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Affront beim Brüsseler EU-Gipfel Sarkozy schnauzt Cameron an


Dicke Luft und dünne Nerven beim EU-Gipfel: Frankreichs Präsident Sarkozy hat David Cameron angefahren, er solle "die Klappe halten". Dabei steht der britische Premier selbst massiv unter Druck.
Von Marc Drewello

Der Kampf um die Rettung der Eurozone geht den Politikern offenbar immer mehr an die Nerven: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy legte sich beim EU-Gipfel am Sonntag in Brüssel gleich mit zwei hochkarätigen Kollegen an: "Sie haben eine gute Chance verpasst, die Klappe zu halten", schnauzte der Präsident laut der Nachrichtenagentur PA den britischen Premierminister David Cameron an.

"Es macht uns krank, dass Sie uns dauernd kritisieren und uns sagen, was wir tun sollen", wetterte Sarkozy dem Bericht zufolge. "Sie sagen, Sie hassen den Euro und jetzt wollen Sie in unsere Sitzungen eingreifen." Der heftige Streit zwischen den beiden Politikern habe den Abschluss des EU-Gipfels sogar um fast zwei Stunden verzögert, berichtet der "Guardian". Polens Regierungschef Donald Tusk, der Gipfelvorsitzender in Brüssel war, sprach der Zeitung zufolge von einer "stürmischen Diskussion".

Cameron innenpolitisch massiv unter Druck

Cameron hatte zuvor gefordert, dass Großbritannien und alle anderen EU-Länder, die Nichtmitglieder der Eurozone sind, am entscheidenden Treffen zur Eurorettung am Mittwoch in Brüssel teilnehmen können. Der Premier verlangte, dass die Beschlüsse, die beim Folgegipfel gefasst werden, auch die Interessen der Nicht-Euroländer in der EU berücksichtigen müssten. Zuvor hatte er in einem Interview mit der Financial Times die Eurostaaten aufgefordert, bei der Lösung der Schuldenkrise endlich die Bazooka hervorzuholen.

Cameron steht innenpolitisch massiv unter Druck. Am Nachmittag will das britische Unterhaus darüber abstimmen, ob Großbritannien in einem Referendum über die Mitgliedschaft in der EU entscheiden soll. Die Abstimmung, die Cameron für falsch hält, wurde vom rechten Flügel seiner eigenen Partei, den britischen Konservativen initiiert.

Bis zu 100 Abgeordnete von Camerons Fraktion wollen sich hinter den Antrag stellen. Das Ansinnen gilt jedoch als chancenlos. Nicht nur die Mehrheit der Abgeordneten der Regierungskoalition aus Konservativen und Liberaldemokraten ist dagegen, auch die große Oppositionsfraktion der Labour-Partei hat sich im Vorfeld dagegen ausgesprochen.

"Aber was soll ich tun? Ihn umbringen?"

Sarkozys Gereiztheit in Brüssel bekam auch Silvio Berlusconi zu spüren: Der italienische Ministerpräsident bestätigte eine Auseinandersetzung mit dem Präsidenten über die Neubesetzung der Spitzenposten bei der Europäische Zentralbank (EZB). Es geht dabei um das Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi aus Italien.

Sarkozy habe seine Verärgerung darüber deutlich gemacht, dass Bini Smaghi bisher nicht, wie zwischen beiden Ländern verabredet, Platz für einen Franzosen gemacht habe. "Sarkozy begann verärgert zu werden. (...) Dann habe ich irgendwann zu Sarkozy gesagt: 'Aber was soll ich tun? Ihn umbringen?'", berichtete Berlusconi laut "Financial Time Deutschland". Die Amtszeits Bini Smaghis läuft noch bis 2013. Nachfolger von Jean-Claude Trichet an der EZB-Spitze ist zum 1. November Bini Smaghis Landsmann Mario Draghi.

Auch die Presse musste sich während des Gipfels vom französischen Präsidenten zurechtweisen lassen. Auf den Vorwurf eines Journalisten, Deutschland und Frankreich seien im Kampf gegen die Finanzkrise immer wieder gescheitert, antwortete Sarkozy: "Es ist viel leichter, etwas zu kommentieren, als zu handeln."

mit Agenturen

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