Erfinder Geniales "made in Germany"


Menschen wie diesen müssten wir eigentlich zu Füßen liegen: Sie haben etwas erfunden, was unser Leben verändert hat - vom Dübel bis zur MP3-Technik. Und sie sind der Beweis, dass den Deutschen die Ideen nicht ausgehen.

Deutschland im Jahr 1958: Am Haus des Unternehmers Artur Fischer fallen die Fensterläden ab, und er ist sich sicher, dass seine jüngste Erfindung, ein Dübel, großer Mist ist. Am liebsten hätte er mit diesem Ding nie wieder zu tun. Aber er hat schon einen Verkäufer für die Dübel eingestellt. Ein guter Mann, den Fischer nicht entlassen will. So setzt er sich an einem Samstagnachmittag erneut an seine Werkbank und experimentiert weiter - mit dem teuren Werkstoff Polyamid (Nylon).

"Ich habe mir überlegt, wie so etwas aussehen muss, damit die Schrauben in der Wand halten", erinnert sich der heute 85-Jährige. Sein zweiter Entwurf gelingt. Die Weltneuheit mit dem offiziellen Namen "Spreizdübel aus Kunststoff mit sägezahnförmigen Einschnitten und federnden Sperreinrichtungen" bekommt die Patentnummer 1097117. Der Dübel macht Artur Fischer zum Gott der Handwerker - und reich. Dem beschaulichen Ort Tumlingen im Schwarzwald beschert er ein Unternehmen, das heute weltweit 3300 Mitarbeiter beschäftigt und allein in Deutschland täglich sieben Millionen Kunststoffdübel produziert.

Der geniale Tüftler

Artur Fischer ist ein Erfinder alten Schlags: mit 14 raus aus der Schule, Schlosserlehre, Krieg, Ein-Mann-Unternehmer, Bilderbuchkarriere im Wirtschaftswunder-Deutschland. Doch 50 Jahre nach seiner Erfindung, die die Befestigungsmontage revolutioniert hat, zweifeln viele, ob Erfolgsgeschichten wie die Fischers heute noch möglich sind. Zu wenig kluge Köpfe, zu wenig Neues, zu viel Konkurrenz aus China und Indien, so jammern die Pessimisten.

Wenn es um die eigene Innovationskraft geht, benehmen sich die Deutschen wie verunsicherte Teenager: Sie sind zu Tode betrübt angesichts der vermeintlichen Unzulänglichkeiten. Die Alarmstimmung hat längst auch die Politik erreicht. Angela Merkel hat im Wahlkampf "zweite Gründerjahre" versprochen und will einen "Rat für Innovation und Wachstum" einsetzen. Bundespräsident Horst Köhler möchte Deutschland wieder zum "Land der Ideen" machen.

Dabei gibt es gute Gründe, gelassener zu sein. Allein im Jahr 2003 haben deutsche Entwickler 65 000 Patente angemeldet, viele davon sind weltmarktfähig. Damit liegt Deutschland gemeinsam mit den USA und Japan in der Spitzengruppe. Wer sich auf eine Reise durch die Republik begibt auf der Suche nach den klugen Köpfen hinter diesen Ideen, trifft erstaunlich viele Menschen, die mit ihren Erfindungen unser Leben geprägt haben. So wurde etwa die Pille maßgeblich in Berlin weiterentwickelt. Und nicht nur ältere Entwicklungen wie der Airbag, der Stabilo-Leuchtmarker oder der Hybridmotor stammen aus Deutschland, sondern auch modernere Produkte wie Flüssigkristalle für Flachbildschirme, Scanner und das MP3-Format.

Geändert haben sich allerdings die Bedingungen für Innovationen. Tüftler, die noch einsam an ihrer Erfindung basteln, sind die Ausnahme. "Heute forschen Wissenschaftler in großen Teams jahrelang an Spitzentechnologien", sagt Karlheinz Brandenburg. Und liefern sich dabei häufig Kopf-an-Kopf-Rennen mit konkurrierenden Gruppen. Wer hat das beste Verfahren? Und welches wird sich am Markt durchsetzen?

