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Jeff Immelt: "Der Boss legt die Regeln fest"

Jeff Immelt führt den US-Konzern General Electric mit harter Hand. Ein Gespräch über Korruption, die Stärken Deutschlands und das lukrative Geschäft mit dem Umweltschutz.

Herr Immelt, General Electric (GE) ist der Inbegriff des amerikanischen Kapitalismus. Neuerdings reden Sie viel über Umweltschutz. Sind Sie in Wahrheit ein Grüner?

Umweltschutz und Kapitalismus lassen sich heute vollkommen in Einklang bringen. Auch bei uns. Alle Unternehmensbereiche, in denen wir besonders gut verdienen, haben mit umweltfreundlichen Technologien zu tun. Etwa mit der Verringerung der Emission von Treibhausgasen. Es gibt einen Markt dafür. Ich glaube, "Grünes" bringt "Grüne" ...

... grüne Dollar-Banknoten ...

... ja, wir glauben, dass wir mit dieser Strategie mehr Geld verdienen können.

Sie haben gemeinsam mit anderen Managern US-Präsident George W. Bush Anfang dieses Jahres einen Brief geschrieben, in dem Sie vor den Gefahren des Klimawandels warnen. Haben Sie eine Antwort erhalten?

Wir haben bereits vor zwei Jahren eine Initiative gegründet, die Aktionspartnerschaft Klima. Ihr gehören jetzt 29 Unternehmen und sechs NGOs, Nichtregierungsorganisationen, an.

Warum sorgt sich ausgerechnet Big Business um den Klimawandel?

Wir sind doch nicht völlig von gestern. Meinen Sie etwa, wir glauben, dass nichts passiert? Dass der Spuk vorübergeht, wenn wir uns an den Händen halten und nur laut genug singen? Wir sind doch keine Steinzeitkapitalisten. Natürlich wissen wir, dass es eines Tages auch in den USA zu Klimaschutzgesetzen kommen wird.

Und die wollen Sie früh genug beeinflussen.

Zusammen mit großen Energieunternehmen fordern wir ein Bundesgesetz zur Emissionsbegrenzung. Damit wollen wir erreichen, dass der Ausstoß von Kohlendioxid innerhalb von 15 Jahren um bis zu 30 Prozent sinkt. Der US-Kongress sollte sich auch zum Ziel setzen, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 um bis zu 80 Prozent zu senken.

Ruft hier ein überzeugter Kapitalist plötzlich nach dem Staat?

Die Wirtschaft braucht klare, verlässliche Regeln. Jeder US-Bundesstaat hat seine eigenen Gesetze zum Klimaschutz. Es ist ein großes Durcheinander. Das ist tödlich fürs Geschäft. Position vermitteln: Wir brauchen Sicherheit durch Gesetze in diesem Bereich.

Vielleicht sollten Sie einfach auf den nächsten Präsidenten warten?

Der nächste Präsident wird alles daransetzen, die Energiezukunft unseres Landes zu gestalten. Niemand wird mit einem grünen Programm die Wahl gewinnen. Doch Klimawandel und Energiepolitik werden eine der ganz großen Prioritäten des nächsten Präsidenten sein. Egal, ob Republikaner oder Demokrat.

Amerika, der größte Energieverschwender der Welt, denkt um - das sollen wir glauben?

Heute verstehen die Menschen das Problem des Klimawandels, sie sind besorgt, und sie wissen, dass man etwas tun muss. "Grün" zu sein ist heute nicht mehr mit linker Ideologie verbunden. Es ist eine Bewegung der politischen Mitte geworden.

Glauben Sie wirklich, dass die US-Bürger bereit sind, ihren Lebensstil zu verändern?

Sie müssen darüber nachdenken. Es geht dabei um drei Dinge: um die Reduzierung von Treibhausgasen und um Energiesicherheit - bei dem momentanen Ölpreis versteht jeder, dass man etwas tun muss. Drittens sind da die steigenden Kosten. Es wäre absurd anzunehmen, dass die Menschen künftig dreimal so viel für Energie zahlen werden wie heute. Das wird nicht passieren. Und egal, ob in Deutschland, den USA oder sonst wo auf der Welt, wer ernsthaft über die Lösung all dieser Probleme nachdenkt, wird um die Atomkraft nicht herumkommen.

Der Ausbau der Atomenergie ist für Sie eine ernsthafte Option?

Sie muss es sein. GE investiert in Wind, Sonne, Gas und Hybridmotoren - und wir bauen Atomkraftwerke. Atomenergie ist für mich eine verantwortbare Technik.

Sie wissen, dass die Deutschen darüber anders denken?

Ja, ich lasse Ihnen gern Ihre Meinung. Aber ich sehe es anders.

