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BenQ-Pleite: Weiter geht's - für die Ingenieure

Tausende von Jobs sind durch die Pleite des Handyherstellers BenQ vernichtet worden. Aber: Ein Teil der Belegschaft hat beste Chancen, sofort wieder einen Job zu finden. Hauptsache, sie sind Ingenieure - und leben in München.

Von Rudolf Stumberger

Der Portier im ehemaligen BenQ-Hauptgebäude an der Münchner Grillparzerstraße ist hilflos: Nein, sagt er am Telefon einem Kunden, auch er wisse nicht, wie das mit den Ersatzteilen sei, vielleicht gebe es noch im Internet irgendwo eine Seite. Die meisten Eingänge des Firmenkomplexes sind geschlossen, nur auf der Rückseite schleppen die Mitarbeiter einer Umzugsfirmen Computer und Büropflanzen aus dem Haus. Gerade 60 Mitarbeiter sind hier noch in der Abwicklung tätig. Der Großteil der Kollegen sitzt freigestellt zu Hause und wartet auf Post von der Transfergesellschaft, in die rund 800 der Münchner Mitarbeiter gewechselt sind.

So wie Elfriede Völkel. 25 Jahre lang war die 52-Jährige bei Siemens angestellt, bei BenQ arbeitete sie zuletzt in der Qualitätssicherung. Zwölf Monate lang wird sie in der Transfergesellschaft das sogenannte Transferkurzarbeitergeld erhalten, das vom Arbeitsamt bezahlt wird und durch Zuschüsse von Siemens auf 80 Prozent des ehemaligen Nettogehaltes aufgestockt wird. Sie blickt optimistisch in die Zukunft, auch wenn sie von Bekannten hört, dass es mit ihren 52 Jahren nicht einfach werden wird. "Man darf sich nicht verkriechen und man muss alle Möglichkeiten ausschöpfen", sagt sie - und ist selbst sehr aktiv, was Bewerbungen anbelangt: "Da kommt keiner von selbst und bietet dir eine Arbeit an." Vor kurzem hatte sie erst ein Vorstellungsgespräch in Österreich, ein weiteres soll in ein paar Tagen stattfinden. Die ehemalige Siemens-Mitarbeiterin weiß um ihre Pluspunkte: Auslandserfahrung in den USA und China, sie spricht fließend Englisch und sie ist flexibel.

Produktionsmitarbeiter nicht gefragt

Für Matthias Jena von der IG Metall Bayern haben die Münchner Ex- Mitarbeiter von BenQ generell keine schlechten Karten: "Wir sind optimistisch, dass rund 80 Prozent der Leute wieder schnell einen Job findet." Denn der Arbeitsmarkt in der bayerischen Landeshauptstadt ist gut, die wirtschaftliche Lage hier eine der besten in Deutschland. Zudem sind die Münchner Mitarbeiter hoch qualifiziert, kommen die Ingenieure doch zum Beispiel aus den Entwicklungsabteilungen - sie stellen sozusagen die gesuchten "Filetstücke" auf dem Arbeitsmarkt dar. Anders die ehemaligen BenQ-Beschäftigten in Nordrhein-Westfalen. Am Standort Kamp-Lintfort waren viele in der Produktion beschäftigt, darunter auch Angelernte und gering Qualifizierte. Auch ist dort die Arbeitslosigkeit ungleich höher als in München.

Die Landeshauptstadt mit ihrer Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent hat in der Tat eine positive Arbeitsplatz-Bilanz vorzuweisen. Für Ingenieure sieht die Situation so aus: 900 sind arbeitslos gemeldet, dagegen stehen 600 offene Stellen. Bei den Arbeitssuchenden handelt es sich überwiegend um ältere Arbeitnehmer, die zum Beispiel im Management tätig und damit abseits der technischen Entwicklung waren. Für diese Gruppe meist Langzeitarbeitsloser stellt sich der Arbeitsmarkt eher sehr kritisch dar, doch es gibt Hoffnung. Seit März 2006 hat sich der Arbeitskräftebedarf "rasant" entwickelt, so Hans Werner Walzel, Chef der Münchner Arbeitsagentur, er rechnet nun mit einem dauerhaften Aufschwung. Immerhin hat sich die Zahl der Arbeitslosen binnen Jahresfrist von rund 87.000 um fast 25 Prozent auf 66.000 reduziert. Trotzdem gab es 2006 in München noch einen Personalabbau von 8000 Arbeitnehmern in 130 Betrieben, darunter der Handy-Hersteller BenQ. Für dessen Pleite musste die Behörde tief in die Tasche greifen: Drei Monate lang bekamen die BenQ-Mitarbeiter aller Standorte ihr Gehalt als Insolvenzgeld bezahlt, was sich auf 23,5 Millionen Euro belief. Für die insgesamt 2540 Arbeitnehmer in den beiden Transfergesellschaften von Bayern und Nordrhein-Westfalen wird für zwölf Monate Anspruch auf Transferkurzarbeitergeld mit einer Summe von 46 Millionen Euro gerechnet. Aus verschiedenen Töpfen der Länder und der EU stehen den beiden Transfergesellschaften zudem rund 13 Millionen für Qualifizierungsprogramme zur Verfügung.

Siemens, interessanter Arbeitgeber

Doch solange muss dort das Verweilen nicht dauern. Anfang Februar soll bei der Arbeitsagentur eine spezielle Jobbörse für die Ex-BenQ-Mitarbeiter über die Bühne gehen, 30 Firmen haben bereits ihr Interesse angemeldet. Immerhin handelt es sich dabei um "eine sehr gut ausgebildete, in der Regel junge und flexible Mannschaft", sagt BenQ-Betriebsrätin Susanne Hahlweg. 500 davon hatten schon früh gekündigt und einen neuen Arbeitgeber gefunden. Viele, so die Betriebsrätin, möchten gerne zum "Stammhaus" zurückkehren: "Siemens ist nach wie vor ein interessanter Arbeitgeber, da werden doch etliche versuchen, dort unterzukommen." Zum Beispiel in der Medizintechnik, dort würden neue Mitarbeiter gesucht. Aber die Betriebsrätin weiß auch, dass wohl manche am bisherige Gehaltsniveau Abstriche machen werden müssen.

Doch zeigt sich der Arbeitsmarkt für Ingenieure auch aus der Sicht der Firmen eher von der sonnigen Seite. Die Münchner Firma Technoconnect zum Beispiel wird sich an der Jobbörse beteiligen und hält nach 20 neuen Mitarbeitern Ausschau. "Wir suchen händeringend nach fähigen Ingenieuren", so Enrico Betker von der Personalabteilung der Firma. Dabei spiele es auch keine Rolle, wenn ein qualifizierter Bewerber 60 Jahre alt sei. Die Firma mit ihren 130 Mitarbeitern könne sich derzeit vor Arbeit kaum retten. Auch das in Dortmund ansässige Unternehmen Materna will im "Laufe eines Jahres" 100 neue Mitarbeiter einstellen, wobei allerdings neben hoher Qualifikation auch große Mobilität gefragt ist. Die Münchner Firma OSB wird sich ebenfalls an der Jobbörse beteiligen und sucht bis zu zehn neue Mitarbeiter für die Projektentwicklung. Erfreulich: Ein ehemaliger BenQ-Mitarbeiter hat dort bereits einen neuen Arbeitsplatz gefunden.