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Adolf Merckle: Tod in der Not

Sie bauen Firmen auf, Konglomerate, Imperien. Dann kommt der wirtschaftliche Niedergang und mit ihm der Verlust von Ansehen, Macht und Kontrolle. Wie Adolf Merckle sehen Unternehmer und Manager in der Krise oft keinen Ausweg - und nehmen sich das Leben.

Von Ch. Baulig, H. von Buttlar, N. Klöckner und K. Putzier

"Mein Vater war kein Feigling", schreibt Fanny Gamelin. "Er war stark, aufrichtig und respektvoll." Ein "respektierter Unternehmer" in der Stadt La Rochelle. "Heute ist er tot. Er konnte es nicht verwinden, seine 120 Angestellten nicht bezahlen zu können." Fanny, 23 Jahre alt, Tochter von Joël Gamelin, hat diese Sätze im Internetportal Facebook geschrieben. Sie hat dort eine Gruppe gegründet, die bereits über 12.000 Mitglieder zählt. Sie will die Gamelin-Werft retten, deren Chef ihr Vater war, ruft zu Spenden auf, um die Gehälter der Angestellten bezahlen zu können. 200.000 Euro, genug für einen Monat. Es ist ein Hilfeschrei, ungewöhnlich, aufwühlend.

Joël Gamelin, 55 Jahre alt, war am 23. Dezember in seinem Büro geblieben, als seine Mitarbeiter zum Essen in die Kantine gingen. Dort schluckte er Gift. "Verzeiht mir, dass ich die Firma nicht retten konnte", stand in seinem Abschiedsbrief. Gamelin hatte die Werft aufgebaut, in jahrelanger Arbeit. Er war spezialisiert, er hatte berühmte Jachten hergestellt, etwa für die Weltumseglerin Maud Fontenay. Aber er fand keine neuen Absatzmärkte und zu wenig qualifizierte Mitarbeiter. Zuletzt bekam er von den Banken keine neuen Kredite mehr - und musste Konkurs anmelden.

Merckle steht in einer tragischen Reihe

Es sind solche Geschichten, die in großen Wirtschaftskrisen die Öffentlichkeit erschüttern. In Deutschland ist es der Tod von Adolf Merckle, der sich mit Aktiengeschäften verspekulierte. Der schwäbische Unternehmer, Herr über Firmen wie Ratiopharm und Heidelberg Cement, hatte sich am Montag auf Bahngleise gelegt und wurde von einem Zug überrollt. Merckle steht in einer tragischen Reihe von Unternehmern oder Managern, die Großes gewagt, die mit ihren Ideen Firmen, Konglomerate oder Imperien aufgebaut haben. Blühende Reiche, die irgendwann teils unverschuldet, teils verschuldet in die Krise gerieten oder untergingen. Und deren Herrscher dann den Freitod wählten.

Was treibt diese Menschen, die gelernt haben zu kämpfen, die Sieg und Niederlage kennen, zu diesem Schritt? Nicht immer ist es das Geld. Oft ist es ein kompliziertes Geflecht aus Gründen. Neben dem wirtschaftlichen Abstieg ist es der Verlust von Ansehen, Macht und Kontrolle. "Gehobene Führungskräfte werden vom Erfolg angetrieben. Er ist sehr wichtig für sie", sagt der britische Psychiater Cosmo Hallström. "Wenn das alles wegbröckelt, können sie sehr extrem handeln und unberechenbar sein." Bei Adolf Merckle war es, so eine Erklärung der Angehörigen, "die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können", die den "Familienunternehmer gebrochen" habe. Bei Joël Gamelin war es die Scham, den Ruin nicht abwenden zu können.

Zahl der Todesfälle nimmt wieder zu

Im Laufe der Finanzkrise wurden immer wieder Vergleiche gezogen zu früheren Krisen, vor allem zur Großen Depression. Auch wenn die Legende anderes sagt: Nur wenige Menschen sprangen 1929 aus den Fenstern, als die Börsen zusammenbrachen. Die meisten Selbstmorde ereigneten sich in den Folgejahren - als die Auswirkungen der Finanzkrise in der Realwirtschaft ankamen. 1932 stieg die Selbstmordrate in den USA auf den höchsten Stand aller Zeiten: 17 von 100.000 Menschen wählten in jenem Jahr den Freitod. Die Arbeitslosenquote lag damals bei 25 Prozent. Hinter der Opferzahl verbergen sich vor allem Arbeiter und Angestellte, die Job und Haus verloren haben, deren Ehen wegen Geldnöten in die Brüche gingen, die keine berufliche Perspektive mehr für sich sahen. Aber eben auch diejenigen, die in den Eckbüros residierten, Firmen lenkten, sich in Limousinen chauffieren ließen - und das Sagen hatten.

