HOME

Daimler-Chrysler: Der getäuschte Eckhard

Jürgen Schrempp soll seinem Gefolgsmann Eckhard Cordes die Nachfolge auf dem Chefsessel bei Daimler-Chrysler versprochen haben. Kam er nicht zum Zug, weil er dabei war, einen internen Skandal aufzuklären?

Eckhard Cordes und Jürgen E. Schrempp sind miteinander durch dick und dünn gegangen. Seit mindestens zehn Jahren arbeiten die beiden Manager beim Daimler-Chrysler-Konzern eng zusammen. Eine klassische Seilschaft, auch in Karrierefragen.

Ende der neunziger Jahre fädelte Cordes mit dem Vorstandsvorsitzenden Schrempp die Fusion von Daimler-Benz und dem US-Autohersteller Chrysler ein. Im neuen Weltkonzern wurde Cordes erst Nutzfahrzeugchef. Im Oktober 2004 stieg er ins Amt des Mercedes-Chefs auf.

Der ehrgeizige Cordes

führte oft die Geschäfte "beim Daimler" in Stuttgart. Denn schon seit Monaten zeigte Jürgen Schrempp Anfälle von Amtsmüdigkeit. Immer öfter arbeitete er von München aus, wo er mit seiner Frau Lydia, die gleichzeitig seine Büroleiterin ist, und ihren gemeinsamen Kindern Loana, 4, und Luca, fünf Monate, seit einigen Jahren wohnt. In die Stuttgarter Zentrale zog es ihn seltener.

Schrempp, 60, wusste, dass Cordes sein Nachfolger an der Konzernspitze werden wollte. Vor wenigen Wochen trafen sich die beiden zum vertraulichen Gespräch. Nach stern-Informationen aus dem engen Umfeld von Cordes soll Schrempp zu ihm den entscheidenden Satz gesagt haben: "Du wirst mein Nachfolger." Wenn er spätestens 2008 in den Ruhestand gehe, werde er Cordes dem Aufsichtsrat vorschlagen. Dieser Satz sei nie gefallen, ließ Schrempp den stern wissen.

Er hatte ganz andere Pläne: Vergangenen Donnerstag kündigte Schrempp überraschend seinen Rückzug zum Jahresende an. Dem Aufsichtsrat schlug er Dieter Zetsche, 52, als Nachfolger vor. Der 54-jährige Cordes wurde einfach fallen gelassen. Erst am Mittwochabend gegen 19 Uhr - keine 15 Stunden bevor die Schrempp-Demission bekannt gegeben wurde - informierten ihn Aufsichtsratschef Hilmar Kopper und Jürgen Schrempp.

Cordes reagierte tief enttäuscht. Mindestens seit Mai hatten Schrempp und Kopper an dem Plan zum Machtwechsel gearbeitet. Cordes blieb nichts anderes übrig als der Rückzug. Unter Zetsche zu arbeiten ist für Cordes, der seinen Konkurrenten für einen "Show-Man" hält, einfach nicht vorstellbar. Dem stern sagte Kopper: "Aus Erfahrung weiß man, dass bei mehreren Nachfolgekandidaten der Nichtberücksichtigte oft wackelt."

Bei diesem Machtspiel

unter Managern bleiben viele Fragen offen: Wieso Zetsche und nicht Cordes? Und wieso so ungeschickt, dass man mit Cordes einen der wichtigsten Leistungsträger verliert? Und welche Rolle spielt dabei ein interner Skandal, den Cordes aufgedeckt hat?

Er hatte den schwierigsten Job bei Daimler-Chrysler übernommen: die Sanierung der Nobelmarke Mercedes. Der älteste Autohersteller der Welt leidet unter Qualitätsproblemen, zu hohen Produktionskosten und bröckelnder Nachfrage. Gegen den Trend ging der deutsche Mercedesabsatz im ersten Halbjahr um 8,6 Prozent zurück. Viele Modelle treffen offenbar nicht mehr den Geschmack vieler Kunden - zumindest nicht zu den gesalzenen Preisen.

Und dann kam auch noch ein Skandal dazu: Cordes stieß im Vertrieb der Luxusmarke auf einen Filz aus Vorteilsnahmen und so genannten Graumarktgeschäften. Und dabei soll nach stern-Informationen auch der Name von Wolfgang Schrempp, 55, dem Bruder des Konzernchefs, aufgetaucht sein.

