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Lebensmittelpreise: Von Heuschrecken und Raubtierkapitalismus

Essen wird jährlich bis zu drei Prozent teurer werden, so Bauernpräsident Gerd Sonnleitner. Seiner Ansicht nach seien jedoch weder Biosprit noch EU-Agrarpolitik daran schuld, sondern "Heuschrecken", die über Rohstoffe spekulieren.

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner rechnet auch in den kommenden Jahren mit steigenden Preisen für Nahrungsmittel. "Für die Verbraucher ist die Zeit niedriger Lebensmittelpreise vorüber", erklärte Sonnleitner. Unter dem Strich würden die Ausgaben für Ernährung zwischen zwei und drei Prozent im Jahr steigen. Die Preissteigerungen seien weder auf die EU-Agrarpolitik noch auf Biosprit zurückzuführen, sagte Sonnleitner der "Passauer Neuen Presse". In einer Reihe von Entwicklungsländern und Schwellenländern habe die Landwirtschaft große Fortschritte gemacht. "In anderen Ländern wird auf dem Land nicht mehr gearbeitet, sind die Menschen in die städtischen Slums geflüchtet. Deshalb muss der Kampf gegen Korruption und für die traditionelle Landwirtschaft die Antwort auf die Probleme in den Entwicklungsländern sein", erklärte der Bauernpräsident.

Zudem warnte er vor Spekulationen. "Die Heuschrecken richten sich nun auch auf Agrarrohstoffe", sagte Sonnleitner. Bei den Nahrungsmitteln trieben Spekulanten genauso ihr Unwesen wie bei den Banken. Den Discounter Aldi attackierte der Bauernpräsident wegen der starken Preissenkungen bei Milch. "Hier hat Aldi seine Marktmacht missbraucht zum Schaden der Bauern", sagte er im ARD-"Morgenmagazin". Die Preissenkung mache für einen Bauern im Durchschnitt 7000 Euro aus. Insgesamt entstehe der deutschen Landwirtschaft ein Schaden von 650 Millionen Euro. "Dies hat nichts mehr mit sozialer Marktwirtschaft, mit Verantwortung für Bauern, Gesellschaft und Verbraucher zu tun, sondern dies ist Raubtierkapitalismus", sagte Sonnleitner.

Auch Nachfrage nach Futtermitteln steigt

Die Grünen haben für diese Woche eine Aktuelle Stunde im Bundestag zur Welternährungskrise beantragt. Der Parlamentarische Geschäftsführer Volker Beck bemängelte "fehlende Strategien der Bundesregierung". Er forderte unter anderem, die Regierung müsse sich dafür einsetzen, dass die Biosprit-Ziele der EU überprüft werden. Das Entwicklungsministerium wies darauf hin, dass mittelfristig mit einem weiteren Preisanstieg für Lebensmittel gerechnet werde, und zwar durchaus abhängig von der Nachfrage nach Biosprit. Hinzu kommt, dass die Weltbank von einem erheblichen Rückgang der Agrarproduktion bis 2080 in den Entwicklungsländern als Folge des Klimawandels ausgeht. Dabei seien Rückgänge von teilweise mehr als 25 Prozent in fast allen lateinamerikanischen, afrikanischen, südasiatischen und pazifischen Staaten sowie in Ländern des Nahen Ostens zu erwarten.

Die Weltbank, das International Food Policy Research Institut (IFPRI) und die Welternährungsorganisation (FAO) machen vor allem strukturelle Ursachen für den dramatischen Preisanstieg verantwortlich. Das bedeutet, dass die Zunahme von Kaufkraft in vielen Entwicklungsländern und insbesondere in den Schwellenländern China und Indien zu einer gestiegenen Lebensmittelnachfrage geführt hat. Gleichzeitig wird mehr Fleisch und Milch verzehrt. Deshalb steigt die Nachfrage nach Futtermitteln.

Biosprit "einer der stärksten Preistreiber"

Die Konkurrenz von Nahrungsmitteln mit Agrartreibstoffen ist nach Ansicht der internationalen Experten "einer der stärksten Preistreiber". Nach Berechnungen des Washingtoner IFPRI trägt die Agrarenergieproduktion je nach Szenario und Produkt zwischen 26 und 72 Prozent zu den Preissteigerungen bei Lebensmitteln bei. Darüber hinaus geht der Weltklimarat IPCC bei einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen davon aus, dass sich die klimatischen Bedingungen für die Landwirtschaft weiter verschlechtern und die Preise für Nahrungsmittel um zusätzlich 30 Prozent steigen könnten.

Die über Subventionen verbilligten Exporte von Überschüssen der Industrieländer haben in einigen Entwicklungsländern die Landwirtschaft nicht mehr konkurrenzfähig gemacht. Aktuell zählt die FAO 82 Länder mit gravierenden Defiziten bei der Nahrungsmittelproduktion. Wegen Überhitzung der Märkte haben bereits Länder wie Indien, China, Russland, Ägypten, Vietnam und Sambia Exportstopps oder -abgaben verhängt.

AP/DPA / AP / DPA

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