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Ökonomen-Streit zum möglichen Euro-Austritt: Wären wir ohne die Griechen besser dran?

Ein Euro-Austritt Griechenlands ist so nahe wie lange nicht. Sollte das Land den Euro wirklich verlassen? Und was würde uns das kosten? Das sagen fünf führende Volkswirte zur Grexit-Frage.

Griechenland und der Euro - wie geht die Geschichte weiter?

Griechenland und der Euro - wie geht die Geschichte weiter?

Lange erklärte die Politik den Weg aus Hilfskrediten und erzwungenen Reformen für alternativlos. Doch am 25. Januar wählen die Griechen ein neues Parlament, Alexis Tsipras und seine eurokritische Partei Syriza könnten triumphieren. Und auch innerhalb der deutschen Regierung will man die Griechen nicht mehr um jeden Preis in der Eurozone halten - auch wenn es offiziell keinen Kurswechsel gibt.

Was würde ein Euro-Austritt Griechenlands für Deutschland bedeuten? Wären wir ohne die Griechen wirklich besser dran? Fest steht: Geld kostet es so oder so. Sollte Griechenland austreten, bleibt Deutschland - und damit der Steuerzahler - auf seinen Krediten sitzen. Bleiben die Griechen drin, zahlen sie das Geld vielleicht irgendwann zurück - es können aber auch immer weitere Hilfen fällig werden.

Lieber weiter mit Griechenland oder ohne? Hier sind die Meinungen von fünf führenden Ökonomen.

Peter Bofinger, "Wirtschaftsweiser"

Das Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung hält einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone für gefährlich. Dem stern sagte Bofinger: "Das größte Risiko ist ein Auseinanderbrechen des Euro. Hierunter würde Deutschland besonders stark leiden. Es käme mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer massiven Aufwertung der deutschen Währung. Die deutsche Industrie würde an Wettbewerbsfähigkeit verlieren und Arbeitsplätze wären gefährdet."

Hans-Werner Sinn, Chef des ifo-Instituts

Der Präsident des Münchner ifo-Instituts sagt, dass Griechenland seine Schulden ohnehin niemals zurückzahlen könne, daher sei es besser, die Spirale zu durchbrechen. Für den Fall, dass Griechenland aus dem Euro ausscheide, müsste Deutschland nach Sinns Angaben derzeit maximal mit einem Verlust von bis zu 76 Milliarden Euro rechnen. Wenn das Land in der Eurozone verbleibe, seien die Verluste in etwa genauso hoch, nur würden sie anders verbucht. Es würden immer wieder neue Kredite nötig, befürchtet Sinn - was die Griechenland-Rettung zu einem "Fass ohne Boden" mache.

Jens Boysen-Hogrefe, Chef des IfW Kiel

Dem Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft zufolge hätte ein Euro-Austritt Athens auf Europa und den Euro als Gemeinschaftswährung zunächst rein wirtschaftlich nur geringen Einfluss. "Die direkten ökonomischen Ansteckungsgefahren sind deutlich geringer als 2010 oder 2012." Politisch könnte die Ansteckungsgefahr größer sein: "Wenn über einen eventuellen Euro-Austritt Griechenlands die politische Einigkeit der übrigen Euro-Länder zerbrechen oder in größeren Ländern extrem euroskeptische Kräfte die Oberhand gewinnen sollten, könnte es sehr problematisch werden."

Bernd Lucke, Alternative für Deutschland

Die eurokritische Haltung des Hamburger Professors ist bekannt, er hat darauf seine Partei aufgebaut. Lucke sagt: "Bei einem ehrlichen Schuldenschnitt, der mit einem Austritt aus dem Euro verbunden ist, würde das wohl zwischen 40 und 50 Milliarden Euro kosten. Bei einem längeren Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone wäre es noch teurer, weil wir weitere Kredite geben müssten, die auch verloren wären."

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank

Nach Commerzbank-Berechnungen summieren sich die Schulden Griechenlands bei den europäischen Partnern, dem IWF und der EZB auf gut 257 Milliarden Euro. Diesen Berg könnte das Land im Falle eines Austritts nicht mehr abtragen. "Die Politiker in Geberländern wie Deutschland müssten ihren Wählern erklären, dass die Hilfskredite anders als stets behauptet verloren sind", sagt Krämer. "Das wäre sehr unpopulär und würde eurokritische Parteien wie die AfD stärken."

Daniel Bakir mit Agenturmaterial