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Ex-Baulöwe Jürgen Schneider: "Eine Mischung aus Dummheit und Gier"

Baulöwe Jürgen Schneider hatte die Leipziger Innenstadt mit Krediten saniert, die er gar nicht hätte bekommen dürfen. Vor zehn Jahren begann der Prozess gegen den Pleitier, bei dem auch die Banken nicht sehr gut aussahen.

Wenn Jürgen Schneider heute durch die Straßen Leipzigs spaziert, überkommt den 73-Jährigen nach eigenen Worten immer noch "Stolz über das Vollbrachte" und Melancholie über das nicht Erreichte. Auch mehr als 13 Jahre nach seiner Milliardenpleite entwickelt der vormalige Baulöwe aus dem hessischen Königstein eine eigentümliche Mischung aus Naivität und Größenwahn, wenn er auf "seine Häuser" zu sprechen kommt, die ihm in Wahrheit nie gehört haben. Der Mann, der gleichermaßen geschickt kleine Handwerker ausgepresst und große Banker hereingelegt hat, trat vor exakt zehn Jahren in Frankfurt vor den Richter.

Was folgte, war der bis dahin spektakulärste Wirtschaftsprozess des Landes, bei dem häufig die kreditgebenden Banken den Schwarzen Peter zugeschoben bekamen. Mehr als 5,5 Milliarden DM hatte sich Schneider mit meist frisierten Projekt-Unterlagen zusammengepumpt und in seine meist spektakulären Altbau-Sanierungen gesteckt. Den Frankfurter Fürstenhof, das Kurfürsteneck in Berlin sowie die Mädler- Passage und ganze Straßenzüge in Leipzig ließ Schneider im alten Glanz erstrahlen. Für immer neue Projekte fand der Blender noch neue Geldgeber, als die Deutsche Bank längst ausgestiegen war: Die rund 1000 Gläubiger blieben am Ende auf Forderungen von rund 2,4 Milliarden DM (1,23 Mrd. Euro) sitzen. Schneider selbst war im April 1994 untergetaucht und wurde schließlich am 17. Mai 1995 gemeinsam mit seiner Frau ausgerechnet vor einer Bank in Miami festgenommen.

Richter ließ Bankmanager auflaufen

Der Vorsitzende Richter Heinrich Gehrke ließ im Prozess in seltener Einigkeit mit Schneiders gewieftem Verteidigertrio hochrangige Bankmanager bis hin zum Vorstand auflaufen und gab sie bei passender Gelegenheit der Lächerlichkeit preis. "Ich habe zwar kein Toupet, aber mir fallen die Haare aus, wenn ich sehe, mit was für einem Informationsstand ein Aufsichtsrat seine Aufgaben erfüllen sollte", juxte er zum Beispiel über die Kontrollgremien.

Den souveränsten Auftritt im Gerichtssaal legte noch Hilmar Kopper hin, der als Deutsche-Bank-Vorstandssprecher das Unwort "Peanuts" (Erdnüsse) für unbezahlte Handwerkerrechnungen in einer Höhe von 50 Millionen DM geprägt hat. Selbstironisch reflektierte er mit Gehrke über das Bankgewerbe und gab Fehler zu, wo seine Vorstandskollegen vom Konkurrenten Dresdner Bank darauf beharrten, ihnen sei mit den Schneider-Krediten kein Schaden entstanden.

Gänsebraten statt Knastkost

Am Ende des nicht einmal sechs Monate währenden Prozesses verließ Schneider mit einem Urteil von sechs Jahren und neun Monaten wegen Betrugs, Kreditbetrugs und Urkundenfälschung als vorübergehend freier Mann das Frankfurter Landgericht, denn Gehrke hatte seinen Haftbefehl außer Vollzug gesetzt. Bei Schneiders gab es zu Weihnachten 1997 Gänsebraten statt Knastkost. Die Resthaft seiner Zweidrittel-Strafe bis zum Dezember 1999 verbrachte Schneider vergleichsweise kommod als Freigänger. Heute lebt das Ehepaar vom Geld seiner Kinder im Raum München. "Schneider ist eigentlich zu gut weggekommen", sagt der Frankfurter Oberstaatsanwalt Ulrich Busch, der damals zusammen mit Dieter Haike die Anklage vertreten hat. Das Gericht habe das Versagen der Banken für Schneider viel zu positiv gewertet und den ebenfalls schwer wiegenden Vorwurf des Bankrotts gleich ganz unter den Tisch fallen lassen. Auch für dieses kaum in Zweifel stehende Delikt - Schneider hatte versucht, 245 Millionen DM in die Schweiz zu schaffen - lautet die Strafdrohung wie bei Betrug zehn Jahre Haft für eine Einzeltat. Ein weiteres Ermittlungsverfahren wegen Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit dem Millionenerbe seines Vaters überstand Jürgen Schneider ebenfalls unbeschadet und bekommt nun voraussichtlich noch Haftentschädigung für acht Tage Untersuchungshaft in dieser Sache.

Mischung aus Dummheit und Gier

Dass die Strafverfolger trotzdem nicht in Revision gingen, liegt in der Juristenlogik komplizierter Wirtschaftsverfahren begründet. "Das Urteil musste schließlich auch von der Verteidigung akzeptiert werden", räumt Busch weitgehende Absprachen ein. Zahlreiche Ansatzpunkte für sehr weit führende Beweisanträge hätten in einem kontrovers geführten und damit jahrelangen Prozess auch keine höhere Strafe erwarten lassen. Gegen die beteiligten Banker ließ sich kein Anfangsverdacht der Untreue oder der Bestechlichkeit finden, sagt Busch. "Da war eine Mischung aus Dummheit und Gier." "Mehr war für meinen Mandanten nicht drin. Die Revision für ein schärferes Urteil war schon fertig", sagt Verteidiger Eckart C. Hild im Rückblick. Er hält Schneiders langes Schweigen im Prozess nach einer anfänglichen kurzen Erklärung für den Schlüssel zum prozessualen Erfolg. Das Gericht habe so den eigentlich unglaublichen Sachverhalt zunächst nicht mit dem Angeklagten, sondern mit den Bankzeugen erörtern müssen. "Über die Zeugen wurde das Unfassbare fassbar, wie leichtsinnig die Banken das Geld vergeben haben." Als sich Schneider wieder zu Wort meldete, sei die Stimmung längst zu seinen Gunsten gekippt gewesen.

Viele Leipziger schätzen Schneider

Mit einem blauen Auge davongekommen sind in der Milliardenpleite auch die von Schneider unbezahlt gelassenen Handwerker. "Es hätte schlimmer kommen können", sagt Gerd Ulrich Müller, altgedienter Geschäftsführer der Handwerkskammer Rhein-Main. "Die Deutsche Bank hat die Situation mit ihren Zahlungen entschärft." Wegen der politischen Dimension des Falles habe es ein aktives Zusammenwirken aller Kräfte in der Region gegeben, um die betroffenen Betriebe zu retten, sagt zudem Sigrid Zimmermann, damals wie heute Hauptgeschäftsführerin der Handwerkskammer zu Leipzig. In der Sachsen-Metropole gilt Schneider wegen der schönen Häuser aber immer noch vielen als verdienstvoller Mann.

Christian Ebner/DPA / DPA