Nun, da die Wirtschaft wieder in die Rezession steuert, nimmt die Zahl der Nachrichten über Todesfälle unter Topmanagern und Unternehmern wieder zu: Da ist der 59-jährige Kreditvermittler aus Maryland, der von einer Brücke springt, nachdem er seine Frau umgebracht hat. Der 32-jährige Aktienhändler aus Hyderabad, der in seiner Wohnung den Gashahn öffnet, ein Streichholz anzündet und sich mit seiner Familie in die Luft jagt. Der 47-jährige Private-Equity-Manager aus London, der sich vor einen herannahenden Zug wirft.

"Sie scheitern an Ihren Ansprüchen"

Jahrelang liefen diese Menschen auf Hochtouren, wurden gefeiert als "Masters of the Universe". Nach dem Crash an den Märkten sieht alles anders aus. Sie fühlen sich als Versager. Nieten in Nadelstreifen. "Viele Führungskräfte machen ihr eigenes Selbstwertgefühl komplett von äußeren Erfolgen abhängig", sagt Götz Mundle, Psychiater und ärztlicher Geschäftsführer der Oberbergkliniken. "Wenn die wegfallen, scheitern sie an Ihren eigenen Ansprüchen und haben einen so starken Gesichtsverlust, dass sie lieber sterben als weiterleben." So ging es wohl auch René-Thierry Magon de La Villehuchet. Ende Dezember wurde der französische Investor tot in seinem New Yorker Büro aufgefunden. Im Zuge des Madoff-Skandals hatte er 1,5 Milliarden Dollar verloren. 50 Millionen Dollar seines eigenen Vermögens - und sehr viel Geld von Kunden wie der Investmentbank Rothschild & Cie oder der L'Oréal-Großaktionärin Liliane Bettencourt, denen er Madoff-Anlagen vermittelt hatte. Als die Finanzkrise vor einem Jahr eskalierte und Investoren begannen, ihr Geld umzuschichten, drängte der 65-Jährige Freunde und Verwandte, Geld in Madoffs Produkte nachzuschießen. Auch Thierrys Bruder Bertrand investierte ein Fünftel seines Vermögens - und verlor. Er glaubt, sein Bruder habe Selbstmord begangen, weil er es nicht ertragen konnte, andere in ihr Unglück gestürzt zu haben: "Es mag altmodisch erscheinen, aber das war sein Verständnis von Ehre."

Die Furcht vor dem Untergang

Die Furcht vor dem Untergang trieb Unternehmer seit jeher zum Äußersten: Zu den berühmtesten Fällen zählen Magnaten wie der Schwede Ivar Kreuger oder auch Albert Ballin. Der legendäre Hamburger Reeder setzte seinem Leben am 8. November 1918 ein Ende, als Arbeiter- und Soldatenräte die Zentrale seiner Hapag-Reederei besetzten. Er nahm in seinem Büro eine Mischung aus Medikamenten und hochgiftigem Desinfektionsmittel zu sich - wahrscheinlich weil er annahm, dass sein Imperium mit dem absehbaren Ende des Ersten Weltkriegs zerbrechen würde. Nicht immer ist es nur die Schieflage einer Firma oder der Wirtschaft, die Unternehmer und Manager in den Selbstmord treibt - sondern die Verstrickung in kriminelle Machenschaften. Der frühere Enron-Vice-Chairman John Clifford Baxter etwa schoss sich im April 2002 eine Kugel in den Kopf. Man fand ihn in seinem Mercedes, eine halbe Meile entfernt von seinem Haus in einer Villengegend von Houston, Texas.

Der Energiehandelskonzern hatte Geschäftspartner, Anleger und Banken mit fragwürdigen Bilanzierungspraktiken getäuscht. Der Zusammenbruch Anfang 2002 war damals die größte Firmenpleite der amerikanischen Geschichte. Der 43-jährige Manager, der Enron im Mai 2001 verlassen hatte, galt zwar als einer der wenigen Führungskräfte, die die Missstände angeprangert hatten. Doch auch er war durch den Verkauf von Enron-Aktien zum Multimillionär geworden. In einem Abschiedsbrief an seine Frau schrieb Baxter: "Ich habe immer versucht, alles richtig zu machen. Aber wo früher Stolz war, ist jetzt nichts mehr."

Besonders hohe Selbstmordrate in Japan

Selbstmorde aus wirtschaftlichen Gründen gibt es in allen Kulturkreisen. Besonders verbreitet sind sie jedoch in Japan. Das traditionelle Managementsystem fordert absolute Loyalität gegenüber dem Unternehmen. Und wenn es mit dem Unternehmen bergab geht, bleibt nur noch der Selbstmord. Im Krisenjahr 1996 führte die japanische Polizei ein Viertel aller Selbstmorde auf wirtschaftliche Schwierigkeiten zurück.

