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Grüner Punkt: Alles Müll

Die Deutschen sind beim Trennen des Abfalls zu faul. Moderne Sortieranlagen könnten den Grünen Punkt überflüssig machen. Doch die Betreiber wollen von dem Milliardengeschäft nicht lassen.

Thomas Moll steht im Augenblick auf einem Höhepunkt seiner Karriere: zwölf Meter über dem Abfall des Ruhrgebiets. Unter seiner Beobachtungsplattform sausen Saftkartons, Pappschachteln, Tetrapaks, Fischdosen, Plastikflaschen, Folien, Schutt und Unrat auf Fließbändern hinweg. Es rüttelt, dröhnt, bläst, blinkt - und stinkt. Was den Stolz von Herrn Moll nicht mindert. Er ist Leiter der Verpackungsmüll-Sortieranlage von RWE Umwelt in Essen. "Das Modernste auf dem Markt", schwärmt Moll. "Unsere Eigenentwicklung. 4,5 Millionen Euro teuer und vollautomatisch." Hier werden die Inhalte der gelben Müllcontainer und -säcke - also alle Abfälle mit dem grünen Punkt drauf - aus fünf Revierstädten aufs Förderband geschaufelt, dort sortiert, und hinten rollen sie getrennt nach Wertstoffen heraus - Weißbleche, Aluminium, Pet-Flaschen und Kunststoffmix.

Dumm nur, dass neben den wertvollen Rohstoffen, die für viel Geld weiterverkauft werden können, zu 40 Prozent auch unbrauchbarer Restmüll hinten heraus kommt. Der dürfte hier nämlich eigentlich gar nicht drin sein, gehört er doch zu Hause bei den Bürgern in die grauen Tonnen, deren Inhalt direkt in die Müllverbrennungsanlagen geht. Im Februar machte RWE Umwelt einen brisanten Test: Anstelle der gelben Säcke schüttete man 750 Tonnen Hausmüll aus den grauen Tonnen aufs Fließband. Wieder Rütteln und Dröhnen, Schütteln und Stinken. Und heraus kam? Tja, das hütet Müllmann Moll als Betriebsgeheimnis. Nur so viel deutet er an: Im Hausmüll fanden sich jede Menge recycelbare Wertstoffe - Abfall, der eigentlich in die gelben Säcke gehört hätte.

Offenbar sind die Deutschen also auch zwölf Jahre nach Einführung des grünen Punkts noch immer Sortiermuffel. Helmut Schnurer, Leiter der Abteilung Abfallwirtschaft im Bundesumweltministerium, macht sich schon lange keine Illusionen mehr. In städtischen Ballungsgebieten, so seine Erkenntnisse, stopfen die Bürger die Tonnen oder Säcke sogar zu bis zu 50 Prozent mit dem falschen Müll voll: Zahnpastatuben, Katzenfutterdosen, Pillenpackungen, Farbtöpfe, Saftkartons, Heringskonserven und Joghurtbecher - alles Grüner-Punkt-Abfall - landen im Hausmüll, Pizzareste, Windeln, Kartoffelschalen und Bauschutt dafür im gelben Sack. Fast 50 Prozent Fehlwürfe, das bedeutet: "In beiden Behältern ist ungefähr das Gleiche drin." Während aber der Inhalt der grauen Restmülltonne im Müllofen verbrennt, wird der Abfall der gelben Tonne teuer aussortiert und recycelt.

Die staatlich verordnete Mülltrennung - nichts als ein großer Aberwitz? Seit Inkrafttreten der Verpackungsverordnung 1991 sollten die Deutschen ihren Abfall sortieren. Der Müll, der in den gelben Säcken landet, ist zu einer begehrten Ware geworden, von der eine ganze Branche prima lebt. Alle Unternehmen, die ihre Produkte in Bechern, Dosen, Tuben, Flaschen, Kisten, Eimern oder Folien verpackt verkaufen, müssen eine Lizenzgebühr an das Duale System Deutschland (DSD) zahlen. Für einen Joghurtbecher etwa fallen 1,32 Cent an. Insgesamt knapp 1,9 Milliarden Euro kassiert auf diese Weise das DSD. Und weil die Hersteller die Kosten natürlich auf ihren Preis aufschlagen, zahlt jeder Bundesbürger indirekt 22,80 Euro im Jahr für das DSD - zusätzlich zu den kommunalen Müllgebühren und dem neuen Dosenpfand.

