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Bahn-Affäre: Der böse Geist

Sein Wort war Befehl. Mit einer kleinen Clique wollte Hartmut Mehdorn einen Großkonzern beherrschen. Die Spitzelaffäre zeigt, wie skrupellos seine Helfer dabei agierten. Nun ist der Bahnchef nur noch ein Spielball der Politik.

Es war wieder einmal spät geworden. Hartmut Mehdorn ackerte noch am Schreibtisch im 25. Stock des Bahntowers. Wieder war so viel liegen geblieben und noch so viel zu besprechen. Das war die Stunde für Mehdorns berüchtigte Rotweinrunde. Da rief er seine engsten Mitarbeiter und Berater zu sich; egal, ob die schon im Bett lagen. "Komm doch noch mal rüber!", ordnete er dann per Telefon an. Einige wohnten gleich nebenan in den Apartmenthäusern am Potsdamer Platz. Durch den unterirdischen Zugang in den Bahntower und rauf zum Alten. In diesem Zirkel wurden die wichtigen Entscheidungen vorbereitet. Da ging es um Aufstieg oder Fall von Untergebenen. Da wurde ausgeheckt, was in keiner Akte auftauchen sollte.

Nicht Geld, sondern Ruhm

Mehdorn vibriert in solchen Momenten vor Kraft. Er will die Staatsbahn auf Schlagkraft trimmen. Die Luschen rausschmeißen. Mit Volldampf an die Börse. Bloß weg aus dem Klammergriff der Politik. Hartmut Mehdorn wollte Mr Bahn werden. Nicht für Geld, sondern für diesen Ruhm gibt er seit fast zehn Jahren fast alles. Es muss ihn wahnsinnig gemacht haben, wie korrupt es in dem Staatsunternehmen zuging. "Die haben uns die Lokomotiven unterm Arsch verkauft", beschreibt einer aus der Rotweinrunde Situation und Stimmung. "Die bestehlen uns am helllichten Tag und lachen dir frech ins Gesicht."

Und hier beginnt die Tragik des Kraftpakets aus dem Bahntower. Weil er das Gute wollte und das Böse überall witterte, löste er einen Schnüffelwahn ohnegleichen aus. Seine Leute entwickelten Spitzel- und Spähaktionen, die die gesamte Belegschaft unter Generalverdacht stellten. Mitarbeiter, Ehepartner, Konten - alles wurde ausgespäht. Der Zweck heiligte auch jene Mittel, die sich nun als illegal herausstellen.

Welchen Geist Mehdorn aussendete, wenn er mit Führungskräften kommunizierte, dokumentiert ein Brief aus dem Jahr 2005. In dem Schreiben geht es um die Weitergabe vertraulicher Unterlagen. "Geheimnisverrat" findet Mehdorn ebenso verwerflich wie Schiebereien. Ein interner Fahndertrupp sei deshalb "systematisch unterwegs", um "die Lecks einzugrenzen", warnt Mehdorn. Und er droht "mit allen arbeitsrechtlichen Konsequenzen".

Regime der Angst

Mehdorn habe ein Regime der Angst im Bahntower installiert, sagt ein früherer Mitarbeiter und Insider. Der Alte verlangte Fahndungserfolge. Und der Apparat spurte.

  • Dreimal wurden die Adressdaten und Bankverbindungen der gesamten Belegschaft einer Rasterfahndung unterzogen. Der hunderttausendfache systematische Abgleich mit Lieferanten sollte aufdecken, ob Mitarbeiter in die eigene Tasche wirtschafteten oder unerlaubt Nebentätigkeiten nachgingen.
  • Zweimal ließ die Bahn ihr Management auf Verbindungen zu anderen Firmen hin überprüfen. Dabei gerieten auch Ehepartner und sogar Verwandte ins Visier.
  • Sechs Detekteien spannte die Bahn für Spähdienste ein. Mindestens zwei - die Firmen Argen und Network - stehen im Verdacht, illegal Geldbewegungen auf Bankkonten ausgespäht zu haben. Die anderen Ermittlungsbüros - darunter nach stern-Informationen die Duisburger Detec-Tronic-Consulting sowie die Frankfurter Branchengröße KDM - waren laut Bahn in die "Aufklärung von Vermögensverhältnissen im In- und Ausland" und von Korruption eingebunden. Das klingt nicht weniger grenzwertig. Detec-Tronic gibt auf Anfrage an, die Tätigkeit für die Bahn 2001 habe nichts mit in der Kritik stehenden Aktionen zu tun gehabt. KDM-Chef Klaus-Dieter Matschke sagt: "Mit Schnüffelgeschichten gegen Mitarbeiter oder dem Ausforschen von Kontodaten hatten wir nichts zu tun." Es habe sich um einen Observierungsauftrag in den Jahren 1998 und 1999 gehandelt.

Die Spitzel schwärmten auch aus, als eine Bahnmitarbeiterin bei ihrem Arbeitgeber als Scientology-Mitglied angeschwärzt wurde. Sie beschafften Infos zu Kfz-Zulassungen, Familienverhältnissen und Immobilienbesitz. So steht es in einem "Zwischenbericht", den die Bahn zu der Datenaffäre inzwischen vorlegte. Als der stern im Januar über "Die Spitzel von der Bahn" (stern Nr. 5/2009) berichtete, wies der Konzern die Vorwürfe noch von sich. Heute räumt er Verfehlungen ein: Nicht auszuschließen sei, dass Ermittlungsfirmen "gegen Gesetze verstoßen haben". Ebenso wenig werde ausgeschlossen, "dass solche Gesetzesverstöße teilweise in Kenntnis und Billigung von Mitarbeitern der DB AG zustande kamen".

