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Konzern: Poker in Peking

Geplatzte Deals, zerstörte Allianzen: Daimler-Chrysler-Chef Jürgen E. Schrempp kämpfte in China um seine "Welt AG".

Das altehrwürdige Hotel "Beijing" im Herzen der chinesischen Hauptstadt war einst das beste Haus am Platze. Doch der Glanz ist verblasst. Inzwischen gibt es modernere Hotels in Peking, schicker und technisch auf dem neuesten Stand. Trotzdem wählten die Topmanager des Daimler-Chrysler-Konzerns am vergangenen Wochenende das plüschig-bunte "Beijing", um sich mit ihrem Beratergremium, dem "International Advisory Board", zu treffen. Prominentester Teilnehmer: der ehemalige US-Präsident George Bush senior. Die Herren der "Welt AG" um Daimler-Chrysler-Chef Jürgen E. Schrempp wurden dabei in ihrem Konferenzraum im 17. Stock stündlich mit neuen und schlechten Nachrichten aus Europa, den USA und Asien bombardiert:

* Analysten und Aktionäre forderten Schrempps Kopf. Völlig überraschend hatte der Daimler-Chrysler-Chef die Milliardenhilfen für den angeschlagenen Autohersteller Mitsubishi verweigert, an dem die Stuttgarter noch mit 37 Prozent beteiligt sind. Die Asienstrategie des Konzerns sei damit gescheitert.
* Fondsmanager verlangten unverblümt, dass sich Schrempp nun auch vom Fusionspartner Chrysler in den USA trennen soll.
* Bei Hyundai, an dem das Unternehmen zehn Prozent hält, wurde mit dem Ende der gemeinsamen Projekte gedroht. * Und bei der Formel 1 im italienischen Imola fuhren die Silberpfeile von Mercedes wieder einmal den roten Ferraris hinterher.

Es sah so aus, als ob die "Welt AG" in die Brüche geht. Doch Schrempp pokerte. Schließlich gab es noch einen weiteren Grund für die Reise nach China: Endlich sollte die wichtigste Wachstumsregion der globalen Automobilindustrie auch von Daimler-Chrysler aufgerollt werden. Um neue Kooperationen anzuschieben, traf sich die Managerriege mit hochrangigen Vertretern der chinesischen Regierung.

Mit Schrempp reisten seine engsten Vertrauten: Dieter Zetsche, 50, der als Chef von Chrysler vieles richtig gemacht hat und trotzdem mit leeren Händen dasteht, weil das Unternehmen wesentlich maroder war als ursprünglich gedacht. Eckhard Cordes, 53, der gerade das Nutzfahrzeuggeschäft des Konzerns saniert hat. Und Rüdiger Grube, 52, zuständig für die Konzernstrategie - die gerade in Trümmer zu gehen droht.

Die Daimler-Truppe verhandelte in China unter massivem Druck. Denn von Peking ging es, mit Zwischenstation in Stuttgart, weiter nach New York. Dort tagt an diesem Donnerstag erneut der Aufsichtsrat. Ohne gute Nachrichten aus Asien wollte sich Schrempp dort nicht blicken lassen. Schließlich hatten schon beim Treffen in der vergangenen Woche, als es um Mitsubishi ging, einige Mitglieder über die Fehlschläge des Chefs hörbar gemurrt. Obwohl der Vertrag des 59-Jährigen auf Betreiben seines langjährigen Freundes und Aufsichtsratschefs Hilmar Kopper gerade erst bis 2008 verlängert worden ist, gilt er inzwischen als der personifizierte Problemfall. Denn Schrempps Bilanz ist schlecht, der Aktienkurs hat sich seit 1999 mehr als halbiert.

So war die Verhandlungsposition der deutschen Spitzenmanager in China alles andere als günstig: Denn auch in Asien ist Schrempps Ruf nach den vielen erfolglosen Daimler-Projekten beschädigt. Japanische Medien, sonst eher zurückhaltend, schmähten den ruppigen Deutschen nach dem Mitsubishi-Debakel als harten Herrscher", der sich "nicht einmal gegen seinen Aufsichtsrat durchsetzen konnte". Die Öffentlichkeit sei "schockiert", und man fühle sich "verlassen". Schrempp zeige "Führungsschwäche".

Das miese Image von Daimler in Fernost könnte anderen gerade recht kommen: Nach Informationen des stern zeigen chinesische Firmen Interesse, bei Mitsubishi einzusteigen. Das melden auch japanische Zeitungen. Die Strategie der Chinesen: durch stärkere wirtschaftliche Verflechtung mit Korea und Japan einen Wirtschaftsraum schaffen, der es mit der Wirtschaftssupermacht USA aufnehmen kann. Dabei, so heißt es aus dem Reich der Mitte, seien auch deutsche Partner willkommen. Daimler-Chrysler jedenfalls wird nicht vollständig bei Mitsubishi aussteigen. Lediglich der Anteil soll durch den Einstieg anderer Investoren sinken.

In Peking konnten die bedrängten Daimler-Manager noch weitere Projekte vorantreiben: Demnächst sollen Mercedes-Benz-Schwerlaster vom Typ Actros im großen Stil durch China rollen. Der Baubeginn eines neuen Werkes für Transporter (Mercedes-Sprinter) steht unmittelbar bevor, und mit der gerade erhöhten Beteiligung am japanischen Lkw-Hersteller Fuso wird Daimler-Chrysler zur Nummer eins im asiatischen Nutzfahrzeugmarkt. Außerdem sollen ab Ende 2005 jährlich 25000 Mercedes der C- und E-Klasse in China gebaut werden. Und auch mit Mitsubishi und Hyundai möchte Daimler-Chrysler weiter kooperieren.

Wenn Schrempp an diesem Donnerstag seinem Aufsichtsrat gegenübertritt, steht er also nicht mit leeren Händen da. In Asien - so seine Botschaft - ist noch nicht alles verloren. Und auch die Zahlen, die Chrysler-Boss Zetsche für die ersten drei Monate des Jahres vorlegen wird, seien recht gut, heißt es aus dem Konzern. Schrempp versucht, mit seinem mittelmäßigen Blatt die Partie doch noch zu gewinnen.

Mitarbeit: Rainer Nübel, Chie Kobayashi, Frank Warrings

von Jan Boris Wintzenburg / print