Geld, das buchstäblich im Müll landet, wenn die Sortierergebnisse so schlecht sind. Kritiker wie Ernst Ulrich von Weizsäcker plädieren denn auch dafür, "die Tugend des Mülltrennens zu überdenken. Das Duale System ist zu teuer." Und vielleicht bald überflüssig. Jürgen Hahn vom Umweltbundesamt, Initiator des Sortiertests bei RWE Umwelt in Essen, argumentiert gegen die alltägliche häusliche Mülltrennerei: "Die neuen High-Tech-Sortieranlagen können das besser." Auch Helmut Schnurer vom Umweltministerium hält es "für sinnvoll, das gemeinsame Sortieren praktisch zu erproben. Schon wegen der vielen Fehlwürfe."

Für Bewohner von Kempen im Ruhrgebiet ist womöglich bald Schluss mit dem Sortieren. Dort plant das Entsorgungsunternehmen Schönmackers Umweltdienste einen einjährigen Pilotversuch. In dieser Zeit dürften dann die Verpackungen mit dem grünen Punkt und der Restmüll zusammen in einen Behälter geworfen werden. Getrennt wird danach erst in hochmodernen Sortieranlagen. Auch andere große Entsorger basteln an Verbesserungen des Müllmanagements. Die Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg fordert in ihrer Studie "Hausmüllentsorgung der Zukunft" sogar die Streichung des Biobehälters: Alles gehöre in eine Tonne außer Papier, Glas, Kleidung und Sperrmüll.

Für Hans-Peter Repnik ist das alles starker Tobak. Der CDU-Bundestagsabgeordnete ist seit Anfang des Jahres Chef des Dualen Systems, das im Regierungsauftrag bundesweit Leichtverpackungen mit dem grünen Punkt sowie Altglas sammelt und recycelt. Und schon vom Typ her ist der Hauptmann der Reserve keiner, der gern in der Defensive ist. Er sei sich "ziemlich sicher, dass wir die besten Ergebnisse, nämlich die saubersten Altstoffe, nicht beim Müllmix, sondern beim Getrenntsammeln bekommen", sagt Repnik pflichtbewusst. Und, schneidiger: "Ich bin nicht angetreten, den gelben Sack abzuschaffen."

Das wundert nicht, immerhin verdient der Mann als DSD-Chef am Status quo sehr gut. Das gemeinnützige Unternehmen, das formal keine Gewinne machen darf, konnte in den vergangenen Jahren üppige Rücklagen bilden. Repnik-Vorgänger Wolfram Brück hat mit rund 500 kommunalen und privaten Entsorgern, die die Drecksarbeit machen, so langfristige und lukrative Verträge geschlossen, dass das Kartellamt aufmerksam wurde. Neue Konkurrenten bekämpfte das DSD mit Boykottaufrufen und Drohungen. Dafür verhängte das Bundeskartellamt ein Bußgeld von 4,4 Millionen Euro.

Garantieverträge mit Laufzeiten von zehn Jahren und mehr verteilte auch die DSD-Tochter Deutsche Gesellschaft für Kunststoffrecycling an ihre 70 Firmen, die den eingesammelten Kunststoff verwerten. Entweder zu Ersatzbrennstoff für Kraftwerke, Zementfabriken und Stahlwerke. Oder "stofflich", wie es die Verpackungsverordnung vorschreibt, zu Bodenplatten, Rohren, Parkbänken, Eimern, Kompostkisten oder Lärmschutzwänden. Dazu muss der Müll aber erst zu einem Granulat zerkrümelt und dann neu geformt werden. Weil das im Ausland billiger geht, wird ein Teil unseres Plastikmülls nach Litauen, Italien und Großbritannien gekarrt - auf Verbrauchers Kosten.