Brandenburg hat alle Höhen und Tiefen dieses Wettlaufes durchgemacht - und er hat am Schluss triumphiert. Der Professor für Medientechnik an der Technischen Universität Ilmenau ist so etwas wie der Vater von MP3. Hinter dem Kürzel verbirgt sich ein Verfahren zur Komprimierung von Audiodateien. Eigentlich müssten die Musikfans der Welt Brandenburg die Füße küssen, denn dank MP3 können sie die Symphonien von Mozart und die Songs der Beatles aus dem Internet herunterladen, per E-Mail verschicken und - gespeichert auf winzigen Chips - auf tragbaren MP3-Playern abhören. Ein Milliardengeschäft. Allein in Deutschland werden in diesem Jahr voraussichtlich 4,5 Millionen solcher Geräte verkauft.

"Wie groß die Sache werden würde, das hat unsere Vorstellungskraft überstiegen", sagt Brandenburg. Er ist 51 Jahre alt, trägt einen strubbeligen Wissenschaftlerbart und wirkt längst nicht so cool wie das Produkt, das auf seine Arbeit zurückgeht. Anfang der 80er Jahre suchten Brandenburg und sein Doktorvater nach einer spannenden Anwendung für die neue Übertragungstechnik ISDN. Könnte man nicht statt Sprache auch Musik durch die neuen Leitungen jagen?, fragten sie sich. "Die einhellige Meinung der Fachwelt lautete: Erstens funktioniert das nie, und zweitens braucht es niemand", erinnert sich Brandenburg.

Die technischen Hürden

schienen unüberwindbar: Datenreduktion basiert darauf, dass "unhörbare" Töne - also solche, die durch andere überlagert werden oder eine Frequenz haben, die vom menschlichen Ohr nicht wahrgenommen wird - herausgenommen werden, ohne dass die Qualität darunter leidet. Den Geistesblitz hatte er 1986. "Ich glaube, es war beim Duschen. Ich habe meinem Professor eine Notiz gegeben, und der meinte: "Mach weiter und melde ein Patent an."

Ein echter Durchbruch. Und trotzdem sah es nur wenig später so aus, als sei MP3 mausetot. Ein Konkurrenzprodukt hatte sich im digitalen Rundfunk durchgesetzt. Die Gruppe war frustriert. Brandenburg, eigentlich ein sanfter Mensch, der seine Jugend bei den Pfadfindern verbrachte und Blockflöte spielte, wurde laut und trieb die Kollegen an: "Wir besitzen das beste System der Welt, unsere Angst ist falsch. Die Wahrheit wird sich durchsetzen."

MP3 war zwar komplizierter und teurer als die Konkurrenz. Aber besser. Brandenburg wusste, dass mit dem Fortschritt der Mikroelektronik - alle anderthalb bis zwei Jahre verdoppelt sich die Leistungsfähigkeit von Chips - der Kostennachteil sinken, der Qualitätsvorteil aber bleiben würde. Er behielt Recht.

Was man braucht, um in Krisen nicht zusammenzubrechen? "Visionen, Überstunden und Sturheit", so Brandenburg. "Es kommt nicht nur darauf an, die richtige Idee zur richtigen Zeit zu haben, sondern sie schneller und besser umzusetzen als die Konkurrenz." Er sagt es nicht ängstlich, sondern wie einer, der sich auf die sportliche Herausforderung freut. Jedes Forscherteam braucht Leute mit einer solchen Haltung. Denn Krisen und Rückschläge gehören zu jeder Entwicklung dazu. Angst ist ein schlechter Ratgeber, Beharrlichkeit eine Tugend.

