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Eurokrise: Vorhang auf zum Finale der griechischen Tragödie

Monatelang bemühte sich Europa, Hellas vor der Pleite zu bewahren. Inzwischen ist klar: Die erste Bank muss mit 95 Milliarden Euro gestützt werden, nur ein Wunder wird Griechenland noch retten. Auch Kanzlerin Merkel sieht das mittlerweile so.

Von Thomas Schmoll

Große Wunder geschehen immer wieder. Dass Griechenland in die Eurozone durfte, war so eins. Schließlich wurde es damit auf eine Stufe gestellt mit Deutschland und Frankreich - also mit den taffsten Staaten des Kontinents. Inzwischen ist bekannt, dass sich die Hellenen den Euro mit geschönten Statistiken über die wahre Lage des Landes ertricksten. Begünstigt wurde das von Poltikern in anderen Teilen der EU, auch hierzulande, die alle Warnungen an der Euro-Fähigkeit Griechenlands in den Wind schlugen.

Auch kleine Wunder geschehen immer wieder. Dass Griechenland plötzlich mehr Geld in der Hinterhand hat als bisher öffentlich bekannt, war so eins. Nachdem die Euro-Finanzminister die Auszahlung der nächsten acht Milliarden aus dem 110 Milliarden Euro schweren Hilfsprogramm verweigerten und die Hellenen auf Mitte November vertrösteten, erklärte der griechische Kassenwart Evangelos Venizelos: "Bis Mitte November - das ist klar - gibt es kein Problem."

Selbst Analysten gerieten ins Grübeln, wieso die Griechen plötzlich Hunderte Millionen Euro aus ihren Hüten zaubern können. Schließlich hieß es vor dem Beschluss der Finanzminister, wenn Hellas bis spätestens Ende Oktober die acht Milliarden Euro nicht erhalte, sei der Staat pleite. Auch die griechische Regierung hatte dies gestreut - sicher in der Absicht, Druck aufzubauen.

Griechenland hilft nur noch ein ganz großes Wunder

Wie auch immer: Die wundersame Geldvermehrung und wie es zu ihr kam, spielen für den Ausgang der griechischen Tragödie keine Rolle. Im Vergleich zu dem, was die Hellenen von ihren Euro-Partnern und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) schon erhalten haben und noch bekommen sollen, handelt es sich um einen Kleckerbetrag, der das Land nicht vor der Pleite bewahren wird. Denn nach monatelangen Rettungsbemühungen zeichnet sich ab: nur ein ganz ganz großes Wunder kann Griechenland noch helfen. Doch danach sieht es nicht aus, das Land steht endgültig vor dem Bankrott.

Die Sparbemühungen greifen zu spät. Die internationalen Geldgeber verlieren die Geduld und bekommen langsam kalte Füße. Angst greift um sich, dass die Stützungsaktionen zum Fass ohne Boden werden. Die Spitzen der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und IWF, die bisher ruhig und besonnen agierten und öffentlichen Radau vermieden, zeigen sich genervt und mit der Geduld am Ende. Schon vor dem Ende ihrer aktuellen Prüfmission in Athen ziehen sie ein ernüchterndes Zwischenfazit. "Griechenland steht an der Wegscheide", sagt Poul Mathias Thomsen, Leiter der IWF-Delegation in Athen, laut "Welt am Sonntag". "Es geht zwei Schritte vor und einen zurück."

Die Zeit rinnt davon

Langsam dämmert es allen Beteiligten: So sehr sich die Athener Regierung müht, so schwer ist es, radikale Reformen durchzusetzen und wie aus dem Nichts zig Milliarden einzusparen, ohne gleichzeitig die Rezession zu verfestigen. Es dauert lange, bis die Saat aufgeht und die Früchte geerntet werden können.

"Die Griechen glauben, dass es reicht, Gesetze zu machen. Aber deren Umsetzung braucht Zeit. Und häufig fehlen da noch die richtigen Strukturen - zum Beispiel in der Steuerverwaltung", sagt der Chef der Troika-Delegation der EU-Kommission, der Deutsche Matthias Mors. Das Ergebnis: die Sparmaßnahmen bringen längst nicht genügend und die Privatisierungen kommen schleppend oder gar nicht voran.

Radikaler Schlussstrich wird populärer

Griechenland musste zusätzlichen Milliardenbedarf anmelden. Der IWF-Vertreter Athens Panagiotis Roumeliotis nannte unter Verweis auf die scharfe Rezession zwei Möglichkeiten, Hellas vor der Pleite zu bewahren: Entweder den schon zugesagten Kredits aufstocken oder durch eine Restrukturierung der Verbindlichkeiten an private Gläubiger. Allerdings haben Euro-Partner Mitschuld, dass die Griechen erneut als Bittsteller dastehen. Die Berechnung für die Beteiligung des Privatsektors war falsch - unter anderem wegen der gesunkenen deutschen Zinsen.

In Wirtschaft, Wissenschaft und Politik finden sich immer mehr Anhänger eines radikalen Schlussstrichs unter die Rettungsbemühungen. Die Bereitschaft schwindet, immer mehr Milliarden in das wirtschaftlich marode Land zu stecken. Altkanzler Gerhard Schröder präsentierte in der Financial Times Deutschland eine Euro-Agenda 2012, die einen Schuldenschnitt um etwa 50 Prozent enthält.

Die Leidensfähigkeit der Retter schwindet. Vieles deutet daraufhin, dass sich Europa damit abfindet, dass Griechenland nicht um eine Bankrotterklärung herumkommt. Auch Deutschland gibt sich geschlagen - aus guten Gründen, würde es doch am meisten finanziell bluten, wenn die Stützungaktionen zum Fass ohne Boden würden.

Kanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), die bisher strikt gegen eine Insolvenz Griechenlands waren, stehen urplötzlich an der Spitze der Bewegung und drängen ihre Partner in der EU zu einem umfangreichen Schuldenschnitt. "Wir setzen uns dafür ein", verlautet aus dem Lager der Bundesregierung.

Die Kanzlerin will die zögernden Franzosen mit ins Boot holen und den Haircut als Beitrag zu einer Gesamtlösung zur Sicherung der Währungsunion präsentieren. Als Folge dürften Gläubiger - wie es ihrem Vorgänger Gerhard Schröder vorschwebt - wenigstens die Hälfte ihrer Investition verlieren.

Schäuble fürchtet Ausweitung der Krise

Zugleich bereiten Merkel und Schäuble die Steuerzahler auf neue Stützungsmilliarden aus der Staatskasse für Banken vor. Die belgisch-französische Dexia ist das erste Opfer. Sie erhält Garantien der Regierungen von Frankreich, Belgien und Luxemburg über 90 Milliarden Euro. 95 Milliarden Euro an toxischen Papieren werden in eine Bad Bank ausgelagert.

Die europäischen Institute haben im zweiten Quartal nach eigenen Angaben zwar schon mindestens 21 Prozent an griechischen Forderungen abgeschrieben, haben aber nach wie vor jede Menge Anleihen des Landes in den Bilanzen - und noch sehr viel mehr spanische, italienische, portugiesische und belgische.

"Es gibt ein hohes Risiko, dass sich diese Krise weiter zuspitzt und ausbreitet", sagt Schäuble. Alt-Kanzler Schröder meint: "Dieser Teilschuldenerlass muss so gestaltet sein, dass weder der Bankensektor nachhaltig geschädigt wird, noch dass es zu einer Kettenreaktion in anderen europäischen Staaten kommt." Nimmt man die vergangenen Monate Krisenintervention der EU zum Maßstab, wird einem angst und bange, ob dies gelingt.

FTD