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Atomausstieg: Wohin mit dem Müll?

Längere Laufzeiten für deutsche Kernkraftwerke hin oder her: Noch immer ist nicht klar, wo der anfallende Atommüll seine letzte Ruhe finden soll. Die Atomlobby hofft auf eine Entscheidung mit Signalwirkung, die die Stimmung der Bevölkerung endgültig kippen lassen könnte.

Von André Schmidt-Carré

Deutschland debattiert anlässlich steigender Energiekosten darüber, den Atomausstieg zu verschieben. Und während CDU und SPD alte Grabenkämpfe wieder aufnehmen, taucht auch der größte anzunehmende Zankapfel zwischen Kernkraftbefürwortern und Umweltschützern wieder auf: Wo und wie sollen die radioaktiven Abfälle eigentlich entsorgt werden, die bei der Produktion von Atomstrom anfallen?

Ein Endlager für ausgediente Brennstäbe gibt es nämlich nicht, weder in Deutschland noch sonst irgendwo auf der Welt. Daran hat sich seit den ersten wilden Protesten vor Jahrzehnten nichts geändert. Stattdessen liegen die Brennstäbe in Zwischenlagern wie Ahaus oder Gorleben. Dorthin kommen zum Beispiel die hoch radioaktiven Überreste aus den Wiederaufbereitungsanlagen im französischen La Hague und im englischen Sellafield nach Deutschland zurück.

Hinzu kommen dezentrale Lagerstätten in der Nähe von Atomkraftwerken. Deren Einrichtung hat die rot-grüne Regierung unter dem damaligen Umweltminister Jürgen Trittin seinerzeit beschlossen, um die ungeliebten Atommüll-Transporte auf ein Minimum zu reduzieren. Derzeit sind deutschlandweit 13 solcher dezentralen Zwischenlager in Betrieb.

Die Causa Gorleben

Dort dürften die Brennstäbe auch noch eine Weile liegen bleiben. Denn das derzeit einzige Projekt Endlager, ein Salzstock auf dem Gelände des Zwischenlagers in Gorleben, ist noch längst nicht beschlossene Sache. Der Standort wird zwar seit 1979 auf seine Eignung hin überprüft, doch seit fast acht Jahren passiert dort überhaupt nichts mehr. Denn nach dem so genannten "Gorleben-Moratorium" dürfen in dem niedersächsischen Örtchen keine weiteren Erkundungsarbeiten stattfinden.

Die wären indes nötig, um Klarheit über die Eignung des Salzstocks als Endlager zu bekommen. "Nach einem Ende des Moratoriums könnten wir in etwa drei Jahren zum einem Ergebnis kommen", sagt Dieter Marx, Geschäftsführer des Deutschen Atomforums, der Lobbyvereinigung der hiesigen Kernkraftbetreiber. "In den Eignungsuntersuchungen vor dem Moratorium sind keine Anzeichen aufgetaucht, die gegen Gorleben als Endlager sprechen."

Kernkraftgegner sehen das hingegen ganz anders: "Gorleben ist als Standort nicht geeignet", sagt Heinz Smital, Atomexperte bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace. "Zum Beispiel ist der Salzstock nach oben nicht von einer wasserfesten Schicht etwa aus Ton abgedeckt, es gibt also Kontakt zum Grundwasser." Die Kritik der Umweltschützer an der Suche nach einem Endlager geht darüber hinaus ins Grundsätzliche: "Wenn man den Zeitraum von einer Million Jahren sieht, über den die Abfälle sicher aufzubewahren sind, kann es gar keine endgültige Lösung geben", sagt Smital. "Die Rückholbarkeit von Atommüll muss in jedem Fall gewährleistet sein. Eine vermeintlich endgültige Lösung macht höchstens für die Perspektive der Betreiber Sinn, die es in einigen hundert Jahren höchstwahrscheinlich nicht mehr geben wird."

Daneben hätte die Einigung auf ein Endlager für die Kernkraftbetreiber auch Signalwirkung: "Wir erleben bei Umfragen eine deutlich verbesserte Meinung zur Atomkraft, wenn die Frage der Endlagerung geklärt wäre", sagt Kernkraftvertreter Marx. Solange den Bürger das Gefühl beschleicht, dass eine Endlagerung technisch gar nicht möglich ist, haben es die Atomlobbyisten seiner Meinung nach hingegen deutlich schwerer. Die Entscheidung, Gorleben zum Endlager zu machen, hat damit wie alle wichtigen Entscheidungen in der Atomkraft auch eine brisante politische Komponente.

Ass II lässt grüßen

Die jüngsten Vorfälle im Atommüll-Lager Asse II werfen allerdings kein gutes Licht auf die Bemühungen, für ausgediente Brennstäbe unter der Erde eine sichere Bleibe zu finden. In dem ausgedienten Salzbergwerk lagern seit Ende der 70er Jahre rund 126.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen. Die Anlage galt in der Öffentlichkeit zunächst als sicher, Rechenmodelle bescheinigten ihr einen möglichen Betrieb für mehr als 20.000 Jahre. Völlig problemlos läuft die Lagerung aber schon lange nicht mehr: Seit 1988 dringt Wasser in das ehemalige Salzbergwerk ein, derzeit rund zwölf Kubikmeter am Tag. Erst vergangenen Monat wurde bekannt, dass diese Salzlauge einen deutlich erhöhten Gehalt von Caesium 137 aufweist. Sollte künftig noch mehr Wasser in das ehemalige Bergwerk eindringen, besteht Einsturzgefahr. Der Betreiber und zuständige Ministerien überlegen schon, die Hohlräume aufzufüllen und Teile des Atommülls aus den Stollen zu bergen.

Der radioaktive Abfall könnten dann im Schacht Konrad entsorgt werden. Das ehemalige Eisenerz-Bergwerk im niedersächsischen Salzgitter soll ab dem Jahr 2013 als Endlager für schwach und mittelstark strahlenden Müll dienen. Hochradioaktive Brennstäbe dürfen hier allerdings nicht lagern. Rund 1,8 Milliarden Euro hat der Ausbau bislang gekostet.

Auch das Endlager Morsleben dient kaum als Vorbild. In dem ehemaligen Salzbergwerk in Sachsen-Anhalt lagern rund 14000 Kubikmeter niedrig- und mittelradioaktiver Atomabfälle aus DDR-Zeiten, nach 1990 kamen rund 22000 Kubikmeter bundesdeutscher Atomschrott hinzu. 1998 stoppte die Bundesregierung die Einlagerungen nach einer erfolgreichen Klage von Umweltschützern. Erledigt ist das Thema aber auch hier nicht: Im November 2001 lösten sich rund 4000 Tonnen Gestein in einer Grube, über die endgültige Stilllegung berät derzeit der Bund. Wie genau die aussehen könnte, steht in den Sternen.