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Wirtschaft in Sorge: Drohender Handelskrieg: Was kostet uns Trump?

America First! Die USA marschieren unter der Regierung Trump Richtung Handelskrieg. Die Folgen wären fatal, besonders für Deutschland: Hunderttausende Arbeitsplätze sind in Gefahr.

Make America First Again

"Make America first again" hatte sich Donald Trump schon während des Wahlkampfes auf die Fahnen geschrieben. Als Präsident will er dies nun mit aller Macht durchsetzen - mit möglicherweise fatalen Folgen für die Weltwirtschaft.

Karl Haeusgen zum Beispiel. Ein besonnener Mann. Familienunternehmer, keiner der ganz kleinen. HAWE, seine Firma, fertigt hochwertige Hydrauliksysteme, unter anderem für Baumaschinen und die Ölförderung. Fast 2000 Mitarbeiter, fünf Betriebe, 286 Millionen Euro Umsatz. Einer der Marktführer in Deutschland.

Im Dezember war Haeusgen beruflich in den Staaten. "Eine gewisse Schockstarre" hat er wahrgenommen. Da hatte Donald Trump noch nicht einmal losgelegt. Heute, einige Wochen und ein paar erste Dekrete später, fürchtet Haeusgen, "dass die Trump-Zeit schwierig werden wird". Für die Welt, für Europa, für Deutschland. Und für ihn persönlich.

Seine Unternehmensgruppe lebt vom Export. Gut zwei Drittel ihrer Produktion liefert sie ins Ausland. Allein 15 Prozent gehen in die USA. Nur, wie lange noch? Macht Trump Ernst mit seinem "America first", und es deutet nichts darauf hin, dass er es nicht ernst meinen könnte, dann wird es auch für Karl Haeusgen, seine Firma und deren Mitarbeiter – ernst. Sehr ernst.

"Schon acht oder zehn Prozent Strafzoll könnten wir nicht ausgleichen. Wir wären dann wohl raus aus dem Markt." 15 Prozent Umsatz – einfach weg. Weniger Umsatz heißt weniger Produktion heißt weniger Arbeit.

Braut sich da was zusammen? Eigentlich geht es der Bundesrepublik und ihren Bürgern momentan ja so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Arbeitslosenzahl sinkt, die Wirtschaft wächst. Wenn der neue US-Präsident seinen protektionistischen Kurs durchzieht, steht Deutschland jedoch vor schweren Zeiten. 40 Prozent der Jobs hängen nun mal am Export. Statt höheren Löhnen droht stärkere Arbeitslosigkeit, statt sprudelnder Steuereinnahmen wird es neue Schulden geben, statt Rentenerhöhungen Nullrunden.

Goodbye Aufschwung. Welcome Krise. Thank you, Mister President.

Ein Weckruf für Europa?

Das Hauptproblem sind dabei nicht einmal die direkten Exporte in die USA. Nur zehn Prozent der deutschen Ausfuhren gehen dorthin. Weit gefährlicher sind die indirekten Folgen. Trump legt sich ja nicht nur mit Deutschland an – er riskiert weltweit Gegenreaktionen. "Wenn die Chinesen nicht mehr in die USA liefern können, führen sie auch Strafzölle ein", fürchtet Karl Haeusgen, der Vizepräsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau ist. "Die lassen sich nicht von den Amerikanern erpressen. Da setzt schnell ein fataler Kreislauf ein. Wenn das ein globaler Handelskrieg wird, wird es ernst."

Genau das fürchten auch Deutschlands führende Ökonomen. Der Präsident des Ifo-Instituts Clemens Fuest etwa sieht im Extremfall rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland bedroht, falls die Handelsbeziehungen "auf null heruntergefahren werden". Eine Million bei Unternehmen, die vom Export leben. Weitere 600.000 bei in Deutschland ansässigen US-Firmen, die auf dem Spiel stünden, sollte Europa Gegenmaßnahmen gegen die US-Zölle ergreifen. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, warnt davor, dass der gesamte Welthandel ins Schlingern geraten könne. Dazu kommt die Gefahr eines Währungskriegs: Trump-Berater werfen Deutschland vor, die Exportrekorde mithilfe eines zu niedrigen Eurokurses zu erreichen.