Auch Ursula Lachnit-Fixson ist alles andere als ein ängstlicher Typ. Als sie 1964 in die Forschungsabteilung des Pharmakonzerns Schering eintrat, war der wissenschaftliche Wettlauf um die Pille bereits voll entbrannt - hinzu kam ein beispielloser Streit über Sünde und Moral. Als junge Krankenhausärztin hatte Lachnit-Fixson in Berlin erlebt, wie in fast jeder Nachtschicht Frauen nach illegalen Abtreibungen bei Engelmacherinnen mit lebensgefährlichen Blutungen eingeliefert wurden. "Abtreibungen waren streng verboten, und einfach handhabbare, sichere Verhütungsmittel für Frauen gab es noch nicht", erinnert sich die Gynäkologin.

Bereits 1951 hatten amerikanische Frauenrechtlerinnen den Reproduktionsbiologen Gregory Pincus gedrängt, ein "orales Kontrazeptivum" zu entwickeln. Viele US-Pharmakonzerne hatten Bedenken. Dennoch kam 1960 in den USA die erste Pille auf den Markt. "Aufgrund ihrer Überdosierung wäre sie zum Scheitern verurteilt gewesen", sagt Lachnit-Fixson. Die Frauen klagten über erhebliche Nebenwirkungen wie starke Übelkeit und Kopfschmerzen.

Die erste Pille

in Deutschland wurde 1961 von Schering produziert. Doch Ärzte durften sie nur an verheiratete Frauen verschreiben, und dass sie die Empfängnis verhütet, wurde nicht offensiv vermarktet, sondern nur verschämt erwähnt. "Die Kirchen haben gewettert, und bei vielen Ärzten herrschte noch die Vorstellung von der "Gebärpflicht" der Frauen", erzählt rückblickend die heute 74-jährige Wissenschaftlerin. "Es gab Schlagzeilen wie "Hände weg von den Eierstöcken"."

Auch im Schering-Vorstand war das Projekt umstritten. "Man hatte Angst, gesellschaftlich geächtet zu werden", sagt Lachnit-Fixson. Ein solches Präparat, so hieß es, würde zum Verfall von Moral und Sitten beitragen. Dennoch ließ man die Forscher gewähren. Jahrelang arbeiteten Lachnit-Fixson und ihr Team an besseren Wirkstoffen und niedrigeren Hormondosierungen, die trotzdem sicher waren. Innerhalb nur eines Jahrzehnts brachte Schering gut ein Dutzend neuer Präparate auf den Markt. 1972 meldete Lachnit-Fixson ein Patent auf das Zweistufenpräparat an - eine Innovation, die den Gestagenanteil stark senkte. Ende der 60er und in den 70er Jahren schnellten die Verkaufszahlen in die Höhe, Schering wurde Weltmarktführer. Die gesellschaftliche Diskussion um Anstand und Moral hatte sich erledigt. Lachnit-Fixsons größte Erfolge wurden das Dreistufenpräparat und die "Diane", die erste Pille mit therapeutischen Nebenwirkungen zum Beispiel gegen Akne und Haarausfall.

Das Fazit der Gynäkologin nach 40 Jahren Forschung: "Erfolg lässt sich nicht planen. Aber Voraussetzungen lassen sich schaffen. Dazu gehören die personelle und technische Ausstattung, dazu gehören aber auch Zufall und Glück und die Risikobereitschaft des Arbeitgebers."

Daran - nicht an fehlenden Ideen - scheint es derzeit in Deutschland am meisten zu mangeln. Denn eine gute Ausstattung bedeutet vor allem: viel Geld. Doch Staat und Industrie investieren nur 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Forschung und Entwicklung. In Schweden sind es über vier Prozent, in Korea, Japan und Finnland deutlich über drei Prozent. Und in Konzernen, die stur auf Profit getrimmt sind, haben es Forscher schwer, wenn sie jahrelang ohne verwertbares Ergebnis arbeiten. Existenzgründer mit ganz neuen Ideen sehen sich häufig allzu zögerlichen Bankern gegenüber, die partout keine Kredite herausrücken wollen. Und die Risikobereitschaft von Konzernen stößt schnell an Grenzen, wenn eine Innovation traditionelle Geschäftsmodelle bedroht.

