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Ackermann-Krise: Halbgott Joe

Die Gegner von Josef Ackermann formieren sich. Ihre Vorwürfe: Der Chef der Deutschen Bank sei arrogant, isoliert und ohne Gespür für den deutschen Markt.

Josef Ackermann genoss seinen Ausflug in die Berge sichtlich. Mitten im heftigsten Sturm in Deutschland - bei dem es schon lange nicht mehr nur um die Übernahme der Postbank durch die Deutsche Bank ging, sondern um die Qualitäten des Managers Josef "Joe" Ackermann aus Mels im Kanton St. Gallen - nahm der Chef der Deutschen Bank vergangene Woche eine Auszeit: Einen Abend und einen Vormittag lang war er Gast einer Studententagung der Universität St. Gallen, zu der Firmenchefs aus aller Welt geladen waren. Hier hat Ackermann einst studiert. Hier ist er nicht nur Joe, der Global Banker - hier kennen sie ihn als Seppi, den Landarzt-Jungen, der es denen da draußen zeigt. Hier verstehen sie ihn, auch wenn er Schwyzerdütsch redet.

So kostete er das bisschen Frieden voll aus. Beim nichtöffentlichen Abendessen unterhielt der 56-Jährige die 300 hochrangigen Gäste aus der globalen Wirtschaft vorm Erdbeerdessert mit einer charmanten Rede. Und nach Hause ging er erst gegen elf Uhr, als das Servicepersonal bereits mit dem Aufräumen begonnen hatte. Am nächsten Morgen war es dann schon wieder vorbei mit dem Frieden: Vom St. Gallener Studenten Alexander Pfannenberg mussten sich die angereisten Topmanager - neben Ackermann etwa Springer-Chef Mathias Döpfner und Ferrari-Boss Luca di Montezemolo - ins Stammbuch schreiben lassen, dass "viel Vertrauen in die Führungskräfte der Wirtschaft verloren gegangen" sei. Mit Blick ins Publikum fragte der 21-Jährige: "Wo sind denn heute noch Vorbilder?" Ja, wo eigentlich?

An der Spitze der Deutschen Bank jedenfalls nicht - das ist der Eindruck, den eine Reihe von Spitzenleuten aus Politik und Wirtschaft bereitwillig vermittelt. Nur selten lässt sich die Demontage eines Topmanagers so genau beobachten wie bei dem Schweizer, der in Deutschland noch immer nicht richtig verwurzelt ist. Im vergangenen Jahr reiste Ackermann zu einem Gespräch mit dem Bundeskanzler und ein paar anderen rot-grünen Spitzenpolitikern nach Berlin. Sie waren gespannt auf den Manager, doch mancher in der Runde traute seinen Augen nicht: Ackermann sei aufgetreten wie ein "Halbgott", arrogant und unzugänglich.

Wenn Gerhard Schröder in trauter Runde nach Schuldigen für die Wirtschaftsmisere fahndet, wird nicht lange gesucht. Die Manager der deutschen Banken gelten im Kanzleramt meist als "unfähig" und, nur halb im Scherz, "größte Bedrohung für den Standort". Der Hauptvorwurf trifft auch Ackermann: Die Institute haben dem Mittelstand die Kredite abgedreht und damit Tausende Arbeitsplätze gefährdet. Und: Sie haben sich international abhängen lassen. Die Deutsche Bank, hierzulande die Nummer eins, fiel beim Börsenwert weltweit auf Rang 19 zurück. Das ist zweite Liga.

Umgekehrt lässt auch der Schweizer Ackermann selten ein gutes Haar an Deutschland, das er ökonomisch schon mal in der Gefahr sah, "das nächste Japan" zu werden - also ein ökonomischer Absteiger mit Politikern, die tatenlos zusehen. Richtig gut findet Ackermann vor allem eine in Berlin: Schröders Widersacherin Angela Merkel (CDU).

Wenn der Kanzler und der Banker miteinander zu tun haben, geht es selten gut. Als Ackermann vor rund einem halben Jahr mit der US-Großbank Citigroup über die Möglichkeit einer Fusion sprach, mischte sich auch Schröder ein. Manche sagen, die Gespräche hätten auf Vermittlung des Kanzlers stattgefunden. Der kennt und schätzt den Citigroup-Präsidenten Sandy Weill. Doch eine Deutsche Bank als Zweigstelle der viel größeren US-Bank - das wollte der Aufsichtsrat nicht. Die Fusion kam nicht zustande.

Der Genosse der Bosse war es auch, der der Deutschen Bank den Kauf der Postbank nahelegte. Auf dem Sparkassentag in Frankfurt las Schröder den Geldmanagern die Leviten: "Wir brauchen ein Institut, das aus Deutschland heraus global tätig ist." Die Herren sollten gefälligst "in die Strümpfe kommen". Wieder musste der oberste Strumpfträger des Geldgewerbes, Joe Ackermann, ran - gegen eigene Überzeugung. Der Schweizer würde die Deutsche Bank gern mit anderen europäischen Kreditinstituten fusionieren, etwa der UBS in Zürich oder der ING in Amsterdam. Die heimischen Konkurrenten? Für Ackermann wenig attraktive Zwerge. Das Geschäft mit Millionen kleinen Sparern? Nicht Joes Welt.

