HOME

Hypo Real Estate: Ludwig Erhard kann liegen bleiben

Der Milliardenschlucker Hypo Real Estate bewegt derzeit zu großen Vergleichen. Die DDR wird bemüht, der Vater der sozialen Marktwirtschaft ebenfalls. Das Wörtchen "Enteignung" provoziert schlimmste Ängste. Dabei wäre es im aktuellen Fall gar nicht so schlimm - erst Recht nicht für die Aktionäre.

Ein Kommentar von Dirk Benninghoff

Hartes Wort, bombastische Vergleiche. Da "Enteignung" in Deutschland schnell Assoziationen wie ZK, Politbüro und Walter Ulbricht weckt, wähnt der Springer-Verlag die Bundesrepublik auf dem Weg in DDR-Verhältnisse. Chef a. D. Hans-Hermann Tietje überkommen zudem üble Erinnerungen an die APO-Zeit. Der Bundeswirtschaftsminister bemüht dagegen – wie in solchen Fällen üblich - den Geist Ludwig Erhards und fürchtet unnatürliche Umwälzungen auf dem Bergfriedhof im bayerischen Gmund: Im Grabe würde sich sein Vorgänger umdrehen, mutmaßt Freiherr zu Guttenberg, wenn die Aktionäre der Hypo Real Estate enteignet würden.

Allerhand Historie also, die für einen geschichtlich allerdings einmaligen Fall herhalten muss. Dass ein durch und durch marodes Geldhaus einen so hohen volkswirtschaftlichen Einfluss hat wie die Hypo Real Estate, das gab es in der Bundesrepublik noch nicht. Dass ein ganzer Markt (Pfandbriefe) - und mit ihm andere Banken wie auch Unternehmen - aufgrund dieser Bank zu kollabieren droht, auch nicht. Die Bundesregierung hat wie andere Staaten auch aus dem Lehman-Desaster gelernt und will einen Domino-Effekt vermeiden. Zunächst gab es nur Geld, viel Geld. Aber auch die gerne als „unfassbar“ bezeichnete Summe von 102 Milliarden Euro reicht nicht aus, um die Hypo Real Estate zu retten. Die Bank muss aber gerettet werden, soviel ist klar.

Die jetzige Situation ist jedoch absurd. Die Regierung, an deren Tropf die Bank hängt, muss sich mit dem US-Investor JC Flowers verständigen, der ein Viertel der Anteile hält, die allerdings nur noch knapp 60 Millionen Euro wert sind. Selbst ist der Staat an der Bank noch immer nicht beteiligt, zumindest nicht im meldenswerten Bereich. Dabei ist das Investment des Amerikaners lächerlich im Vergleich zu den Kapitalhilfen und Garantien des Bundes. Dass der Staaat also endlich die Kontrolle über die HRE übernimmt ist längst überfällig. Flowers selbst hat den Mund bislang öffentlich auch nicht aufgemacht.

Hätte der Staat gar nicht eingegriffen, wäre die Aktie statt gut ein Euro noch ein paar Cent wert gewesen. Hätte Flowers also die Wahl zwischen Enteignung und vollkommen freiem Markt, würde er sich wohl enteignen lassen. Selbst in dem äußersten Schritt der Regierung würden die Aktionäre in etwa zum aktuellen Kurs entschädigt werden. Sie sollten sich wünschen, dass dies schnell geschieht, denn der Kurs verliert täglich mehr an Wert. Auf der anderen Seite hat der US-Investor nicht mehr viel zu verlieren. Eine Milliarde Euro musste er schon abschreiben, da sind 60 Millionen nur Almosen.

Sicherlich sollte eine Enteignung in einem marktwirtschaftlichen System, das dem Eigentum verpflichtet ist, der allerletzte Schritt und eine dramatische Notmaßnahme sein. Und das wäre er bei der HRE auch. Größenwahnsinnige Vorstände, Zocken ohne Ende und jetzt auch noch möglicherweise Insiderhandel - bei den Münchenern war alles drin. Übrig geblieben ist eine Bank, die den Namen kaum verdient hat und bei der man schon froh sein muss, dass die Internetseite noch funktioniert. Ohnehin wäre die Regierung bei einem größeren Einstieg verpflichtet, den restlichen Aktionären ein Übernahmeangebot zu machen, wenn sie die Bank nicht enteignen würde. Die Unterschiede sind zu marginal, um aus der Enteignung in diesem speziellen Einzelfall einen historischen Sündenfall zu machen. Ludwig Erhard kann liegen bleiben.