pflicht und in die Verantwortung nehmen und es auch weiterhin tun werden.

Über all das hätte ich nicht in der Öffentlichkeit gesprochen

Hätten Sie auch einen Posten im Aufsichtsrat abgelehnt, wenn Ihnen dieser von einer Umweltschutz-Organisation, etwa von Greenpeace, angeboten worden wäre? 

Aktuell habe ich keine Intention, mich über Post oder Mandat an globale Konzerne und Organisationen zu binden. Ich habe schon andere Positionen angeboten bekommen und immer abgelehnt. Ich bin jetzt 23, wer weiß was mein Leben noch bringt. Jetzt gerade sehe ich aber keine Notwendigkeit, mich als Klimaaktivistin von einem Konzern in Verantwortung nehmen zu lassen. Über all das hätte ich nicht in der Öffentlichkeit gesprochen, hätte Herr Kaeser sein Angebot nicht öffentlich gemacht. Wenn ein Angebot ernst gemeint ist, bereitet man dieses im professionellen Rahmen vor und führt Gespräche miteinander – und lässt ein solches Angebot nicht von der Presse verbreiten, um von einer fatalen Entscheidung abzulenken.

Das Angebot von Herrn Kaeser war in Ihren Augen also nicht ernst gemeint sondern ein Ablenkungsmanöver?

Das eine schließt das andere nicht aus. Nachträglich hat mir Herr Kaeser versichert, das Angebot sei ernst gemeint und mit dem Aufsichtsrat abgesprochen gewesen. Gleichzeitig hat das öffentliche Angebot, und das wusste Herr Kaeser, von der eigentlichen Frage abgelenkt – und die Aufmerksamkeit hin zu etwas gelenkt, das vergleichsweise mehr als banal ist.

Heute legt die EU-Kommission ihre Pläne für ihren "Green Deal" vor. Es sollen eine Billion Euro in die Gestaltung der Klimawende in Europa investiert werden, um die Europäische Union bis 2050 klimaneutral zu machen. Ist das die Lösung aller Probleme?

Nein. Es wird nicht reichen, wenn die Europäische Union bis 2050 klimaneutral wird. Das entspricht nicht den globalen Verantwortlichkeiten des Pariser Klimaabkommens. Ich bin natürlich gespannt, was EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und ihre Kommission vorlegen werden. Schon jetzt ist aber sicher, dass die Pläne nicht ausreichen werden, die Lebensräume für Menschen ausreichend zu schützen, so wie es international vereinbart wurde.

Es ist mehr, als nur die Augen zu verschließen. Diejenigen holen zum Schlag aus

Wie das Geld aufgebracht werden soll, ist noch unklar. Investiert werden soll es etwa in die Abkehr von Kohle, Öl und Gas und in den Umbau von Wirtschaft, Landwirtschaft, Verkehr und privater Energienutzung. Warum reichen die Pläne nicht weit genug?

Unabhängig von den individuellen Maßnahmen fürchte ich, und das bestätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass das Pariser Klimaabkommen nicht eingehalten wird – dieses Abkommen sollte das Maß aller Dinge sein. 197 Vertragspartner haben sich auf ein Emissionen-Budget geeinigt, also auf einen Richtwert, den wir als Menschen pro Kopf an CO2 verbrauchen können. Um dieses Budget einzuhalten, müssen wir in Europa deutlich früher klimaneutral sein. Der "Green Deal" ist ein Anfang, aber nicht die Lösung.

Das "Unwort des Jahres" 2019 lautet "Klimahysterie", weil es die "Klimaschutzbemühungen und die Klimaschutzbewegung diffamiert und Debatten diskreditiert", so die Begründung der Jury. Wie häufig ist Ihnen der Begriff im letzten Jahr begegnet?

Viel zu oft. Vor allem die "Fridays for Future"-Bewegung, aber auch die Klimakrise als Ganzes, wurden damit in haarsträubender Weise belegt und diskreditiert. Es ist irritierend. Wir setzen uns mit den wissenschaftlichen Fakten auseinander und sprechen diese an. Trotzdem schaffen es viele nicht, über die Klimakrise in ihrer Dringlichkeit zu sprechen – stattdessen kehren sie die Probleme noch mit dem Unwort "Klimahysterie" unter den Teppich. Das ist kontraproduktiv.

Das Wort sei "irreführend" und stütze in "unverantwortlicher Weise wissenschaftsfeindliche Tendenzen", sagt auch die Jury. Warum wird das Wort trotzdem verwendet?

Es ist einfacher, die Botschafter von unangenehmen Nachrichten zu diskreditieren und zu delegitimieren – anstatt sich mit den unbequemen Wahrheiten auseinanderzusetzen.

Wer "Klimahysterie" schreit, verschließt die Augen?

Es ist mehr, als nur die Augen zu verschließen. Diejenigen holen zum Schlag aus. Gegen jene, die kommunizieren, was mit unserem Planeten passiert.

Wann werden wir nichts mehr von "Klimahysterie" hören?

Ich hoffe ist natürlich: so früh wie möglich. Mein Wunsch ist, dass wir einen angemessen kritischen und auch reflektierten Umgang mit der Klimakrise bekommen und die "Klimahysterie" als das einordnen, was sie ist: eine Methode und ein Delegitimierungsversuch.

Anmerkung der Redaktion: Luisa Neubauer ist eine von vier Kolumnistinnen und Kolumnisten, die unter dem Titel "Auf dem Weg nach morgen" im Wechsel im stern zum Thema Nachhaltigkeit und Klima schreiben. Diese und weitere Kolumnen finden Sie hier.