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Berufspendler-Experte zum Bahnstreik: "Pendeln ist nicht nur lästig - sondern gefährlich"

Tägliches Pendeln birgt ein Gesundheitsrisiko, weiß Experte Claas Tatje. Da kommt der Bahnstreik genau richtig, um sich in der Pendelpause zu fragen: Ist die Zeit gekommen, um den Job zu wechseln?

Von Stefan Schmitz

Tausende Deutsche pendeln zur Arbeit. Der Streik der GDL trifft Berufspendler hart.

Tausende Deutsche pendeln zur Arbeit. Der Streik der GDL trifft Berufspendler hart.

Herr Tatje, die Lokführer streiken mal wieder. Auf den Straßen sind noch mehr Staus als sonst. Was bedeutet das für die Millionen Pendler?

Noch mehr Ungewissheit. Niemand weiß, ob und wann er ankommt. Das ist das Schlimmste für Pendler. Streik ist gleich Stress.

In Ihrem Buch über das Pendeln beschreiben sie die Folgen – das reicht vom Dauerschnupfen bis zur Scheidung und dem Zerfall aller sozialen Bindungen. Wieso träumen trotzdem so viele vom Glück im Grünen, weit weg von Hektik und Arbeit?

Weil sie die Folgen des Pendelns dramatisch unterschätzen. Das gilt für die Kosten ebenso wie für den Verlust an Lebensqualität. Die Argumentation vieler Pendler erinnert an Raucher, die sagen, Helmut Schmidt ist auch schon fast 100 und raucht immer noch. Außerdem ist es am Arbeitsplatz geradezu ein Tabu, über die Belastungen zu sprechen, um keine Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit zu wecken.

Was können Unternehmen tun, um ihren Beschäftigten das Pendeln zu erleichtern?

Sie sollten zunächst das Problem überhaupt wahrnehmen. Viele Unter-nehmen investieren in Gesundheits- und Sportprogramme – aber oft werden die Pendler vergessen. Dabei würde es deren Stress schon deutlich reduzieren, wenn zum Beispiel auf Meetings vor neun Uhr morgens verzichtet würde.

Warum gelingt es nicht, mehr Beschäftigten die Arbeit am PC zuhause zu ermöglichen?

Viele Arbeitnehmer halten sich für unersetzlich. Sie wollen ins Büro, weil sie Sorge haben, sonst etwas zu verpassen. Und tatsächlich ist der persönliche Kontakt wichtig. Aber es gibt in vielen Fällen keinen Grund, dass der Pendler nicht zumindest einen Tag in der Woche zuhause bleibt und sich die Arbeit selbst einteilt – das gibt ihm die Chance, seine Arztbesuche, den Weg zum Steuerberater oder den Besuch bei der Schwiegermutter in der Woche zu erledigen. So kann er das Wochenende freihalten.

Warum ist das so wichtig?

Weil sonst das ganze Leben, einschließlich der Wochenenden, durchgetaktet ist und die Pendler überhaupt nicht zur Ruhe kommen. Das ist auf Dauer nicht nur lästig, sondern gefährlich.

Raten Sie Pendlern, umzuziehen oder sich einen neuen Job zu suchen?

Vor allem sollte jeder in Ruhe darüber nachdenken und herausfinden, was ihn belastet und was nicht. Vielleicht ist der Bahnstreik dafür eine gute Gelegenheit.