HOME

Bahntarife: Mehr Chaos am Verhandlungstisch als auf Bahnsteigen

In einem Punkt hatte es Manfred Schell am Donnerstag besser als Hunderttausende Pendler. Der Hauptverantwortliche für die Warnstreiks kam pünktlich zur Arbeit.

Der Chef der Lokführergewerkschaft GDL und Hauptverantwortliche für die massiven Warnstreiks bei der Deutschen Bahn kam pünktlich zur Arbeit. Kurz vor dem verabredeten Zeitpunkt um 13.00 Uhr tauchte Schell, der am Morgen auf dem Frankfurter Hauptbahnhof noch bereitwillig Interviews gab, bei den Tarifverhandlungen in der Berliner Konzernzentrale der Bahn auf. Sein ICE 694 hatte nur wenige Minuten Verspätung.

Frühaufsteher waren schlimm dran

Viele andere hatten nicht so viel Glück. Auf den Bahnhöfen von Flensburg bis Passau mussten am Donnerstag unzählige Fahrgäste auf ihre Verbindung warten. Vor allem Frühaufsteher erwischte es schlimm: Zwischen 6.00 Uhr und 6.45 Uhr ging vielerorts überhaupt nichts mehr. Aus Protest gegen die Verhandlungstaktik des Bahn-Vorstands blieben mehrere hundert Lokführer mit ihren Zügen einfach stehen. Deshalb konnten auch arbeitswillige Kollegen nicht weiter fahren.

Manche doppelt betroffen

Auch wenn das ganz große Chaos ausblieb: Bis weit in den Tag hinein boten auf Deutschlands Bahnhöfen viele Anzeigentafeln das gleiche Bild: 20 Minuten Verspätung, 30 Minuten, 40 Minuten. In einigen Städten wie Hannover, Leipzig oder Magdeburg hatten Pendler diese Woche bereits zum zweiten Mal unter dem Tarifkonflikt zu leiden. Grund dafür ist, dass vor der bundesweiten GDL-Aktion die anderen Bahngewerkschaften Transnet und GDBA bereits regionale Warnstreiks veranstaltet hatten.

Drei Gewerkschaften kämpfen für ihre Leute

Sehr zum Leidwesen der Gewerkschaften ist inzwischen auch vielen frustrierten Bahn-Fahrern klar, dass es nicht nur um das übliche «Tarifgefeilsche» geht. Sondern auch um die Frage, welche der drei Gewerkschaften die stärkere ist und für ihre Mitglieder mehr herausholt. Zwar bestreiten die Funktionäre vehement jedes Konkurrenzdenken und den Vorwurf des Bahn-Vorstands, gewerkschaftsinterne Machtkämpfe auf dem Rücken der Kunden auszutragen.

Unterschiedliche Forderungen

Der tiefe Riss im Gewerkschaftslager wurde jedoch schon vor Wochen deutlich. Da warf GDL-Chef Schell seinem Transnet-Gegenüber Norbert Hansen, einen Schmusekurs mit der Bahnspitze vor. Der blaffte zurück und meinte, GDL stehe für «gedankenlos, dumm und leichtfertig». Angesichts dieses, durch Streits über Regional-Tarife ausgelösten Disputs, starteten die Tarifpartner in eine der skurrilsten Verhandlungen. Zunächst stellten die Gewerkschaftslager unterschiedliche Forderungen auf. Die einen verlangen drei, die anderen fünf Prozent mehr Lohn.

"Edelbeschäftigte"

Zudem will die GDL aber auch einen Spartentarifvertrag für Lokführer. Damit startet sie auf eine «Gewerkschaft der «Edelbeschäftigten» zu - ähnlich wie die Pilotenvereinigung Cockpit. Um ihre Schlagkraft zu beweisen, stieg sie nur für einen Tag in die Arbeitskämpfe ein, sorgte damit aber für die meisten Schlagzeilen. Die Unstimmigkeiten setzten sich auch am Verhandlungstisch fort, wo die Gewerkschaften nur getrennt verhandeln.

Wechselnde Gesprächsrunden

Das Schild am Revers von Bahn-Personalvorstand Norbert Bensel war deshalb mehr als Zufall. Es wies ihn als «Führungskraft im Serviceeinsatz» aus - einer jener Manager, die am Morgen auf den Bahnhöfen noch Fahrgäste besänftigt hatten. In ähnlicher Mission muss sich Bensel in den wechselnden Runden mit den Gewerkschaften vorgekommen sein.

Schlichtung sinnvoll

Die Auseinandersetzung an mehreren Fronten ließ den Ausgang der Gespräche zu Beginn mehr als offen. Zunächst musste ein Schlichtungsabkommen mit allen zerstrittenen Partnern auf den Tisch, um überhaupt in die eigentliche Lohnrunde zu treten. Danach sah es aber zu Beginn nicht einmal ansatzweise aus. So wurde ein Scheitern nicht ausgeschlossen.

Totales Tarif-Chaos

Am Ende könnte die verfahrene Situation sogar dazu führen, dass eine Gewerkschaft einen Kompromiss erzielt, während die Konkurrenz weiter kämpft. Die einen könnten dann streiken, während die anderen ihren Dienst verrichten, ohne Streikbrecher zu sein. Ein Verhandlungsteilnehmer meinte entnervt: «So ein Tarif-Chaos habe ich noch nicht erlebt.»

DPA