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Dollar im Rekordtief: Billiglohnland USA

Daimler will künftig seine C-Klasse in den USA herstellen. Denn der Dollar ist schwach wie nie, eine Wende nicht in Sicht. Immer mehr deutsche Unternehmen verlagern deshalb ihre Produktion in die Staaten.

Von Matthias Lambrecht und Matthias Ruch

In dem schicken Backsteinloft an Atlantas Means Street ist von Krise nichts mehr zu spüren. Seit einigen Wochen herrscht in der Niederlassung der Deutschen Auslandshandelskammer für den Südwesten der USA Hochbetrieb. Unternehmer aus dem Heimatland halten die Mitarbeiter von Kristian Wolf auf Trab, wollen Hilfe bei der Suche nach Gewerbegrundstücken oder Anwälten mit M&A-Expertise. "Es ist ein Phänomen", staunt der Geschäftsführer des deutschen Außenpostens in den Südstaaten. "Vor allem bei den mittelständischen Unternehmen ist das Interesse, in den USA zu investieren, sprunghaft gewachsen."

Sie treibt der schwache Dollar. Rund 20 Prozent seines Wertes hat der Greenback in den vergangenen zwölf Monaten zum Euro verloren. Seit Anfang November springt der Kurs immer wieder über 1,50 Dollar und nähert sich den historischen Höchstständen des vergangenen Frühjahrs an. Die Folge: Die durchschnittlichen Arbeitskosten pro Stunde liegen jenseits des Atlantiks inzwischen etwa um ein Drittel unter dem deutschen Niveau. Die USA werden zum Billiglohnland.

Der Dollar bleibt billig

"No, no, America" steht auf den Plakaten in Sindelfingen. Im strömenden Regen protestierten am Dienstag Tausende Mercedes-Mitarbeiter vor dem Werkstor gegen die drohende Verlagerung der Produktion in die USA. "Wir werden unsere Arbeitsplätze nicht kampflos ins Nirvana verschwinden lassen", schimpft Gesamtbetriebsrat Dieter Klemm. Währenddessen tagt oben der Vorstand und beschließt, ab 2014 einen Großteil der C-Klasse im Daimler-Werk in Tuscaloosa, Alabama, zu produzieren. Der Währungskurs sei "offensichtlich eine signifikante Belastung für das Ergebnis", hatte Konzernchef Dieter Zetsche zuvor die Gedankenspiele des Daimler-Vorstands begründet, und es gebe eine "nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass es so bleibt - oder gar noch schlimmer wird".

Auch führende Währungsanalysten erwarten laut einer aktuellen Umfrage des Wirtschaftsdiensts Bloomberg für das kommende Jahr im Schnitt ein weiteres Absinken des Kurses um 7,1 Prozent. Die horrende Neuverschuldung, steigende Arbeitslosigkeit und die milliardenschweren Staatsausgaben ließen keine andere Prognose zu, argumentieren die Experten.

"Es wird seine Zeit brauchen, bis der massive Dollar-Überhang an den Devisenmärkten abgebaut ist", sagt Callum Henderson von Standard Chartered in Singapur. "Der Dollar bleibt schwach, solange die Notenbank Fed ihre Zinsen nicht über jene anderer Notenbanken anhebt." Und Volker Treier, der Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, prophezeit: "Die Ungleichgewichte sind so stark, dass niemand eine schnelle Erholung des Dollar erwartet."

Dauerproblem Währungsschwankungen

Diese Einschätzung wird in den meisten Chefetagen geteilt. So rechnen 45 Prozent der bereits in Amerika angesiedelten deutschen Unternehmen laut einer Umfrage der Deutsch-Amerikanischen Handelskammern mit einem anhaltenden Verfall des Dollar-Kurses, während nur 18 Prozent der Firmen eine Erholung des Greenback erwarten. Und für 73 Prozent ist der Wechselkurs das größte Risiko im Geschäft zwischen Deutschland und den USA.