Überall witterte Bahnchef Mehdorn Schmu, auch das lässt sich aus dem Bericht ablesen. Beim Putzdienst, bei den Gärtnern, die Buschwerk und Gras entlang der Gleise trimmen, beim Winterdienst. Von illegalen Methoden bei den Ermittlungen will der Bahnboss allerdings nichts gewusst haben. Verantwortlich für die Affäre sei die für Finanzdinge zuständige Revisionsabteilung des Konzerns.

Papiere könnten vernichtet worden sein

Josef Bähr heißt der Mann, der sich von Mehdorns Jagdfieber hat infizieren lassen und dem die Bahn nun die ganze Schuld zuweist. Bähr ist Leiter der Revision und seit wenigen Tagen "beurlaubt". Mitarbeiter beschreiben ihn als ruhig und eher zögerlich. Kein Hasardeur, sondern im Gegenteil ein bisschen umständlich und überfordert habe er gewirkt. "Teddy-Bähr" witzeln Vertraute mit seinem Namen. Anonyme Schreiben von Mitarbeitern, die in letzter Zeit an die Presse gingen, klingen noch weniger freundlich. Fest steht: Bähr vergab die meisten der Spähaufträge - und zwar mündlich, darunter 43 an die Ermittlungsfirma Network Deutschland. Network ist jene Detektei, die auch in die Bespitzelung von Aufsichtsräten und Journalisten bei der Deutschen Telekom verwickelt ist.

In fast allen heiklen Fällen machte sich Bähr vom Potsdamer Platz aus persönlich auf den Weg ins Network-Büro in der Nähe des Ku'damms. Besonders oft geschah das 2003, Bähr nannte es das "Jahr der Sauberkeit". Allein 15 Aufträge vergab er damals an die Detektei, sie besitzen so fantasievolle Codenamen wie "Eichhörnchen" und "Babylon". Allein in jenem Jahr kassierte Network insgesamt 363.901 Euro plus Mehrwertsteuer von der Bahn.

Bei Network liefen Fahndungsaktionen wie die gegen ein Kartell von Bremsbelagherstellern (Projekt "Twister"). Der Job war unter Aspekten des Datenschutzes unkritisch, die Aktenlage ist in dem Fall komplett. Hier wurden aber auch die Rasterfahndungen ausgeheckt, mit der die Bahn nun in der Kritik steht. Bei einer Reihe von Spähdiensten ist die Aktenlage derart dünn, dass die Bahn selbst einräumt, Papiere könnten vernichtet worden sein. Laut Konzernrichtlinie musste Revisionsleiter Bähr Bahnchef Mehdorn direkt Bericht erstatten. Ist er nun das Bauernopfer in der Spitzelaffäre?

Ein Großteil ist für seinen Rücktritt

Ist es vorstellbar, dass der Mann gegenüber seinem Vorgesetzten die Fahndungserfolge verheimlichte? Dass er zum Beispiel verschwieg, dass der Check von Belegschaft und Lieferanten rund 300 Treffer brachte? Bähr war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Intern lief die Rasterfahndung zudem alles andere als diskret ab: In die Operationen waren Personalverwaltung und Konzernbuchhaltung eng eingebunden. Mal wurde der massenhafte Datenabgleich direkt an einem Computer der Personalabteilung durchgeführt. Mal bedurfte es eines Antrags, damit das Personalwesen die Daten herausgab. "So etwas läuft nicht am Vorstand vorbei", sagt ein Bahn-Insider, der einst eng mit der Revision befasst war.

Die Menschen in Deutschland haben sich ihr Bild über die Vorgänge bei der Bahn gemacht. Sie sehen Bahnchef Mehdorn als den Hauptverantwortlichen in der Affäre. In einer Umfrage für den stern sind 76 Prozent der Befragten der Meinung, der 66-jährige Hartmut Mehdorn müsse seinen Posten räumen.

Parteikalkül hält ihn im Amt

Im Politikbetrieb Berlins, den Mehdorn so verabscheut, ist der Bahnboss nur noch ein Geduldeter. Selbst wenn ihm die Spitzelaktionen tatsächlich verborgen geblieben wären, müsse er gehen, sagt FDP-Verkehrsexperte Horst Friedrich: "Dann trifft ihn der gleich schwere Vorwurf des Versagens." Das für die Bahn zuständige Verkehrsministerium würde Mehdorn lieber heute als morgen aufs Abstellgleis manövrieren; allein Parteikalkül hält ihn vorübergehend im Amt: Die Große Koalition mag sich kurz vor der Bundestagswahl auf keinen Nachfolger einigen. Danach aber sei der Bahnchef fällig, heißt es in Berlin.

Mit Volldampf an die Börse? Bloß weg aus dem Klammergriff der Politik? Die Rotweinrunde wird sich künftig Trivialem zuwenden müssen - vielleicht dem Handicap des Alten beim Golfen.

Von Johannes Röhrig, Marcus Gatzke, Jan Rosenkranz und Hans-Martin Tillack

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