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Kommentar: Stoppt den Stellungskrieg

Mit einem Totalstreik oder massiver Sturheit kann eine Lösung im Tarifstreit bei der Bahn nicht erzwungen werden. Vorstand und Gewerkschaft müssen wieder verhandeln - und dürfen ihren Konflikt nicht auf dem Rücken der Kunden austragen.

Von Marcus Gatzke

"Alles Nichts Oder?!" - so lautete einmal der Titel einer recht erfolgreichen TV-Show. Besser als mit diesen drei Worten lässt sich die Situation bei der Deutschen Bahn derzeit nicht beschreiben. Die Lokführer legen mit ihren Streik halb Deutschland lahm und die Bahn antwortet mit einer provokanten Anzeigenkampagne und einer Klage auf Schadenersatz. Ein Kompromiss im Tarifkonflikt der Bahn liegt in weiter Ferne - beide Seiten vergraben sich in ihren Stellungen.

In der Öffentlichkeit können sich die Lokführer noch auf eine große Unterstützung verlassen - trotz massiver Verspätungen und Zugausfälle. Die Anzeigenkampagne "Stoppen, Sie den Wahnsinn, Herr Schell!" wird daran nicht viel ändern. Die Bahn scheint gewillt, den Streik einfach auszusitzen - zumindest macht sie keine Anstalten, auch nur einen Zentimeter auf die Lokführer zuzugehen. Im Gegenteil: Bahn-Chef Hartmut Mehdorn holte sich am Donnerstag noch die Unterstützung des Aufsichtsrates. Auch wenn die Lokführer "unentwegt weiter streiken", soll es keinen eigenen Tarifvertrag geben, ließ das Gremium verlauten.

Das Land leidet

Für beide Seiten - Bahn und Lokführer - geht es um alles oder nichts. Ein eigener Tarifvertrag für die GDL käme einer herben Niederlage für den Bahn-Vorsitzenden gleich. Eine solche kann sich Mehdorn aber derzeit überhaupt nicht leisten, kämpft der Vorstandsvorsitzende doch schon an einer anderen Front um jeden Zentimeter: Die Privatisierung der Bahn, von manchen als Mehdorns Lebenstraum bezeichnet, steht nach dem Beschluss des SPD-Parteitages auf der Kippe.

Die Lokführer fürchten demgegenüber nicht ohne Grund, die Bahn wolle sie zur Kapitulation zwingen. Schon einmal kämpfte die GDL ohne Erfolg für einen eigenen Tarifvertrag - sollte es diesmal wieder nicht klappen, steht die Gewerkschaft vor der Bedeutungslosigkeit. Auch deshalb machen die Lokführer keine Anstalten, zu einer Deeskalation des Tarifkonflikts beizutragen - zum Schaden von Millionen Bahn-Kunden drohen sie mit einem unbefristeten Ausstand.

Die Tarifpartner müssen sich aber die Frage gefallen lassen, wie lange sie ihren Streit noch auf dem Rücken von Millionen Bahnreisenden austragen wollen. Einfach nur Streik auf der einen und kohlsches Aussitzen auf der anderen Seite reicht nicht. Ein echter Wille zu einer Einigung und eine große Portion Kompromissbereitschaft ist gefragt - auf beiden Seiten. Das gesamte Land würde sich freuen.