New York, London, Zürich - das sind die Orte, die für ihn zählen. Der Standort Frankfurt verliert für die Deutsche Bank an Bedeutung. Die aus Ackermanns Sicht wichtigsten Mitarbeiter des Unternehmens, die Investmentbanker, sitzen meist in London. Ihr Einfluss wächst: Die Finanzjongleure bekommen einen erheblichen Teil ihrer jährlichen Millionengagen in Aktienoptionen bezahlt. Und der Ausverkauf geht weiter.

Einige Aufsichtsräte des Finanzkonzerns sehen die Entwicklung mit wachsender Sorge. Ackermanns Zögern bei der Postbank, die manche als guten Partner sahen, sorgte für Streit besonders mit Ulrich Cartellieri, der lange im Vorstand der Deutschen Bank saß und nun eine mächtige Position im Aufsichtsrat einnimmt. Der oberste Aufseher Rolf-E. Breuer steht nach außen zu Ackermann, doch beide belauern sich mit gegenseitiger Skepsis.

Mit Ackermann, glauben einige Aufsichtsräte, habe die Bank ein Führungsproblem. Sie nutzten die letzten 14 Tage, um durch Indiskretionen Druck auf den Schweizer zu machen. Ackermann, so Deutsche-Bank-Insider zum stern, habe zu viel Macht bei sich konzentriert und isoliere sich im Konzern zunehmend. Engster Vertrauter sei Kommunikationschef Simon Pincombe, ein Brite. Der Sprecher der Deutschen Bank spricht so schlecht deutsch, dass er selbst Plaudereien lieber auf Englisch führt. Das schlechte Image der Bank in Deutschland wie auch das seines Bosses, der elf Millionen Euro im Jahr verdient, vermochte er nicht zu korrigieren.

Für Unmut hatte Ackermanns Auftritt zu Beginn des Mannesmann-Prozesses gesorgt, in dem der Bankchef wegen der Genehmigung von Millionenabfindungen für Vorstände seit Januar ein- bis zweimal wöchentlich auf der Anklagebank sitzt. Am ersten Tag hatte er sich breit grinsend mit Victory-Zeichen im Gerichtssaal fotografieren lassen - was prompt zum Sinnbild für den Sittenverfall bei Topmanagern wurde. Auch intern löste der Auftritt Empörung aus: Viele Mitarbeiter der Bank beschwerten sich, teils anonym, über ihren Boss. Aus dem Aufsichtsrat musste sich der Manager heftige Kritik anhören.

Vergangene Woche wurde die Position Ackermanns durch eine immer wieder befeuerte Nachfolgerdebatte geschwächt. Alles schien möglich: So meldete die "Süddeutsche Zeitung", dass Gespräche mit dem Ex-Deutsche-Bank-Vorstand und heutigen West-LB-Chef Thomas Fischer geführt worden seien. Wie der stern aus Aufsichtsratskreisen erfuhr, ist über Fischer aber nie nachgedacht worden. Stattdessen existierte ein anderer Gedanke: Nach einem Einstieg bei der Postbank hätte sich deren Chef Wulf von Schimmelmann mit dem Konzern vertraut machen und nach ein oder zwei Jahren an die Spitze rücken können - wie einst der als Seiteneinsteiger gekommene Vorstandschef Alfred Herrhausen. Am Frankfurter Flughafen wurde von Schimmelmann vergangene Woche mit dem Deutsche-Bank-Personalvorstand Tessen von Heydebreck gesichtet. Ein Deutsche-Bank-Sprecher lehnte dazu und zu allen anderen Informationen eine Stellungnahme ab.

Wie es mit der Bank und Ackermann weitergeht, ist offen. Zumindest einstweilen sagte die Deutsche der Postbank ab. Die "Börsen-Zeitung" schrieb danach etwas von "Chaos". Die Ackermann-Gegner hoffen nun leise, der Mannesmann-Prozess möge sich so lange hinziehen, dass der Schweizer irgendwann nicht mehr tragbar sein könnte oder hinschmeißt. Acke rmann selbst verbreitet grenzenlosen Optimismus. Zu den Personalüberlegungen sagte er dem stern am Rande der Studententagung in St. Gallen sehr freundlich: "Da hat es einen Journalisten gegeben, der von einem Konkurrenten gefüttert wurde. Da ist nichts dran." Und zur Person Schimmelmann, schon weniger freundlich: "Diese Spekulation gibt es nicht."

Am Abend vorher, bei seiner Dinner-Rede in der St. Gallener Uni, hatte er auch über Führungskräfte gesprochen. Die, so Ackermann, sollten sich in Krisen überlegen, "das Zepter schon früher an die jüngere Generation zu übergeben". Er hatte natürlich nicht sich selbst gemeint.

Mitarbeit: Frank Donovitz, Markus Grill, Joachim Reuter, Richard Rickelmann, Jan Boris Wintzenburg

Frank Thomsen / print