Die Währungsschwankungen sind nicht neu. Global operierende Konzerne genauso wie längst auch viele exportorientierte Mittelständler steuern mit Kurssicherungsgeschäften dagegen und versuchen, möglichst viele Vorleistungen im Dollar-Raum einzukaufen, um die Veränderungen abzufedern. Doch angesichts der anhaltenden Schwäche der US-Währung wird nicht nur bei Daimler über den Ausbau der Produktion in Nordamerika nachgedacht.

Ein Prozent Kursänderung übers Jahr kostet 5 Millionen Euro vom operativen Ergebnis, lautet etwa die Faustregel bei Wacker Chemie. Der deutsche Hersteller von Silikon, Bindemitteln oder Siliziumwafern hat bereits vor Jahren Standorte in den USA aufgebaut und die Planung für eine weitere Milliardeninvestition in ein neues Werk auch während der Finanzkrise vorangetrieben. 2013 soll in Cleveland, Tennessee, die Produktion von Polysilicium anlaufen, ein Vorprodukt für die Solarindustrie. "Wir wollen das erwartete Nachfragewachstum mit zusätzlichen Kapazitäten außerhalb der Euro-Zone begleiten", sagt Konzernchef Rudolf Staudigl.

Wenn der Export nicht mehr lohnt

Kein Unternehmen verlässt Deutschland nur wegen des Dollar-Kurses - aber er wird immer wichtiger. "Der fallende Dollar erinnert die Unternehmen daran, weiter über eine Internationalisierung der Wertschöpfung nachzudenken", sagt Guido Hertel, Partner bei der Strategieberatung Roland Berger. Vor allem die großen Konzerne hätten in den vergangenen Jahren dort neue Kapazitäten aufgebaut, wo sie mit einer steigenden Nachfrage rechnen und sich durch mehr Kundennähe Wettbewerbsvorteile erhoffen. "Wenn sie jetzt überlegen, ob sie Wertschöpfung in Märkte verlegen, die einen starken Dollar-Bezug haben, können sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen", so Hertel.

Nur einige Kilometer östlich von der künftigen Wacker-Fabrik in Cleveland hat sich der Siegener Stahlbauer SIAG im August bei einem Wettbewerber eingekauft und will mit der neuen US-Tochter SIAG Aerisyn von Chattanooga aus den amerikanischen Markt mit Stahltürmen für Windräder beliefern. "Beim heutigen Wechselkurs kann man mit dem Export einfacher Produkte aus der EU in die USA kein Geld mehr verdienen", sagt SIAG-Aerisyn-Chef Bernd Becker. "Nur dort, wo deutsche Maschinenbauer technologisch voraus sind, können sie im Dollar-Raum noch entsprechend hohe Preise durchsetzen."

Nahe dem kritischen Punkt

Noch ist die weltweite Rezession kaum abgeklungen, da droht der Wechselkurs der beiden großen Währungen deutsche Produkte im wichtigen Dollar-Raum konkurrenzlos teuer zu machen. Knapp ein Sechstel der deutschen Ausfuhren gehen nach Nordamerika oder in Märkte, deren Währungen am Dollar hängen. Bei einem Euro-Kurs von 1,55 Dollar sei "ein kritischer Punkt erreicht", so der Währungsexperte Ansgar Belke von der Universität Duisburg-Essen, "ab dem die Nachfrage dramatisch fiele und sich die Ausfuhren in den Dollar-Raum für viele Exporteure nicht mehr lohnten".

Für die Unternehmen könnte das schmerzhaft werden. Wer sich wie der Nürtinger Maschinenbauer Heller im harten Wettbewerb behaupten muss, wird mit Exportgütern vom Standort Deutschland Marktanteile abgeben oder sinkende Margen hinnehmen müssen. Bereits 1980 eröffnete Heller ein Werk in den USA. Die Fakturierung in der US-Währung, die auch ein Teil der Kunden aus Asien verlangt, machen bis zu 35 Prozent des Konzernumsatzes aus. Inzwischen zählen neben den großen US-Konzernen auch deutsche Autohersteller und Zulieferer zu den Kunden, die Heller von seinem Standort nahe Detroit aus bedient. Und nun, so hofft man in Nürtingen, könnte man auch davon profitieren, dass noch mehr deutsche Unternehmen sich dort ansiedeln. "Wenn sich der Dollar nachhaltig über 1,50 Euro festsetzt, werden die Pläne zur Produktionsverlagerung aus der Schublade gezogen, die man vor 18 Monaten dort abgelegt hat", sagt Konzernchef Klaus Winkler voraus. "Man wird in den nächsten Monaten noch von weiteren Produktionsverlagerungen hören."