Noch ist das alles nur ein Horrorszenario. Noch kostet uns Trump vor allem Nerven. "Wenn Trumps Wahlsieg kein Weckruf für Europa ist, dann weiß ich nicht, was wir noch für Wecker brauchen", brachte es Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) mit grimmiger Weitsichtigkeit auf den Punkt. Schäubles Parlamentarischer Staatssekretär Jens Spahn sieht in der neuen US-Regierung sogar eine Chance. Der Kontinent könne sich nun neu erfinden. "Europa muss erwachsen werden. Wir müssen unsere Hausaufgaben selbst machen. Wir müssen selber mehr tun." Heißt: Jetzt wird in die Hände gespuckt?

"Trump sagt, was er denkt, und macht, was er sagt"

In Berlin tendieren viele eher zu dem fatalen Merksatz: Schlimmer kommt's immer. Der SPD-Außenexperte Niels Annen war während der Vorwahlen in den USA. Damals beruhigten ihn bedeutende Republikaner, er solle sich keine Sorgen machen, Trump werde nicht gewinnen. Er gewann. Während des Wahlkampfs sagten sie ihm, es gebe keinen Anlass zur Sorge – Trump werde niemals Präsident. Er wurde es. "Jetzt erzählen mir dieselben Leute, es werde schon nicht so schlimm" , sagt Annen. "Quatsch, es wird schlimm." Annen erwartet "harte Zeiten", außenpolitisch sowieso, aber "auch in Wirtschaftsfragen": "Trump sagt, was er denkt, und macht, was er sagt."

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Im Prinzip ist das auch Angela Merkels Sicht. Nur kann die Kanzlerin, die vor Kurzem das erste Mal mit dem neuen US-Präsidenten telefonierte, dies nicht so offen äußern. Sie muss mit diesem Mann ja noch auskommen. Doch Merkel nimmt Trump verdammt ernst. Und fürchtet das Schlimmste.

Zumindest die neue Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) rät zu Gelassenheit. "Der Export wird nicht stottern. Auch die USA brauchen unsere Produkte und Zulieferungen." Klar, sie muss die nach den ersten Trump-Tagen zutiefst irritierte deutsche Wirtschaft beruhigen, das ist Teil ihres Jobs. Zypries räumt allerdings ein, Trump schaffe "mit seinen Ankündigungen über Steuern und Handelszölle viel Unsicherheit". Und "Unsicherheit ist immer schlecht für die Wirtschaft, weil Firmen dann nicht investieren, sondern abwarten."

Zwischen (wenig) Hoffen und (viel) Bangen

Ihr Vorgänger gibt sich ebenfalls gelassen. Während SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gegen Trump wettert, vermittelte Neu-Außenminister Sigmar Gabriel bei seinem Antrittsbesuch in Washington, dass Deutschland auch von der neuen Regierung respektiert werde – allein schon wegen seiner ökonomischen Stärke.

Dennoch will Gabriel in seinem neuen Amt Szenarien entwerfen lassen, was die Ära Trump für Deutschland und den Rest der Welt bedeuten könnte. Das hat er schon als Wirtschaftsminister so gehalten. Dort kalkulierte man so: Sollten die USA tatsächlich die Handelsschranken herunterlassen und Strafzölle einführen, würde das deutsche Wachstum um bis zu 0,75 Prozent einbrechen.

Es ist schon fatal. Ein Mann wie der Maschinenbauer Haeusgen müsste gerade jetzt Leute einstellen. Seine Auftragslage ist gut, auch dank seiner Exporte in die USA: "Die Ölindustrie beginnt wieder zu investieren." Haeusgen baut deswegen sogar Kapazitäten aus – nicht durch neue Jobs; er richtet Arbeitszeitkonten für die Beschäftigten ein und setzt auf Zeitarbeit. "Skurril" nennt er die Situation.

Die Wirtschaft in den Anfangszeiten Trumps – ein Leben zwischen (wenig) Hoffen und (viel) Bangen.