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Endlagersuche "Das Thema Atomkraft ist in Deutschland auf sehr, sehr lange Zeit politisch vergiftet"

Symbolische Atommüllfässer stehen unweit vom ehemaligen Erkundungsbergwerk Gorleben im Wald
Symbolische Atommüllfässer stehen unweit vom ehemaligen Erkundungsbergwerk Gorleben im Wald. 90 Gebiete in Deutschland haben nach Erkenntnissen der Bundesgesellschaft für Endlagerung günstige geologische Voraussetzungen für ein Atommüll-Endlager. Der Salzstock Gorleben in Niedersachsen ist nicht darunter.
© Philipp Schulze/DPA
Irgendwo in Deutschland muss der radioaktive Abfall aus den deutschen Atomkraftwerken gelagert werden. Nach dem ersten Zwischenbericht über mögliche Standorte nimmt der politische Streit aber sofort Fahrt auf. Die Pressestimmen.

Es ist die erste Etappe in einer langen Suche, nichts ist entschieden. Dennoch dürften sich nun viele Menschen in Deutschland fragen: Kommt bald ein Atomklo in meine Nachbarschaft? Denn insgesamt weisen nach einem Zwischenbericht 90 Gebiete günstige geologische Voraussetzungen auf, die nun genauer unter die Lupe genommen werden sollen.

Gesucht wird der beste Ort, um hoch radioaktiven Atommüll eine Million Jahre lang möglichst sicher zu lagern. Nicht dabei ist der Salzstock Gorleben, der wie kein zweiter Ort als Symbol für die Anti-Atomkraftbewegung steht.

"Das war schon so, als Galilei sagte ..."

Das heikle Thema in der Presseschau:

Die Welt: "Bei der Anwendung der Kriterien des Standortauswahlgesetzes kommt die BGE in jedem Einzelpunkt zum Schluss, dass praktisch nichts gegen Gorleben spricht. Auf der letzten Seite des Gutachtens wird ein einziges Kriterium, die 'Einschlusswirkung durch das Deckgebirge', als 'ungünstig' bewertet. Diese Frage war stets umstritten. Die Endlagerforscher antizipieren, dass während der Dauer der Endlagerung von einer Million Jahren zehn Gletscher-Eiszeiten über das Gelände ziehen könnten, sodass von etwaigen Deckgebirgen kaum etwas übrig bliebe. Die umstrittene Rolle eines Deckgebirges zum Killerkriterium aufzublasen überschreitet die Kompetenzen der BGE. Diese Frage schreit nach transparenter, wissenschaftlicher Klärung in der Standortsuche."

Pforzheimer Zeitung: "Die Geologen haben sich in ihrem ersten Gutachten, so weit erkennbar, streng an wissenschaftliche Kriterien gehalten, was die Debatte etwas versachlicht. Selbst den Salzstock Gorleben haben sie nicht aussortiert, weil die Anwohner wirklich genug mitgemacht haben, sondern weil er nicht sicher ist.

Das ist eine späte Genugtuung für die dortigen Aktivisten, die das immer behauptet haben und dafür wie Staatsfeinde behandelt wurden. Die neue Endlagersuche funktioniert nur, wenn die Politik sich aus der Wissenschaft heraushält. Hier allerdings liegt das große Risiko. Wo beide Bereiche in einem Becken schwimmen, geht das für die Wissenschaft oft nicht gut aus. Das war schon so, als Galilei sagte, die Erde drehe sich um die Sonne, das ist bei Corona in allen Ländern so, in denen Populisten regieren, und das wird auch in Deutschland bei der Endlagersuche die große Versuchung sein, je enger das Feld wird."

Hessische Niedersächsische Allgemeine: "Neu ist seit dem Zwischenbericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung vom Montag, dass der Salzstock in Gorleben zum ersten Mal ausschließlich wissenschaftlich bewertet wurde, nicht politisch. Und siehe da: Über die Hälfte des deutschen Bodens ist prinzipiell geeignet für ein Endlager. Gorleben aber nicht. Die bayerische Koalitionsvereinbarung gegen ein mögliches Endlager in Bayern lässt ahnen, wie vergiftet dieses Thema immer noch ist. Überall, nur nicht bei uns? Und das, obwohl sich alle Bundesländer, auch Bayern, eine ergebnisoffene Prüfung versprochen hatten? Wenn der erste Zwischenbericht zur Endlagersuche eines zeigt, dann dies: Das Thema Atomkraft samt Folgen ist in Deutschland auf sehr, sehr lange Zeit politisch vergiftet. Für die wissenschaftliche Lösung des Problems war und ist das alles andere als hilfreich."

Frankfurter Rundschau: "Doch nun folgt der zweite, viel schwierigere Teil der Operation Endlagersuche. Die Fehler sollen sich nicht wiederholen. Nur fachliche Erwägungen sollen unter breiter Bürgerbeteiligung zum Ziel führen – zu dem einen Standort, der den Atommüll für die unglaubliche Zeit von einer Million Jahre von der Biosphäre abschottet. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass neue Protestdörfer entstehen. Mit den definierten 90 Regionen fast quer durch die Republik ist keine Vorfestlegung verbunden. Über die Hälfte der Fläche Deutschlands gilt als potenzielles Endlagergebiet. Doch so wird es nicht bleiben. In den nächsten Jahren wird der Kreis der möglichen Standorte nach und nach verkleinert, indem weitere Kriterien berücksichtigt werden, etwa die Bevölkerungsdichte. Dann wird die Debatte in den jeweiligen Regionen heiß laufen. Damit kein neues Gorleben entsteht, müssen Politiker und Endlager-Fachleute alles tun, um das Vertrauen der Bevölkerung in die Objektivität des Suchprozesses zu stärken."

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Die Überraschung im Zwischenbericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung ist nicht, was drinsteht, sondern das, was herausfällt: Gorleben. Dass der Salzstock so früh schon als ungeeignet aus der Endlagersuche ausscheidet, wird nicht nur die Geologen überraschen, die den Standort über Jahrzehnte für geeignet gehalten haben. Es mag bessere Standorte in Deutschland geben. Es ist allerdings eine kühne Behauptung der Gesellschaft, das jetzt schon und zwar für 54 Prozent der Fläche der Bundesrepublik sagen zu können. Auf dieser Fläche verteilen sich die neunzig 'Teilgebiete', die zwar nicht annähernd so gut erkundet sind wie Gorleben, auf denen die Suche nun aber weitergehen soll. Eine Ära geht damit zu Ende – eine neue hat begonnen, und die könnte mit hoher Wahrscheinlichkeit so enden wie die alte."

Süddeutsche Zeitung: "Die endgültige Entscheidung für ein Endlager wird nun nicht nur weitere zehn Jahre dauern, sondern auch mit heftigem politischem Hickhack einhergehen – übrigens ganz ähnlich wie die Entscheidung für Windrad-Standorte. Deutschland wird, so wie beim Atomausstieg, auch hier lernen müssen, dass ein Nein nicht genügt – in der Frage nach der Energiegewinnung ebenso wie bei der Müllentsorgung."

tim DPA AFP

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