Bei Graumarktgeschäften werden Fahrzeuge, die über das normale Händlernetz nicht abzusetzen sind, manchmal zu Tausenden, mit hohen Rabatten an mitunter dubiose Firmen verkauft. Die sichern pro forma zu, die Wagen selbst zu nutzen, schaffen sie aber meist schnell ins Ausland. Dort werden manche Modelle von freien Händlern bis zu 25 Prozent unter Normalpreis verhökert. Illegal ist das nicht. Es verstößt aber gegen die Abmachungen mit den Vertragshändlern und zerstört das Vertrauen der Kunden in die Preisgestaltung. Offensichtliche Graumarktgeschäfte sind geschäftsschädigend und nicht im Interesse des Herstellers.

"Es sei denn, niemand erfährt davon", sagt Jürgen Grässlin, Sprecher der Kritischen Aktionäre Daimler-Chrysler. "Derzeit stehen bei Mercedes Zehntausende Fahrzeuge auf Halde, die keine Abnehmer finden." Zeitweilig, behauptet Konzern-Kenner Grässlin, soll gut ein Fünftel der produzierten Mercedes-Fahrzeuge über Graumarkthändler verkauft worden sein. Stimmen diese Zahlen auch nur annähernd, was Daimler-Chrysler als "völlig überhöht" bestreitet, stünde Mercedes vor bislang ungeahnten Absatzproblemen.

Cordes griff

hart durch und trat dabei vielen auf die Füße. Manche sagen, um sich zu profilieren. Die internen Ermittlungen sind nach Angaben von Daimler-Chrysler inzwischen abgeschlossen. Das gesamte Material sei bereits der Staatsanwaltschaft Stuttgart übergeben. Gegen hochrangige Vertriebsmitarbeiter von Daimler-Chrysler - die Angaben schwanken zwischen 17 und 19 Personen - laufen Ermittlungsverfahren. Darunter sind der ehemalige Deutschland-Vertriebschef Eckhard P., die Niederlassungsleiter Jürgen F. (Berlin), Walter M. (Hamburg) und Siegbert Z. (Leipzig). Sie wurden bei Bekanntwerden der Vorwürfe sofort entlassen.

Wolfgang Schrempp taucht nicht im Abschlussbericht der internen Revision auf, der an die Staatsanwaltschaft Stuttgart weitergeleitet wurde. Der ehemalige Leiter der Niederlassung München ist weiterhin im Konzern tätig, momentan als Chef der Vertriebsorganisation in Italien.

Ein langjähriger Mercedes-Vertriebsmanager bestätigte dem stern jedoch die Verwicklung von Wolfgang Schrempp, der während seiner Zeit in München große Mengen Mercedes-Fahrzeuge an Graumarkthändler abgegeben habe. Auch von Italien aus soll Schrempp im Graumarktgeschäft geblieben sein. In der Konzernzentrale liegen darüber "keine Erkenntnisse vor".

Der Spediteur Gerhard Schweinle, der über 1800 Mercedes-Fahrzeuge grau exportiert hat, schrieb in jüngster Zeit mehrere Briefe an Jürgen Schrempp. Darin offenbarte er sein Wissen um die angebliche Beteiligung des jüngeren Bruders an Graumarktgeschäften und kündigte an, auch die Staatsanwaltschaft zu informieren. Daimler-Chrysler bestätigte gegenüber dem stern den Eingang dieser Schreiben, die unverzüglich an die Rechtsabteilung und die interne Revision weitergeleitet worden seien.

Weitere Dramatik

erhielten die Vorgänge im Mercedes-Vertrieb durch den Selbstmord von Rudi K., dem Leiter der Nigeria-Niederlassung. Er erschoss sich am vorvergangenen Donnerstag in Esslingen in der Nähe von Stuttgart. Der Konzern hatte ihn einbestellt, offenbar, weil es auch in Afrika Korruption und Schiebereien mit schweren, oft gepanzerten Mercedes-Limousinen gab. In seinem Abschiedsbrief deutet K. an, dem Druck eines langen Verfahrens nicht gewachsen zu sein. Sogar die amerikanische Börsenaufsicht SEC, zuständig für die auch in den USA notierte Daimler-Chrysler-Aktie, interessiert sich für den Todesfall. Nach stern-Informationen erkundigte sie sich bereits beim Bundeskriminalamt nach den genauen Tatumständen.

Jan Boris Wintzenburg, Rainer Nübel
Mitarbeit: Beate Flemming, Karsten Lemm, Georg Wedemeyer

print