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Flüchtlingskrise: Top-Ökonom Sinn fordert: Mindestlohn weg, Rentenalter hoch, Grenze zu

Hans-Werner Sinn ist Deutschlands streitbarster Spitzen-Ökonom. Auch beim Thema Flüchtlinge nimmt er kein Blatt vor den Mund. Seine Vorschläge für den Arbeitsmarkt dürften nicht allen gefallen.

Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner ifo-Institut und ökonomischer Lautsprecher

Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner ifo-Institut und ökonomischer Lautsprecher

Hans-Werner Sinn ist so etwas wie der Horst Seehofer unter den Ökonomen. Laut, kontrovers, meinungsstark. Von seinem ifo-Institut in München aus mischt er regelmäßig den wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream des Landes auf. Sein großes Thema ist eigentlich der Euro: Die Rettungspolitik der Bundesregierung hält er für grundfalsch, die Griechen sollen raus aus dem Euro. Aber auch beim Thema Zuwanderung positioniert sich Sinn anders als viele seiner Kollegen.

Während die meisten Ökonomen Zuwanderung vor allem als Chance für den Arbeitsmarkt betrachten, erklärte Sinn bereits vor Monaten die Einwanderung zu einem großen Verlustgeschäft. Migranten kosten den Staat mehr als sie ihm einbringen, so der Tenor seines viel kritisierten Beitrages. Nun hat er der "Zeit" in einem Interview seine Sicht auf die aktuelle Flüchtlingskrise dargelegt. Die kontroversen Thesen im Einzelnen:  

1. Der Mindestlohn muss wieder weg

Hans-Werner Sinn war schon immer ein Gegner des Mindestlohns, er hält ihn aus ökonomischer Sicht für schädlich. Insofern kommen ihm die vielen gering qualifizierten Flüchtlinge gerade recht. Der Mindestlohn verhindert laut Sinn die Entstehung von dringend benötigten Billigjobs und sorgt für höhere Arbeitslosigkeit. Sinn sagt: "Es gibt drei Möglichkeiten: Man nimmt nur die Flüchtlinge vom Mindestlohn aus. Man zahlt den Unternehmen Lohnzuschüsse. Oder man senkt den Mindestlohn flächendeckend." Sinn favorisiert den letzteren Fall. Ob man die Neuankömmlinge nicht besser so ausbilden sollte, dass sie mehr als nur einen Hungerlohn verdienen können? Ja, schon. Aber das ist für Sinn "eine Herkulesaufgabe", die möglicherweise erst bei den Kindern derer Erfolg hat, die jetzt ankommen.

2. Wir müssen alle länger arbeiten

Einige Ökonomen sehen in den vorwiegend jungen Flüchtlingen die Lösung für das demographische Problem Deutschlands. Sinn glaubt daran nicht. Seiner Rechnung nach bräuchten wir in den kommenden 20 Jahren 32 Millionen Migranten, um das Verhältnis von Über-65-Jährigen zu Jüngeren aufrechtzuerhalten. "Da wir so viele nicht integrieren können, ohne unsere Werte zur Disposition zu stellen, werden wir selbst wesentlich länger arbeiten müssen", sagt Sinn. Statt sich für die steigende Rentenbelastung zu verschulden, solle der Staat "lieber das Rentenalter heraufsetzen, um die Flüchtlinge zu ernähren." Im Übrigen würden die Alten gebraucht, um die Flüchtlinge anzulernen. Was Sinn nicht sagt: Ohne junge Immigranten müssten wir alle noch viel länger arbeiten.

3. Nur noch qualifizierte Zuwanderer

Sinn sagt: "Wenn Geringqualifizierte einwandern, wird die Einkommensverteilung ungleicher." Und es werde immer teurer, das durch den Sozialstaat auszugleichen, etwa durch Zuschüsse zum Lohn (was Sinn ausdrücklich befürwortet). "Um die Kosten zu begrenzen, den absehbaren Konflikten vorzubeugen und das chaotische Überrennen der Grenzen zu verhindern, müssen wir die Zuwanderung aber zudem auf qualifizierte Personen begrenzen und das Asylrecht anpassen." Sinn fordert damit de facto eine Abschaffung des im Grundgesetz verankerten Grundrechts auf Asyl.

4. Deutschland muss seine Grenzen sichern

Sinn vergleicht den Staat mit einem Verein, der verschiedene Leistungen anbiete. "Wenn einer die Leistung nutzt, dann schränkt das die Möglichkeiten für den anderen ein." Das gelte für den Bus, genauso wie für das Rechtssystem, die Infrastruktur, die Arbeitslosenunterstützung sowie die Natur. "Eine Welt ohne Grenzen, in der sich jeder nimmt, was er gern hätte, kann nicht funktionieren", sagt Sinn. Dass neue Vereinsmitglieder auch Beiträge zahlen, fehlt in Sinns Beispiel. Seine Schlussfolgerung: Die Europäer müssen "die gemeinsame Außengrenze sichern - und wenn das nicht passiert, eben doch die eigenen Grenzen." Der Seehofer unter den Ökonomen hat gesprochen.