Sie haben bei GE ein Umweltprogramm unter dem Motto "Ecomagination" gestartet ...

... weil wir gemerkt haben, dass Themen wie Emissionsreduzierung, Energieeffizienz und Wasserversorgung auch für unsere Kunden immer wichtiger werden. Aber es ist auch eine Marketing- Kampagne. Das Programm verbessert unser Image.

Wollen Sie die Welt retten oder einfach nur höhere Gewinne scheffeln?

Das sind doch künstliche Gegensätze. Ich würde so etwas nicht tun, wenn wir damit nicht die Gewinne steigern könnten. Aber sollte ich mich etwa dafür entschuldigen, wenn wir Technik verkaufen, die hilft, Probleme der Menschheit zu lösen?

Kritiker werfen Ihnen Heuchelei vor. Sie verkaufen weiter auch alte, schmutzige Technik.

Ja, ja, die Linken misstrauen uns, weil wir ein großer Umweltverschmutzer seien. Die Rechten mögen unsere Forderung nach Emissionsgesetzen nicht, weil sie jede Einmischung des Staates für falsch halten. Wenn wir von beiden Seiten geprügelt werden, müssen wir auf dem richtigen Weg sein.

In Deutschland kennt man GE kaum. Was wollen Sie eigentlich hier?

Eines unserer vier weltweiten Forschungszentren steht in München. Dort geht es um erneuerbare Energien. Deutschland ist in der Solarenergie seit Jahren an der Weltspitze. Es geht uns aber auch um Kunden. In Deutschland sind einige der größten Stromerzeuger der Welt, wie etwa Eon oder RWE. Hier werden die Standards gesetzt. In der Umwelttechnologie ist Deutschland von strategischer Bedeutung. Und dann gibt es da noch unseren Wettbewerber, eine kleine Firma namens Siemens.

Der Sie für Ihr Forschungszentrum gern die Wissenschaftler wegschnappen wollen.

(lacht) Ja, auch das, natürlich. Wissenschaftler gehören zu den großen Wettbewerbsvorteilen Ihres Landes. Ich komme jedes Jahr einmal nach Deutschland ...

... und hat sich was verändert?

Vor zwei Jahren war die Stimmung schrecklich depressiv, man fühlte sich wie der letzte Dreck. Und heute? Die Menschen lächeln! Das ist ein neues Deutschland. Wir werden hier noch mehr investieren. Es ist gut für uns, in der Nähe unserer Konkurrenten und in der Nähe anspruchsvoller Kunden zu sein. Ich mag das.

Ihr Konkurrent Siemens steckt in einer tiefen Krise. Empfinden Sie Schadenfreude?

Nein, nicht wirklich. Siemens ist eine gute Firma. Wie die meisten Unternehmen, die in eine Krise geraten, wird auch Siemens gestärkt daraus hervorgehen.

Bei Siemens gab es schwarze Kassen, aus denen Bestechungsgelder von mehreren Hundert Millionen Euro geflossen sind. GE kämpft um die gleichen Aufträge. Können Sie Korruption ausschließen?

Kein System ist perfekt. Doch wir haben einen gut organisierten Prozess. Ich habe 500 interne Prüfer, die ich um die ganze Welt schicke. Vor allem aber gebe ich meinen Regionalmanagern keinerlei Freiheiten, Geschäfte nach eigenem Gut dünken zu machen. Null. Geschäfte werden zu meinen Bedingungen gemacht. Und zwar nur zu meinen. Egal, wo, ob in den USA oder Indien oder China. Der Boss legt die Regeln fest. Und wer sich nicht daran hält, fliegt. Basta.

Ist GE vielleicht nur cleverer als Siemens?

Das ist doch Blödsinn. Aber kein Unternehmen kann sich darauf verlassen, perfekt zu sein. Man muss darauf vorbereitet sein, dass Schlechtes passieren kann.

Noch vor wenigen Jahren war GE das wertvollste börsennotierte Unternehmen der Welt. Heute sind Sie auf Platz drei abgerutscht, nach den Ölkonzernen Exxon Mobil und Petrochina. Ärgert Sie das?

Es war nie unser Ziel, Nummer eins zu sein. Unser Unternehmen ist an der Börse um die 420 Milliarden Dollar wert. Wir wollen unsere Gewinne steigern. In diesem Jahr auf 23 Milliarden Dollar. Im kommenden Jahr werden es 25 Milliarden sein, im Jahr darauf 15 Prozent mehr. Und dann wird der Aktienkurs schon folgen.

Bisher tut er das nicht. Er ist immer noch niedriger als zu Zeiten Ihres legendären Vorgängers Jack Welch, genannt Neutronen- Jack.

