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Jobabbau: Mercedes droht Mitarbeitern

Daimler-Chrysler drängt die Mercedes-Belegschaft, die Abfindungsangebote schnell anzunehmen und freiwillig das Unternehmen zu verlassen.

Mercedes-Mitarbeiter berichteten nach der Betriebsversammlung im Werk Sindelfingen, Mercedes-Chef Dieter Zetsche habe mit Arbeitszeitverkürzung gedroht, wenn nicht bereits bis Ende März Klarheit herrsche, dass der geplante Abbau von 8500 Stellen in Deutschland auf freiwilliger Basis gelinge.

Nach Angaben des Betriebsrates bietet Mercedes die höchsten Abfindungen, wenn sich Beschäftigte noch in diesem Jahr für ein Ausscheiden entscheiden. Eine weitere Frist laufe Ende März aus. Im Höchstfall könne ein Beschäftigter bis zu 275.000 Euro Abfindung bekommen. Für den Fall, dass sich keine 8500 Freiwillige meldeten, denke das Unternehmen über Arbeitszeitverkürzungen oder Frühpensionierung nach, sagte Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm.

Die Gewerkschaft will zudem nach den Worten ihres Vize-Vorsitzenden Berthold Huber versuchen, den Stellenabbau zu verringern. "Wir wollen die tatsächliche Abbauzahl nach unten drücken. Das ist unser erklärtes Ziel", so Huber im ZDF.

Größter Stellenabbau in Sindelfingen

Allein im größten Mercedes-Werk Sindelfingen sollen laut Klemm 3600 Stellen wegfallen, davon 500 in der Entwicklung. In Bremen stehen 2700 und in Untertürkheim 1100 zur Disposition. Die übrigen gut 1000 Stellen verteilten sich auf andere Werke.

Daimler-Chrysler hatte am Vorabend die Stellenstreichungen mit den vergleichsweise hohen Produktionskosten bei Mercedes und Überkapazitäten begründet. Jährlich soll der Stellenabbau nach Angaben eines Unternehmenssprechers 500 Millionen Euro einbringen. Klemm sagte, Mercedes habe die ursprünglichen Absatzziele bei sämtlichen Mercedes-Modellen für die kommenden drei Jahre nach unten korrigiert.

"Wir sehen das noch nicht", sagte Klemm zu der angedrohten Arbeitszeitverkürzung vor Journalisten. "Ich spekuliere im Moment nicht über ungelegte Eier." Jetzt müsse man erst einmal die Zeit nutzen und mit den Beschäftigten über die vereinbarten Möglichkeiten zum freiwilligen Ausscheiden sprechen. "Ich hoffe, dass die Vereinbarung attraktiv genug ist, dass wir nicht über andere Dinge reden müssen", fügte Klemm hinzu.

Nach Angaben der IG Metall bietet Mercedes mehrere Möglichkeiten für das Ausscheiden an. Beschäftigte ab 53 Jahren könnten ab 1. Februar 2006 ein Angebot für den Vorruhestand erhalten. Auch sie erhielten eine Abfindung, die bei frühzeitiger Einwilligung höher ausfalle. Für Mitarbeiter unter 53 Jahre würden je nach Alter, Betriebszugehörigkeit und Bruttolohn Abfindungen von bis zu 275.000 Euro gezahlt. Wer sich auf eine Arbeitsplatzvermittlung mit Hilfe von Daimler-Chrysler einlasse, bekomme sechs Monatsgehälter bei Freistellung von der Arbeit. Auch Teilzeit soll gefördert werden. Wer seine Arbeitszeit um mindestens zehn Wochenstunden für mindestens drei Jahre reduziere, erhält laut IG Metall zwei Bruttomonatsgehälter zusätzlich.

Clement: Autoindustrie hat verspätet gehandelt

Angesichts des massiven Stellenabbaus bei Mercedes und Volkswagen wirft Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement den Firmen Versäumnisse vor. Die Position Deutschlands als führendes Auto-Land müsse permanent verteidigt werden.

"Ich unterstelle, dass die Entscheidungen, die in den Unternehmen jetzt fallen - überwiegend verspätet -, dazu beitragen, dass wir diese Position halten", so der SPD-Politiker. "Es gibt keinen Grund, selbstzufrieden zu sein", betonte der Minister mit Blick etwa auf die Konkurrenz des japanischen Autoherstellers Toyota, der in der Mittelklasse weltweit führend sei. "Da müssen wir sehr wachsam sein."

Daimler-Chrysler hatte am Mittwoch den Abbau von 8500 Stellen bei Mercedes in Deutschland angekündigt und dies auch mit Überkapazitäten begründet. Auch bei Volkswagen ist im Rahmen des Sparkurses ein Stellenabbau angekündigt. Experten rechnen mit dem Wegfall von mehreren tausend Arbeitsplätzen.

Heftige Kritik vom IG-Metall-Chef

IG-Metall-Chef Jürgen Peters hat den Arbeitsplatzabbau in der deutschen Autoindustrie heftig kritisiert. Es sei zu billig, permanent zu den Beschäftigten zu gehen und sie um einen Beitrag zum Ausgleich von Managementversäumnissen zu bitten, so Peters im "Deutschlandfunk". Viele Kostenprobleme der Autobauer beruhten auf Fehlern in den Produktionsprozessen. Auch daran müsse gearbeitet werden. Das grundsätzliche Problem aber sei die hohe Produktivität der Branche. "Das bedeutet, dass wir mit der Produktivität immer wieder Arbeitsplätze verlieren." Die Zahl der Beschäftigten am Autostandort Deutschland werde daher tendenziell weiter zurückgehen.

Peters forderte, die Arbeitzeit zu verringern, bevor Entlassungen ausgesprochen würden. "Das heißt, Absenken der Arbeitszeit für alle, damit niemand entlassen werden muss. Wir brauchen keine Arbeitslosen noch zusätzlich."

Daimler-Chrysler hatte am Mittwochabend wegen hoher Überkapazitäten in seinen deutschen Werken den Abbau von 8500 der insgesamt rund 94.000 Arbeitsplätze bei der Mercedes Car Group angekündigt. Für die nötigen Abfindungsregelungen will der Konzern 950 Millionen Euro ausgeben.

Auch Europas größter Autobauer Volkswagenplant im Inland Stellenstreichungen, macht aber noch keine Angaben über die genaue Größenordnung.

Reuters / Reuters