Doch die fetten Jahre für das DSD gehen zu Ende. Das Unternehmen verliert durch die neue "Dosenpfand"-Verordnung, das viele Einweggetränkeverpackungen der Zuständigkeit des DSD entzieht, jährlich bis zu 400 Millionen Euro Einnahmen. Zudem drohen Bundeskartellamt und EU-Wettbewerbskommission damit, das Müllmonopol Ende 2006 dichtzumachen, wenn bis dahin kein offener Wettbewerb im Entsorgerklüngel herrscht.

Der korrekte Herr Repnik weiß um die Gefahren und gibt sich deshalb allen gegenüber im Moment besonders konziliant. Sein Ziel ist, "das gemeinwohlorientierte Unternehmen wettbewerbs- und zukunftssicher zu machen". Er hat die drei Vertreter der Entsorgungsbranche aus dem DSD-Aufsichtsrat zum Rücktritt gebeten, um ein Zeichen gegen den Klüngel zu setzen. Eine neue Werbekampagne soll den grünen Punkt als unverzichtbar für den Umweltschutz ins Gedächtnis der Bevölkerung bringen - und so die magere Sortierquote verbessern. Und damit es nicht nur die anderen tun, will Repnik auch Pilotprojekte zur effektiveren Abfallverarbeitung starten.

Eine Neuausschreibung der Entsorgungsverträge soll die Monopolvorwürfe ausräumen. Doch der Bewerberandrang hält sich in Grenzen. "Die seit 1990 gewachsene Monopolstruktur schließt viele Mitbewerber aus", meint Wolfgang Zacherle, Chef einer Altpapierfirma. "Wer von Anfang an mit einem sicheren DSD-Vertrag im Rücken die nötige Infrastruktur aufbauen konnte, hat heute seine Anlagen abgeschrieben. Dagegen können Neulinge, die erst mal Millionen investieren müssen, nicht antreten." Müll-Boss Repnik dämpft schon jetzt Erwartungen auf einen Preisrutsch. Angesichts der schrumpfenden Einnahmen des DSD blieben die Preise "allenfalls stabil".

Anstelle des Wettbewerbs von innen formiert sich außerhalb des DSD Konkurrenz. Immer mehr Lizenznehmer steigen aus dem Zwangssystem aus und entsorgen günstiger selbst. Wie die Drogerieketten Schlecker, Rossmann und dm, die ihren Verpackungsmüll vom Privatunternehmen Belland Vision einsammeln lassen. Da ihre Kunden nur wenige der Seifenschachteln, Waschpulverkisten und Shampoospender in die Drogerien zurückbringen, stockt Belland Vision die nötige Abfallquote durch den "gelben" Müll von Kantinen, Krankenhäusern und Kinoketten auf.

Als Alternative zum DSD wollen die Mainzer Landbell AG und der Kölner Abfallverwerter Interseroh auch Verpackungsmüll und Altpapier entsorgen. Beide verhandeln seit Monaten mit der Industrie und putzen Klinken bei Kommunen und Landesregierungen. Denn die DSD-freundlichen Abfallgesetze fordern eine "flächendeckende" Entsorgung. Das bedeutet: Alle Gebietskörperschaften eines Landes müssen dem Antritt eines Wettbewerbers zustimmen. Interseroh und Landbell erwarten als Erstes in Hessen grünes Licht.

Der Kampf um den Müll wird hart geführt, weil der Abfall wertvoll ist. Nicht nur die Lizenz- und Müllgebühren lohnen das anrüchige Geschäft: Je nach Reinheit lassen sich für Metallschrott 35 bis 90 Euro pro Tonne erzielen, Aluminium bringt 500 bis 700, Altpapier 50 bis 400 Euro.

Für das Duale System hat der Überlebenskampf begonnen. Die Müllgesetze haben nicht zur Abfallvermeidung geführt, sondern nur zu einem guten Gewissen, gibt sogar der Bund für Umwelt- und Naturschutz zu. Doch noch scheuen sich alle, den grünen Punkt in die graue Tonne zu treten. Jürgen Hahn vom Umweltbundesamt sieht vor allem ein psychologisches Problem: "Jahrelang wurde der Bürger abfallpädagogisch erzogen und sein Umweltbewusstsein entwickelt. Wie kann man ihm jetzt beibringen, dass Mülltrennen eine Alibifunktion ist?"

Brigitte Zander / print