Autobauer sind schon drüben

Die meisten deutschen Unternehmen, vor allem aus der Autoindustrie, fingen Anfang der 90er-Jahre an, den Schritt über den Atlantik zu wagen. Damals entschlossen sich BMW und Daimler, eigene Fabriken in den USA zu errichten - und eine eigene Präsenz in dem Land aufzubauen. "Dass wir einige Modelle in den USA bauen, hilft uns beim Image, denn viele Amerikaner sind Patrioten", beschreibt BMW-USA-Chef Jim O'Donnell eine zentrale Motivation, die Geländewagen X5, X6 und bald auch den X3 in Spartanburg zu bauen. Nun erscheint ein Standort in den USA noch attraktiver: Die deutschen Hersteller hoffen, die Schwäche der US-Rivalen General Motors, Ford und Chrysler in deren Heimatmarkt ausnutzen zu können. Und nun auch noch der Wechselkurs, der die bislang schon vorteilhaften Produktionsbedingungen in den USA noch vorteilhafter erscheinen lässt.

Dank der günstigen Löhne in den gewerkschaftlich kaum organisierten Südstaaten können die BMW made in USA im internationalen Wettbewerb nämlich gut mithalten. In South Carolina oder Alabama liegen die Durchschnittsgehälter unter 40.000 Dollar, und bei Daimler oder BMW verdienen Arbeiter nicht selten das Doppelte. Trotzdem lohnt es sich: Eine Arbeitsstunde, für die dort rund 45 Dollar gezahlt werden, kostet die Konzerne beim aktuellen Kurs umgerechnet nur 30 Euro - während sie an den heimischen Standorten 45 bis 50 Euro aufbringen müssen.

Agressive Deutsche

Daimler könnte insgesamt mehrere Hundert Millionen Euro pro Jahr sparen, wenn im Werk in Tuscaloosa neben den schon jetzt dort produzierten großen Fahrzeugen der M-Klasse, der R-Klasse und der GL-Klasse bald auch die C-Klasse vom Band rollt, rechnen Branchenkenner. Mercedes selbst kalkuliert, jedes Fahrzeug in den USA um 2000 Euro günstiger produzieren zu können als hierzulande. 3000 Jobs, fürchtet der Betriebsrat, seien nun am Stammwerk in Sindelfingen in Gefahr. Am US-Standort Tuscaloosa sollen dagegen rund 1200 neue Arbeitsplätze entstehen.

In Alabama, South Carolina oder Virginia werden deutsche Unternehmen in den kommenden Monaten weiter zum Aufschwung beitragen. Sie finden dort eine gute Infrastruktur, passende Ausbildungsprogramme und billige Grundstücke. "Die Südstaaten boomen, dort herrscht Aufbruchstimmung, weil sie sich rechtzeitig auf die Belange der Industrie eingestellt haben", sagt Peter Bosch, Autoexperte bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman.

Die Mittelständler, die rund um Atlanta nach Kaufgelegenheiten forschen, dürften selbst Szenarios eines bald wieder erstarkenden Greenbacks kaum schrecken. Denn der derzeit niedrige Kurs bietet gemeinsam mit den nach der Krise niedrigen Unternehmensbewertungen in den USA historisch günstige Einstiegsgelegenheiten. "Die eigentlich eher als risikoscheu geltenden Deutschen sind derzeit aggressiv auf dem Markt unterwegs", beschreibt Außenhandelskammer-Chef Wolf die Lage. Und dass sie sich wieder zurückziehen, sobald die Dollar-Schwäche überwunden ist, scheint unwahrscheinlich. "Wer einmal Produktion im Ausland aufgebaut hat", sagt Treier vom DIHK, "kommt nur selten zurück."

FTD
  • Matthias Ruch