"Wer am Bestehenden rüttelt, kriegt großen Ärger", sagt Wilhelm Barthlott, er weiß es aus eigener Erfahrung. Der Mann hat eigentlich einen richtig harmlosen Beruf - er ist Botanikprofessor in Bonn. Mit der Beschaulichkeit war es für ihn aber vorbei, als er den Lotus-Effekt entdeckte. Der besagt: Pflanzen, die im mikroskopisch kleinen Bereich eine raue Oberfläche aufweisen, können sich selbst reinigen - "als Schutz vor Krankheiten". 1994 übertrug er das Prinzip auf die Industrie und ließ sich ein Verfahren zur Herstellung selbstreinigender Oberflächen patentieren. Seitdem überziehen ihn Unternehmen mit Klagen, die um ihr Geschäft fürchten müssen. "Manche Hersteller von Reinigungsmitteln haben Angst vor Oberflächen, die sich selbst reinigen", sagt Barthlott. Er hat sich nicht einschüchtern lassen, aber manchmal, gesteht er, seien ihm Zweifel gekommen, "wer hier der Geisterfahrer ist".

Inzwischen besitzen über 400 000 Gebäude eine Lotus-Oberfläche, darunter die Kempinski-Hotels in Hamburg und in Moskau. Und eine Tochterfirma der Degussa hat ein Spray auf den Markt gebracht, mit dem man Autofelgen eine Lotus-Oberfläche aufsprühen kann. Es sind häufig mittelständische Unternehmen, die Innovationen umsetzen. "Die waren clever", sagt Barthlott.

Der Weg vom Geistesblitz

zum Verkaufsschlager, von der Grundlagenforschung zum ausgereiften Produkt ist in der Regel lang, risikoreich und verschlungen. Viele gute Ideen und Forscher sind auf ihm verloren gegangen. Vielleicht gucken die sieben Männer und Frauen auf den Fotos im stern deshalb alle ein bisschen grimmig. Sie haben gegen Widerstände kämpfen müssen und Krisen durchgemacht. Die meisten sind nicht reich geworden. Und trotzdem sagt jeder von ihnen, dass sein Job der schönste auf der Welt ist.

"Mir ist erst heute klar geworden, dass diese Fähigkeit, Neues zu entwickeln, ein großes Geschenk ist", sagt die Ingenieurin Eveline Gottzein. Ihren technisch hochkomplexen Erfindungen bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm ist es zu verdanken, dass Satelliten im Orbit nicht verloren gehen und der Transrapid fahren kann. "Man merkt eigentlich gar nicht, dass man Talent hat, man merkt nur, dass es einem unheimlich viel Spaß macht", sagt die 74-Jährige.

Auch Artur Fischer, der Mann mit dem Dübel, ist in sein Metier "einfach verliebt" und verbringt täglich Stunden an der Werkbank. Kann man Risikofreude und Kreativität lernen? "Nein", sagt Fischer. Aber man könne die Begeisterung für das Neue in jedem Menschen wecken. Er erinnert sich an einen "tollen Lehrer", der mit ihm Aquarien, kleine Motoren und Wasserräder baute. "Es war eine behäbige Zeit. Wir Kinder vom Lande haben die Entstehung von Technik unmittelbar erlebt. Wir sahen, wie die Arbeiter Stromleitungen über Land zogen und die Futterschneidemaschinen der Bauern plötzlich mit Strom liefen. Das war was!"

Schon der kleine Artur war fasziniert von Technik und wollte das "Unbegreifliche begreifen". Fast 80 Jahre später zieht der alte Fischer eine Bilanz, die vielen Managern ins Stammbuch geschrieben werden könnte: "Wenn man nur Geld verdienen will, dann klappt das nicht. Jeder Entwickler, jedes Unternehmen muss darauf ausgerichtet sein, Aufgaben zu lösen. Dann macht es Spaß. Und dann hat man auch Erfolg."

Doris Schneyink print

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