Landwirtschaft Die Bauern-Revolution


Erstmals seit Jahrzehnten können die deutschen Landwirte wieder richtig stolz sein: Ihre Produkte sind gefragt - und immer teurer. Aus Subventionsschnorrern wurden Unternehmer. Ein Besuch bei den Cleveren vom Lande.
Von Sylvie-Sophie Schindler und Georg Wedemeyer

"Darf ich ein Spielchen mit Ihnen machen?", fragt der Agrarökonom Enno Bahrs Anfang September im Mannheimer Kongresszentrum seine Zuhörer. Die Landwirte im Saal haben nichts dagegen. "Okay. Ich bin jetzt Händler", sagt Bahrs, "wer verkauft mir seine nächste Weizenernte für garantierte 13 Euro je Doppelzentner?" Die Antwort ist wieherndes Gelächter.

13 Euro, dafür hätte man 2005 noch Land und Leute verraten. 13 Euro waren auch 2006 noch Spitze. Erst als Bahrs 21 Euro bietet, melden sich ein paar Verkaufswillige. Alles Angsthasen. Heute bringt der Doppelzentner Weizen mehr als 24 Euro.

Die Lage muss ernst sein

Mittlerweile werden die galoppierenden Weizenpreise in der Wirtschaftspresse in einem Atemzug mit den steigenden Gold- und Ölkursen genannt. Kein Zweifel: Die brave Bauernwelt ist aus den Fugen geraten. So nachhaltig, dass der moderne Stadtmensch an der Supermarktkasse ins Grübeln kommt. Wenn Aldi und Lidl die Preise erhöhen, muss die Lage ernst sein. Hat das, was da draußen auf den Feldern und in den Ställen passiert, doch etwas mit meinem Sattwerden zu tun? Wie hieß das Fest Ende September doch gleich? Erntedankfest? Könnte es sein, dass man sich den Namen wieder merken muss?

Fünf Millionen Tonnen weniger Getreide haben die deutschen Bauern dieses Jahr geerntet. Minus zehn Prozent im langjährigen Vergleich! Schuld war das Wetter. Oder schon der Klimawandel? Dazu kamen Missernten in der Ukraine, Russland und Kanada. Gleichzeitig steigt der Konsum in China und Indien. Die Weltbevölkerung wächst kontinuierlich. Die Anbauflächen schrumpfen. Obendrein wird wegen sinkender Ölvorräte immer mehr Getreide zu Biosprit vergoren.

Schlecht für Verbraucher, gut für Bauern

Die Lebensmittelpreise werden auch künftig steigen. Dauerhaft. Schlecht für den deutschen Verbraucher, der seine Kochtöpfe seit Jahren rund 15 Prozent billiger füllt als seine europäischen Nachbarn. Aber gut für die Bauern. Ihnen prophezeien die Experten dieses Jahr einen Einkommenssprung von zehn Prozent.

"Ich habe das schon immer gepredigt: Wir sind eine Zukunftsbranche!", sagt Bauernpräsident Gerd Sonnleitner. Nur geglaubt hat ihm das keiner. Ausgerechnet die Bauern! Diese rückständigen Subventionsschnorrer, Butterbergler und Umweltverschmutzer. Das Agrar- Konjunkturbarometer ist auf die schwindelnde Höhe von 32 Punkten gestiegen. Traditionell bewegt sich dieser Umfragewert eher im Minus. Auch Gerd Sonnleitner hat man noch nie so zufrieden gesehen. Die Preise sind gestiegen, sie kommen bei den Bauern an. Der Bauer habe sich vom "Forderer staatlicher Zahlungen zum Marktprofi" gewandelt. "Man braucht uns wieder", sagt Sonnleitner und setzt noch einen drauf: "Wir sind Global Player!"

Vorreiter beim Ökolandbau

Tatsächlich sind die deutschen Bauern inzwischen fit für den globalen Wettbewerb. Ihre Produktivität ist von Jahr zu Jahr gestiegen. 1950 ernährte ein Landarbeiter rund 10 Menschen. Heute sind es 143. Um 100 Hektar zu bewirtschaften waren damals 30 Menschen nötig, heute nur noch 3. Die Weizenernte je Hektar hat sich verdreifacht, bei den anderen Früchten verdoppelt. Aufs ganze Jahr gerechnet gab eine Kuh damals 7 Liter Milch pro Tag, heute sind es 18,5 Liter. Und beim Ökolandbau sind die deutschen Bauern ohnehin weltweiter Vorreiter gewesen.

