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Inflation frisst Lohnerhöhungen Deutsche haben wieder weniger Geld in der Tasche


Nach drei Jahren steigender Reallöhne verlieren die Deutschen erstmals wieder an Kaufkraft. Ist das deutsche Wirtschaftswunder mitten in der Krise schon wieder vorbei? Ökonomen mahnen zur Vorsicht.
Von Lutz Meier

Es sah aus wie der Beweis deutscher Wirtschaftskraft, mitten in der Krise: Während anderswo in Europa die Wirtschaft schwächelte, bekamen hierzulande in den vergangenen drei Jahren nach langer Durststrecke wieder die Arbeitnehmer etwas vom Wachstum ab. Doch jetzt ist schon wieder Schluss mit Lohnzuwachs: Im ersten Quartal diesen Jahres sind die Reallöhne zum ersten Mal seit Jahren überraschend wieder gesunken. Das meldete das Statistische Bundesamt am Donnerstag beim Vergleich der Lohn- und Inflationszahlen.

Demnach hat die Preissteigerung die Lohnerhöhungen zu Jahresbeginn aufgefressen. Die Deutschen hatten im Durchschnitt 0,1 Prozent weniger in der Tasche als zum Jahresauftakt 2012. Besonders Fachkräfte mussten nach den Zahlen der Statistiker leiden: Sie stürzten beim Reallohn um 0,6 Prozent ab. Laut der Erhebung gab es weniger Sonderzahlungen und weniger Überstunden, auch deshalb blieb weniger Geld.

Die Deutschen müssten endlich mehr konsumieren

Dass die Reallöhne steigen, ist nicht nur aus Sicht der Arbeitnehmer wichtig. Auch Ökonomen hoffen seit langem auf mehr Geld in den Taschen. Dann würden die Deutschen endlich mehr konsumieren und könnten der Wirtschaft so den Schwung geben, der aus dem Export nicht mehr kommt. Denn Bürger und Firmen in den kriselnden Eurostaaten können sich weniger deutsche Produkte leisten und in Boomländern wie China und Indien muss man damit rechnen, dass die stürmische Entwicklung jäh stoppt. Deshalb wäre ein bisschen mehr Geldausgeben im Inland nicht schlecht. "Allerdings war die Hoffnung immer übertrieben, dass gleich der Konsumboom losgeht", sagt Stefan Schneider, Chefvolkswirt bei der Deutschen Bank zu stern.de. Er erwarte, dass die Reallöhne trotz der mauen Entwicklung zu Jahresbeginn weiter steigen - um rund ein Prozent in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr. Das, so Schneider, gebe die gute Produktivität in Deutschland her, reiche freilich nicht aus, um die Risiken aus Europa und der Weltwirtschaft durch mehr Konsum im Inland abzufedern.

Immer noch weniger Geld in der Tasche als vor 13 Jahren

Seit der Jahrtausendwende sind die Reallöhne in Deutschland stark gesunken. Erst in den Jahren ab 2009 ging es wieder leicht nach oben. Allerdings verdienen die Deutschen real immer noch deutlich weniger als im Jahr 2000. Zudem ist auch noch das Lohngefälle viel schroffer geworden, wie die Statistiker errechnet haben: Während besonders Leitungskräfte ihr Einkommen zwischen 2007 und 2012 stark steigern konnten, konnten Fachkräfte sowie an- und ungelernte Arbeitnehmer kaum die Inflation ausgleichen. Wenn es so weitergeht, wie jetzt die neuesten Zahlen zeigen, dann müssten wohl Deutschlands Arbeitnehmer die Hoffnung endgültig begraben, vom Wirtschaftswachstum hierzulande etwas abzubekommen.

Die Schuldenkrise hat ihre Wirkung

Aber Ökonomen wollen so weit noch nicht gehen. "Das erste Quartal war ein bisschen ein Ausreißer", sagt Schneider. Er verweist darauf, dass die Gewerkschaften in vielen Branchen im Frühjahr starke Lohnsteigerungen durchsetzen konnten. "Das wird sich wieder ausgleichen" sagt auch Eckhard Tuchtfeld, Volkswirt der Commerzbank. Er räumt allerdings ein, dass das Wachstum sich schleppender entwickele, als gedacht. "Die Unsicherheit mit Blick auf die Staatsschuldenkrise ist immer noch sehr groß", beobachtet er. Der große Schwung beim Konsum, auf den die Experten so sehnlich hoffen, ist also kaum zu erwarten.

Lutz Meier

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