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Englische Vorbehalte: Die Zeit heilt alle Wunden

Als deutsche Unternehmen vor fünf Jahren ihre Hände an urenglische Automarken wie Bentley und Rolls-Royce legten, fürchteten die Briten um ihre kulturelle Identität. Heute dominiert Selbstbewußtsein - und Sorge um die kränkelnde deutsche Wirtschaft.

Vor fünf Jahren fürchteten patriotische Engländer noch um die kulturelle Identität ihres Landes, als die Nationalheiligtümer Rolls-Royce und Bentley in deutsche Hände übergingen. Heute fährt Prinz Charles Audi, und die Queen ließ sich zum Goldenen Thronjubiläum von VW eine Bentley-Sonderausfertigung schenken.

Es war am 5. Juni 1998, als eine außerordentliche Hauptversammlung des britischen Vickers-Konzerns der Übernahme von Bentley und Rolls-Royce durch VW zustimmte. Knapp zwei Monate später zeigte sich dann, dass es dem Konkurrenten BMW gelungen war, sich die Namensrechte für Rolls-Royce ab 2003 zu sichern.

Englische Autos aus deutscher Hand

Nun baut VW also Bentleys und "die in Bayern gezüchtete Bulldogge BMW" (The Independent) den "Volks-Royce" (Times) mit der geflügelten Silberlady über dem Kühlergrill. Die beiden deutschen Firmen haben eines gemeinsam: Ihre Sprecher überbieten sich geradezu darin zu betonen, dass die Limousinen weiter rein englische Autos sind - in England und von Engländern gebaut.

Keine Ahnung vom Hofprotokoll

Manchmal allerdings merkt man doch, dass da jetzt ein paar Ortsfremde mitmischen, denen das Hofprotokoll noch nicht ganz geläufig ist. So wurde die Queen in einer deutschsprachigen Pressemitteilung aus dem Hause VW glatt als 'Königliche Hoheit' bezeichnet: Wenn schon so förmlich, dann wäre 'Ihre Majestät' der einzig korrekte Titel gewesen. Aber darüber sieht die einheimische Belegschaft auch hinweg, zumal sie jetzt Firmenwagen bekommt: "Nein, keinen von diesen", schränkte ein Arbeiter aus dem Bentley-Werk in der 'Sunday Times' ein. "Einen VW Golf."

Wohl gepflegte Vorbehalte

Gegen Übernahmen durch Deutsche haben die Briten traditionell gewisse Vorbehalte. "Im Krieg konnten sie uns nicht einkassieren - warum lässt man sie jetzt gewähren?" klagte die 'Sun' 1998 über den "Verrat" an Rolls-Royce. "In 50 Jahren wird den Deutschen die halbe Welt gehören", zitierte der 'Guardian' einen Arbeiter. Doch eineinhalb Jahre später bekamen die Briten ihre Chance zur Revanche, als der Mobilfunkgigant Vodafone die feindliche Übernahme von Mannesmann in Angriff nahm. "Eine erfrischende Veränderung", fand selbst der linke 'Observer'. Rache ist süß.

Großbritannien inzwischen selbstbewusster

Und Mannesmann war nur der Anfang. So wie England seinen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Deutschland im Fußball durch den 5:1-Sieg von 2001 überwunden hat, so fühlt sich die britische Wirtschaft inzwischen auch nicht mehr zweitklassig. Der Finanzplatz Frankfurt hat der Londoner City auch nach der Einführung des Euro nicht ernsthaft Konkurrenz machen können. Und die Zuwachsraten für Großbritannien sind jedes Jahr deutlich höher als im früher so beneideten 'Wirtschaftswunderland'.

Deutscher Niedergang mit gemischten Gefühlen betrachtet

Mittlerweile machen sich die Briten schon Sorgen darüber, dass ein Niedergang der Wirtschaftsnation Deutschland auch ihren Wohlstand beeinträchtigen könnte. "Ist die Deutschland AG kaputt?" fragt der 'Economist'. "Deutschland hat die englische Krankheit importiert", spöttelt die 'Financial Times'. Und die 'Sunday Times' analysiert - wohl nicht ohne Schadenfreude: "Vor zehn Jahren machte sich Margaret Thatcher noch Sorgen, dass ein vereinigtes Deutschland eine solche Wirtschaftskraft entfalten könnte, dass es Europa politisch und wirtschaftlich dominieren würde. Es ist ganz anders gekommen."

Englische Medizin für den deutschen Patienten?

Viele im Königreich glauben, dass die Deutschen ihr "rheinisches Konsensmodell" früher oder später auslaufen lassen und dafür den aggressiveren angelsächsischen Kapitalismus nach Thatcher-Manier übernehmen müssen. Englische Medizin für den "deutschen Patienten" - das wäre der größte Triumph des einstigen Underdog.

Christoph Driessen / DPA