HOME

Heinrich von Pierers Abgang: Goodbye Mr. Siemens

Er war Stammgast bei den Kanzlerreisen von Kohl bis Merkel, er war der Hervorragendste unter den Mitgliedern der Deutschland-AG. Jetzt gab Heinrich von Pierer als Siemens-Aufsichtsratschef auf. Ein tragischer Abgang.

Von Ulrike Posche

Vor Jahren einmal, auf einer Reise des Bundeskanzlers Schröder durch Südamerika, setzte sich Heinrich von Pierer auf einmal in den schaukelnden Bus, mit dem die Journalisten zum nächsten Termin gefahren wurden. Andere Wirtschaftslenker ließen sich damals natürlich in eigenen, vollklimatisierten Bussen chauffieren, oder schenkten sich den Ausflug, bei dem sie ohnehin nur die Garnitur für den Kanzler oder irgendeinen Kollegen bilden sollten, gleich ganz. Pierer aber, mit Linksscheitel, Metallbrille und im Nadelstreifen-Anzug, setzte sich in die Bank, als wäre er Lokalredakteur der Nordbayerischen Zeitung. Aber natürlich war er unter all den Bossen, die Schröder in seiner hochkarätigen Entourage dabei hatte, der größte, der mächtigste, der globalste. Nur, Heinrich von Pierer hielt es nie für nötig, das auch zu zeigen.

Siemens-Geschäfte waren immer nationale Angelegenheiten

Diese gelassene Bescheidenheit machte ihn unter seinen Kollegen einzig. 400.000 Mitarbeiter weltweit hörten auf sein Kommando, und wenn er verhandelte, dann nicht mit den Bossen kleiner Klitschen irgendwo in Buenos Aires, Delhi oder Peking, nein, wenn Herr von Pierer verhandelte, dann saßen die Präsidenten am Tisch, die Staatschefs, die Kings. Nicht, dass er es darunter nicht getan hätte, aber wenn Siemens ein Kraftwerk verkaufen wollte oder einen Transrapid, dann war es eine nationale Angelegenheit - für Deutschland, und eben für die anderen.

"Das hier ist der Herr Pierer von Siemens", stellte ihn Helmut Kohl einst Indiens Staatschef Rao vor, "dem seine Vorfahren haben Euch hier durch Indien die Eisenbahn gebaut". So lag die Sache mit dem Herrn von Pierer! Auf den Visiten der Kanzler und später auch als wirtschaftpolitischer Berater der Kanzlerin in die boomenden Weltmärkte war der Siemens-Chef sozusagen Stammpassagier. Der Vorstandsvorsitzende flog klaglos in der Konrad-Adenauer lange Strecken mit, dabei wusste er eigentlich auch ohne die Unterstützung Kohls oder Schröders, wie man mit Chinesen hart verhandelt, ohne dass die ihr Gesicht verlieren, wie man mit Russen Abschlüsse begießt und das Verfertigen eines "Letter of Intent", einer Absichtserklärung, zum Ritual aufbäst.

Als Bundespräsident im Gespräch

Sein fränkischer Charme, die Direktheit mit der Heinrich von Pierer zur Sache kam, sein robustes Tennisspiel, sein rasanter Ski-Stil beim Prominentenabfahrtslauf, aber auch die Gewandtheit, mit der er sowohl mit dem einen (Stoiber), wie auch mit den anderen (SPD) konnte, brachte dem CSU-Sympathisanten auf jener Südamerika-Reise die höchste Anerkennung ein, die ein Kanzler Schröder überhaupt zu vergeben hatte: "Heinrich, mir graut vor Dir!" Es hätte übrigens auch dem SPD-Kanzler einfallen können, von Pierer zum Bundespräsidenten-Kandidaten vorzuschlagen. So wie es Angela Merkel einmal kurzzeitig eingefallen war.

Was muss passiert sein, dass Heinrich von Pierer, dieser umsichtige Mann und Vorzeigemanager, der nie zu protzigen Ausbrüchen, Schlampigkeiten und nicht zu eitler Selbstdarstellung neigte, der stets wirkte, wie ein Buchhalter, der auch die noch so kleinste Ablage stets im Blick hat, den noch so kleinsten Rechnungszettel, dass dieser scheinbar so korrekte Mann am Ende seiner Siemens-Karriere da steht, wie einer, der den Laden nicht im Griff hatte? Wie einer, der den falschen Leuten vertraute? Wie einer, der zwar delegierte, aber möglicherweise vergaß - wem und wohin? Wie einer, dem die Kontrolle über sein Lebenswerk verloren ging.

Kontrolle über sein Lebenswerk verloren

Andere mögen es anders sehen, aber das ist die eigentliche Tragödie des Heinrich von Pierer. Dass er, als Hervorragender unter den Mitgliedern der Deutschland-AG, jetzt im Glied stehen soll mit denen, die vor ihm unglücklich abtraten, oder irgendeine Art von Dreck am Stecken hatten. Wer Mister Siemens je als Mitreisenden erlebt hat, als Fußballfan und Weltwissenden, der muss diesen ungewollten Abgang tragisch finden.

Auf der Hochphase der New Economy, so erzählte von Pierer einmal genüsslich, da seien beim World Economic Forum die Big-Shots dieser neuen Wirtschaft aus den Vereinigten Staaten und sonst woher aufgelaufen. Die seien hofiert worden wie Stars, zum Rednerpult eskortiert und umlagert wie Götter. Die New Economy war sexy, Siemens dagegen war plötzlich nur noch älteste Old Economy. Er habe damals dabei gestanden und gestaunt, und denen, die rings um ihn standen, angesehen, wie sie dachten: "Ach, da steht ja der arme Pierer wieder mit seinen langweiligen Turbinen." Dann, kurze Zeit später, waren die ersten von denen unter den Augen der feixenden Weltöffentlichkeit in Handschellen abgeführt worden. Da waren Bilanzen nur Lüge und der Boom eine Blase. Viele Stars von einst sind vergessen. Jetzt hat die Old Economy wieder das Sagen.

Eben deshalb hat sich "Heinrich, der Löwe" gewiss nie vorstellen können, dass er einmal auf diese unrühmliche Weise das Feld verlassen müsste.