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Sexshops und Co.: Beate Uhse ist insolvent - warum der Erotikpionier am Abgrund steht

Beate Uhse revolutionierte das Sexleben der Nachkriegszeit und eröffnete einst den ersten Sex-Shop der Welt. Obwohl der Markt für Sexspielzeug boomt, muss das einstige Erotikimperium Insolvenz anmelden. Was ist schief gelaufen?

Beate Uhse ist insolvent

Beate Uhse ist insolvent

"Kriegt man vom Küssen Kinder?" - solche und ähnlich absurde Fragen erhielt Beate Uhse Anfang der 1950er Jahre von Frauen. Sie hatte gerade in Flensburg den weltweit ersten Sex-Shop eröffnet, der natürlich so noch nicht heißen durfte. Denn im Nachkriegsdeutschland war man noch weit entfernt von Aufklärung. Sex hatte man, oder eben auch nicht. Aber man sprach nicht drüber. Unlust, Verhütung oder Impotenz, das waren keine Themen. Bis Beate Uhse anfing, aufzuklären. In ihrem Laden "Fachgeschäft für Ehehygiene" verkaufte sie ab 1951 hübsche Unterwäsche, Bücher, Magazine und allerlei Stimulanzien. Ein Jahr später konnte man diese Dinge auch bei ihr bestellen. Es war der Grundstein für ein Erotikimperium. Nun muss Beate Uhse Insolvenz beantragen.

Schon seit Jahren steckt das Unternehmen in der Krise. Der unterschätzte Onlinehandel, das weggebrochene Geschäft mit Pornos, die Zielgruppe Frauen, die man zu lange ignoriert hat. Aber auch der Wandel der Zeit machte es für Beate Uhse immer schwerer. Heute werden Vibratoren auch in Drogerien verkauft. Nun soll der Weg in die Insolvenz zu einem Neuanfang führen. "Der Vorstand der Beate Uhse AG, Michael Specht, hat sich zu diesem Schritt entschlossen, um die Sanierung der gesamten Gruppe in Eigenverwaltung nachhaltig umzusetzen", teilte die Beate Uhse AG mit. Ob der Plan aufgeht, ist sehr unsicher. Zu lange schon hinkt Beate Uhse dem Markt hinterher.

Umsatz in zehn Jahren halbiert

Das Unternehmen musste in den vergangenen Jahren erschreckend schlechte Zahlen hinnehmen. Der Jahresabschluss 2016 ist immer noch nicht fertig, im Sommer musste der Finanzchef gehen. Im Jahr zuvor musste das Unternehmen unterm Strich ein Minus von mehr als 18 Millionen Euro verbuchen. Der Umsatz schrumpfte abermals, von 143 auf 128 Millionen Euro. Damit setzt Beate Uhse den Abwärtstrend der vergangenen Jahre fort. Zum Vergleich: 2005 war das absolute Rekordjahr des Unternehmens, damals erzielte man noch einen Umsatz von mehr als 284 Millionen Euro. Zehn Jahre später ist dieser mehr als halbiert.

Beate Uhse kämpft seit 2005 mit sinkenden Umsätzen.

Beate Uhse kämpft seit 2005 mit sinkenden Umsätzen.

Bereits 2013 wollte der Konzern diese Entwicklung stoppen und hübschte sich für eine neue Zielgruppe auf - die Frauen. Schlichen früher noch meist Männer in die Sex-Shops, sind es längst die Damen, die den Umsatz der Branche ankurbeln. Und so verpasste sich der Erotikhändler ein Logo mit Herzchen und Schnörkeln, verbannte die prallbrüstigen Doppel-D-Damen vom Katalog-Cover und räumte die Filialen um, damit sich vor allem Frauen dort wohl fühlen. Genützt hat es nichts, das neue Logo ist vor einigen Monaten wieder abgeschafft worden. 

Internet-Sexshops als Konkurrenz

Während Beate Uhse zwar traditionsreich, aber auch ziemlich angestaubt und auch ein bisschen schmuddelig daherkommt, haben neue Akteure den Markt geentert. Und die starten im Netz mit Unterwäsche, Dildos und Sex-Spielzeug so richtig durch. 2006 startete der Bielefelder Erotikhändler Eis.de. Laut dem "Tagesspiegel" hat Eis.de 25.000 Produkte im Sortiment und innerhalb von neun Jahren rund 6,5 Millionen Bestellungen ausgeliefert. Als Marktführer bezeichnet sich das Unternehmen - natürlich ohne dabei konkrete Zahlen zu nennen.

Der Wettbewerber Amorelie, einst eine Gründung im Gebrüder-Samwer-Imperium Rocket Internet und inzwischen zu 75 Prozent im Besitz der ProSiebenSat1 Media AG, geht einen anderen Weg. Hochwertig - und somit auch hochpreisig - ist hier das Verkaufsargument. Doch auch Amorelie mag ungern konkrete Zahlen rausrücken. Der Umsatz soll sich zwischen 2013 und 2014 verzehnfacht haben, zitiert das "Handelsblatt" die Geschäftsführerin.

Internet-Pornos statt DVD-Kauf

Beate Uhse hat nicht nur zu lange auf die männliche Zielgruppe gesetzt - auch die Entwicklung des Internets hat das Unternehmen stark unterschätzt. "Beate Uhse hat einen wesentlichen Teil seiner Einnahmen mit Erotikvideos generiert", sagt Thomas Roeb, Professor für Handel an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, zum "Hamburger Abendblatt". "Das Internet hat diesem Geschäft komplett den Boden entzogen." Statt sich DVDs zu kaufen, konnte man nun Videos im Netz sehen - und das bald auch kostenlos. Inzwischen boomen Plattformen, wo private Sexfilmchen hochgeladen werden können. Von dieser Entwicklung profitieren die Portale, für Beate Uhse ist ein wichtiger Umsatztreiber weggebrochen. 

Der Insolvenzantrag resultiert aus den gescheiterten Bemühungen, eine Umschuldung im Zusammenhang mit einer Anleihe im Volumen von 30 Millionen Euro zu erreichen. Die Gläubiger konnten sich nicht einigen. Der Geschäftsbetrieb in Deutschland und den Niederlanden soll trotz des Insolvenzverfahrens uneingeschränkt weiterlaufen.