Für Führungskräfte gilt der Ehrenkodex in besonderem Maße: Wer nicht die Bürde auf sich nimmt, sich öffentlich für schwache Leistungen oder gar kriminelle Verfehlungen zu entschuldigen, muss tödliche Konsequenzen ziehen. So erhängte sich 1997 der frühere Chairman der Dai-Ichi Kangyo Bank, Kuniji Miyazaki, weil er dem Druck der Ermittler nicht mehr standhalten konnte, die Millionenzahlungen der Bank an einen Erpresser untersuchten. Dieser hatte gedroht, peinliche Interna auszuplaudern. 2006 schnitt sich ein Vertrauter des Livedoor-Chefs Takafumi Horie in einem Hotelzimmer die Pulsadern auf - offenbar weil er fürchtete, mit Bilanzmanipulationen des Internetunternehmens in Verbindung gebracht zu werden.

Auch Samuel Israel III. schien den ultimativen Schritt gegangen zu sein. Vergangenen Juni fand man den Geländewagen des Hedge-Fonds-Managers auf einer Brücke über den Hudson River, 40 Meilen nördlich von New York. Der Motor lief, auf dem staubigen Lack stand: "Selbstmord ist schmerzlos". Es hätte gepasst: Israel war zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er mit seinem Fonds Anleger auf betrügerische Weise um 450 Millionen Dollar erleichtert hatte. 2005 war der Fonds implodiert. War er von der Brücke gesprungen? Als Israels Leiche nach einer längeren Suche nicht gefunden wurde, kamen Zweifel am Freitod auf. Die Polizei suchte den Flüchtigen landesweit - bis er sich drei Wochen später auf einer Wache in Massachusetts stellte.

Unternehmer und Manager, die den Freitod wählten

Albert Ballin: Der Hamburger stieg aus armen Verhältnissen zum erfolgreichen Reeder auf und gilt als Erfinder der modernen Kreuzfahrt. Unter seiner Leitung wurde Hapag um 1900 zur größten Reederei der Welt. Der Erste Weltkrieg desillusionierte Ballin und drohte sein Lebenswerk zu vernichten. Am 8. November 1918, nur drei Tage vor dem Waffenstillstand, schluckte er einen tödlichen Medikamentencocktail.

Ivar Kreuger: Der Schwede baute ein Familienunternehmen zum größten Streichholzproduzenten der Welt aus. Auf dem Gipfel seines Erfolgs beherrschte er fast zwei Drittel des Marktes. 1929 kontrollierte Kreuger über 260 Unternehmen und war wichtiger Gläubiger der meisten europäischen Staaten - im Gegenzug erhielt er in den Ländern das Zündholzmonopol. Sein Imperium zerbrach an der Weltwirtschaftskrise, angeblich fälschte Kreuger seine Bilanzen in großem Stil. Als 1932 ein Bankrott unausweichlich wurde, erschoss sich Kreuger. Auf seinen Tod folgte der "Kreuger Crash", der weltweit Investoren und Unternehmen traf.

Jesse Lauriston Livermore: Der Börsenspekulant wurde 1929 bekannt, als er den Crash voraussah und durch Leerverkäufe reich wurde. In den folgenden Jahren verlor er sein Vermögen allerdings wieder an der Börse und musste 1934 Bankrott anmelden. Von diesem Schlag erholte sich Livermore nicht mehr, 1940 erschoss er sich.

Rene Rivkin: Der extravagante australische Börsenhändler wurde in den 80er-Jahren reich und bekannt. 2003 wurde er wegen Insidertradings mit Qantas-Aktien verurteilt, bekam eine Freiheitsstrafe und wurde lebenslänglich vom Aktienhandel gesperrt. Im Mai 2005 beging Rivkin Selbstmord.

John Clifford Baxter: Der Manager war bis Mai 2001 Vice Chairman des Energiekonzerns Enron. Nach der Pleite des Unternehmens wurde wegen zweifelhafter Aktienverkäufe gegen den Multimillionär ermittelt. Baxter sollte vor Gericht aussagen, doch im Januar 2002 erschoss er sich.

Zhang Shuhong: Der chinesische Unternehmer war Chef der Lee Der Toy Company, die dem US-Spielwarenhersteller Mattel 1,5 Millionen Spielzeuge mit zu hohen Bleiwerten lieferte. Als die Produkte zurückgerufen werden mussten, beging Zhang im August 2007 Selbstmord.

FTD