Es war der Kampf ums Überleben, der die Bauern trainiert hat. Vor zehn Jahren, als Sonnleitner Präsident des Deutschen Bauernverbandes wurde, gab es noch 457.000 landwirtschaftliche Betriebe. Heute sind es 110.000 weniger. Rechnerisch werfen jeden Tag 30 Bauern das Handtuch. Trotz aller Subventionen. Wer überleben wollte, musste wachsen, investieren und vor allem flexibel sein. Bernd Haas zum Beispiel hat seinen Betrieb bei Worms im Laufe der Jahre x-mal umgestellt. Erst Milchvieh, dann Bullenmast, dann Schweine, dann nur noch Ackerbau, dann Heilkräuter und heute vor allem tonnenweise Zwiebeln und Salat. Seine Mutter Elli hat die Marktlücke mit dem Fertigsalat entdeckt. Damit beliefern sie die Großkantine von BASF, den Feinkost Käfer im Frankfurter Flughafen und andere. Nicht so billig wie die große Konkurrenz, aber jeden Tag nach Wunsch neu gemischt.

Idylle mit Melkroboter

Oder die Sigls aus Oberbayern - eine Bauernfamilie wie aus dem Bilderbuch: Papa Martin, Mama Karoline, sieben Kinder, 100 Kühe und ein knorriger Birnbaum vor dem alten Haus. Ein Idylle, wenn da nicht dieser monströse Melkroboter wäre. Lieblingskuh "Ulme Red" geht wiederkäuend auf die Maschine zu und stößt ein Gatter auf. Ulme tritt vor und unter ihr werden Zitzenbecher ausgefahren. Die Ansetzmechanik folgt ihren Bewegungen. Eine 3-D-Laseroptik erfasst die vier Zitzen, die Koordinaten werden fortlaufend in das Computersystem eingespeist. Schließlich sind die Zitzenbecher genau unter dem Euter, fahren hoch und saugen sich fest. Ulme wird gemolken.

120.000 Euro haben die Sigls vor vier Jahren für ihren ersten Melkroboter zahlen müssen. 60 Kühe schafft das Gerät am Tag, wann immer es die Tiere wollen. Mit der üblichen Melkmaschine haben die Sigls ihre Tiere nur zweimal am Tag gemolken. Zum Roboter gehen die Kühe freiwillig, im Schnitt 2,7-mal. Martin Sigl sagt, seine Tiere seien seither gesünder und würden mehr Milch geben. Und die Sigls sind weniger gestresst. Rund 90 Arbeitstage spart ihnen die Maschine im Jahr.

"Wir haben das Richtige gemacht"

Obwohl der Milchpreis am Boden lag, haben sie sich vor zwei Jahren einen zweiten, gebrauchten Roboter gekauft und auf 100 Kühe aufgestockt. Dazu mussten sie sich die entsprechende "Milchquote" ersteigern, denn um Butterberge zu vermeiden, ist die Milchmenge seit 1984 rationiert. Zwischenzeitlich sind zwar die Futterkosten und Energiepreise in die Höhe geschnellt, aber nun steigt ja auch der Milchpreis. Martin Sigl freut sich: "Wir haben zur richtigen Zeit das Richtige gemacht."

Landwirte gehören auch zu den wenigen, die von steigenden Energiepreisen profitieren können. Auf ihren Äckern drehen sich Zigtausende Windmühlen, die je nach elektrischer Leistung bis zu 15 000 Euro Pacht pro Jahr einbringen. Wer kann, pflastert seine Scheunendächer mit Solarzellen. So wie Doris und Johannes Nienhaus in Bocholt. Ihre 54-Kilowatt-Anlage hat 220.000 Euro gekostet. Aber dafür spielt sie auch jedes Jahr 29.000 Euro ein. 13 Prozent Verzinsung, wo gibt es das schon? Jeden Tag, bevor er in den Schweinestall geht, schaut Johannes Nienhaus seinem Stromzähler einen Augenblick beim Geldverdienen zu.

Schon heute wachsen auf rund 15 Prozent der deutschen Äcker Energiepflanzen. Raps für den Biodiesel, Getreide und Zuckerrüben für Bioethanol und Mais für Biogas. Endlos steigerbar ist der Prozess wegen der Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion allerdings nicht. Zusammen mit ihren Windmühlen und Solaranlagen sind die Bauern zu "Ölscheichs vom Lande" aufgestiegen. Sieben Prozent des Kraftstoffverbrauchs im Straßenverkehr erzeugen sie mittlerweile und acht Prozent des Stroms. So viel wie vier Atomkraftwerke. Kornkraft statt Kernkraft.

"Beinahe das Genick gebrochen"

Der moderne Bauer ist vor allem Unternehmer, wie Claus Thobe, 38. Vor sieben Jahren hat er mit Krediten von der Bank aus dem Nichts angefangen, in Mecklenburg- Vorpommern Bioeier zu produzieren. Ausgerechnet in Malchin, wo zwei Jahre später der Nitrofen-Skandal aufflog. Das Pflanzengift war in den Produkten eines örtlichen Futtermittelherstellers aufgetaucht. Doch Thobe war nicht dessen Kunde, als Biobauer erzeugte er sein Hühnerfutter selbst. Trotzdem hat ihm der Skandal damals "beinahe das Genick gebrochen". Thobes Lehre daraus: "Du musst dich mit anderen zusammenschließen."