Na ja, Wall Street hat uns nicht total abgeschrieben. Allein seit dem vergangenen Jahr ist der Aktienkurs um 20 Prozent gestiegen.

Das große Geld haben in den letzten Jahren nicht Industriekonzerne, sondern Hedgefonds und Private-Equity-Firmen gemacht.

Ja, Finanzinvestoren konnten in den vergangenen fünf Jahren eine Menge Geld verdienen. Bei den niedrigen Zinsen gab es Kredite fast umsonst, die Firmen waren billig. Das ist inzwischen anders. Die kommenden fünf Jahre werden für die Finanzbranche schwieriger.

Also einfacher für Sie?

Bei uns geht es um echtes Geschäft. Um echte Produkte und echte Kunden. Und dabei haben wir das Glück, ein Großunternehmen zu sein. Unsere Größe ist tatsächlich ein Vorteil. Wir können die Krankenhäuser eines ganzen Landes elektronisch vernetzen. Wir können die Atomindustrie in Indien aufbauen. Wer für uns arbeitet, sitzt in der ersten Reihe der Geschichte. Wir schreiben Geschichte.

Geht es nicht eine Nummer kleiner?

Vielleicht übertreibe ich manchmal, aber ich tue es für einen guten Zweck. Ich stehe jeden Morgen auf und muss meine Mitarbeiter für unseren Auftrag begeistern. Ich kann nicht voraussetzen, dass sie automatisch motiviert sind. Ich empfinde es so, dass ich mir das Vertrauen von 320.000 Menschen jeden Tag neu erarbeiten muss.

Was sagen Sie ihnen über den globalen Wettbewerb? Werden die Unternehmen aus den alten Industrienationen USA oder Europa mit der hungrigen Konkurrenz aus China oder Indien mithalten können?

Ja. Und zwar, indem sie dort hingehen, auf Dauer. Heute sind mehr als ein Drittel unserer leitenden Mitarbeiter keine Amerikaner mehr. In einigen Jahren wird es die Hälfte sein. Zum ersten Mal in unserer Geschichte machen wir in diesem Jahr mehr Umsatz außerhalb der USA als im eigenen Land. Wir agieren global, aber zugleich sind wir ein amerikanisches Unternehmen. Dort liegen unsere Wurzeln. Ich mag es eigentlich nicht, wenn man uns als globales Unternehmen bezeichnet.

Warum?

Weil man damit Gesetzlosigkeit verbindet. Deswegen dürfen wir die Globalisierung auch nie als gegeben voraussetzen. Wir müssen für sie kämpfen. Wenn man heute in Deutschland oder den USA über die Globalisierung eine Volksabstimmung abhielte, dann ginge die verloren.

Weil sich Arbeitnehmer in beiden Ländern für Verlierer der Globalisierung halten.

Ach, das sind doch linke Hetzreden. Ich sage: Wenn heute die Grenzen der USA geschlossen würden, dann müsste ich mehr Menschen in den USA entlassen als in anderen Ländern. Wir exportieren 90 Prozent unserer Flugzeugmotoren, 80 Prozent unserer Kraftwerksturbinen, 60 Prozent unserer Lokomotiven. Natürlich gibt es einige Bereiche, in denen es schlechter geht, etwa bei der Produktion von Glühbirnen.

Stimmt es eigentlich, dass Sie keinen Arbeitsvertrag haben und von heute auf morgen gekündigt werden können?

Genauso ist es.

Und wie finden Sie das?

Ich weiß, dass ich einen anderen Job kriegen kann. Im Ernst: Ich liebe GE, ich mag es, keinen Vertrag zu haben, und ich stehe zum Leistungsprinzip. Das funktioniert bestens.

Verdienen die Manager großer Unternehmen zu viel Geld?

Ich jedenfalls wollte nie, dass mein Gehalt zu Diskussionen über mich oder mein Unternehmen führt. 70 Prozent meines Einkommens sind erfolgsabhängig. Ich erhalte eine Gewinnbeteiligung und Aktienoptionen.

Und wie viel verdienen Sie?

Es sind rund 15 Millionen Dollar im Jahr.

Wie ökologisch ist das Privatleben von Jeff Immelt?

(lacht) Mindestens so grün wie das von Al Gore.

Der Nobelpreisträger rüstet sein Anwesen nach Protesten gerade um. Ist Ihr Haus genauso groß und energieverschwendend?

Das nicht gerade. So viel kann ich mir nun auch nicht leisten. Aber im Ernst: Ich habe ein Hybridauto, wir trennen Müll, im Haus gibt es Energiesparlampen. Solarzellen auf dem Dach hab ich noch nicht. Und ich fahre auch nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit. Aber ein Anfang ist gemacht, immerhin.

Interview: Katja Gloger, Lorenz Wolf Doettinchem / print