Mittlerweile besteht seine "Erzeugerzusammenschluss Fürstenhof GmbH" aus neun weiteren GmbHs und Co KGs mit 200.000 Legehennen und mehr als 1000 Hektar Ackerfläche, verstreut über ganz Mecklenburg-Vorpommern. 55 Millionen Bioeier legen die Hennen jährlich - womit jedes fünfte deutsche Bioei vom Fürstenhof kommt. Die dazu notwendigen 100.000 Tonnen Biofutter werden selbst erzeugt und in eigenen Mühlen verarbeitet.

Bio ist nicht mehr romantisch

Die Zahl der Biobauern hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Heute wirtschaftet jeder Zwanzigste nach ökologischen Kriterien. Im Schnitt verdienen die Bios mehr als ihre Kollegen. Aber der Rationalisierungszwang hat auch sie erfasst. Die Zeiten, in denen Bio noch romantisch war, sind vorbei.

"Hardcore-Biobauern" wie Pia und Stephan Polzin auf ihrem Eifelhof bei Magdeburg müssen ums Überleben kämpfen. Die Polzins wirtschaften nach strengeren Regeln, als das EU-Bio-Siegel vorschreibt. Bei ihnen laufen Schweine frei umher, Ziegen meckern, und eine Gänsefamilie stolziert über den Hof. Vom Verkauf der Ferkel ihrer 60 Muttersauen können die Polzins allerdings "nur knapp leben".

Ackerbau mit Digitalfotografie

Nicht weit von den Polzins sorgt der Diplomagraringenieur Herbert Lisso auf seiner "Neu-Seeland Agrar GmbH" für den totalen Kontrast. Für ihn ist Hightech die Lösung der Probleme. "Mein Anspruch ist es, fachgerecht, präzise und effektiv zu arbeiten", sagt er. Dazu schwingt sich der 60-Jährige ab und zu in sein Ultraleichtflugzeug "Wild Thing" und schwebt im Tiefflug über die Äcker, insgesamt 1500 Hektar. Mit einer Digitalkamera fotografiert er dann jeden Quadratmeter und wertet die Fotos am Computer aus.

Ergänzend lässt Lisso Bodenproben analysieren. Wo ist die Krume besonders fruchtbar? Was wächst wo am besten? Präzisionsackerbau nennt man die Methode, bei der jedes Flurstück genau nach Qualität kartiert wird. Die Daten fließen dann in den Bordcomputer der Sä- und Düngemaschine. Über ein satellitengestütztes GPS-Navigationssystem weiß das 36 Meter breite Ungetüm dann ganz genau, wo es beim Saatgut und Dünger eher sparen kann oder mehr zugeben muss.

Trend zu weniegr Dünger

25.000 Euro Düngekosten spart Lisso jährlich durch das System. Jeder Hektar wird mit 25 Kilo weniger Dünger belastet. Der Trend gilt allgemein. Unter dem Druck des Bio-Vorbildes hat sich durch intelligenteres Wirtschaften und neue Pflanzenzüchtungen in den vergangenen 25 Jahren der Einsatz von Industriedünger und Pflanzenschutzmitteln halbiert.

Nicht unbedingt Bio, aber in jedem Fall Qualität und mehr Umwelt- und Tierschutz, das scheint das Überlebensgeheimnis der deutschen Landwirtschaft zu sein. Beispiel Schweinemast. In den USA, wo es Mastfabriken mit über 200.000 Tieren gibt, wird das Kilo Schweinefleisch dank Rationalisierung für 1,12 Euro erzeugt. In Brasilien, wo der Umweltschutz kleingeschrieben wird, wo Arbeitskräfte und Sojafutter billig sind, sogar für nur 76 Cent. Hierzulande liegt der Schnitt bei 1,38 Euro.

Mörderischer Wettlauf um das billigste Schnitzel

Angesichts dieser Zahlen dämmert den europäischen Produzenten, dass sie den mörderischen Wettlauf um das billigste Schnitzel auf Dauer nicht gewinnen können. In Zukunft sollen eher Qualität und die Einhaltung von besseren Tierschutzstandards für den Wettbewerbsvorteil sorgen. Die EU hat dazu 2006 einen "Aktionsplan für den Schutz und das Wohlbefinden von Tieren" ins Leben gerufen. Ziel ist, wie bei Bio über entsprechende Standards und Labels auf dem Schnitzel die Verbraucher über die artgerechtere Tierhaltung zu informieren.

Mit Qualität und Pfiffigkeit hat auch der Schwabe Erhard Schiele sein Glück gemacht. Als er vor 25 Jahren begann Petersilie zu pflanzen, haben die Nachbarbauern gesagt: "Du spinnst ja." Heute bauen die meisten von ihnen auch Petersilie und andere Kräuter an, um sie an den 52-jährigen Schiele zu verkaufen. Dessen ESG Kräuter GmbH ist mittlerweile der größte Küchenkräuterproduzent Europas und liefert bis nach Indien, Japan und in die USA. Auch in Russland mischt Schiele mit. Dort hat der Schwabe bei Moskau erfolgreich eine riesige Salatfarm hochgezogen. Sein Fazit: "Landwirtschaft ist einfach geil."

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker