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Lebensmittel: Auch EU-Nachbarn erhöhen die Preise

Ob Frankreich, Großbritannien oder Belgien: In vielen EU-Staaten steigen die Preise für Milch, Kartoffeln und Muscheln. stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen zu den Lebensmittelpreisen.

Die deutschen Verbraucher sind sauer. Seit dem Wochenende kostet ein Päckchen Butter nicht mehr 79 Cent, sondern bis zu 1,19 Euro. Bundesagrarminister Horst Seehofer (CSU) zeigte sich empört, während Bauernpräsident Gerd Sonnleitner von einem "Aufstand" sprach, weil die Butter wieder so viel koste wie vor 20 Jahren. Die Deutschen sind sensibel, wenn es um Milch geht.

Viele europäische Nachbarn müssen an der Supermarktkasse aber mehr zahlen. Das Preisniveau für Nahrungsmittel lag in Deutschland nach Angaben der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP) im Jahr 2005 leicht unter dem EU-Mittel. In Westeuropa kosteten Nahrungsmittel demnach nur in Spanien, Griechenland, Portugal und den Niederlanden weniger.

In Großbritannien werden Lebensmittel vor allem wegen des schlechten Wetters teurer. Der Molkereiverband warnte vor einem steigenden Milchpreis, weil das Getreide für Winterfutter teurer geworden sei und die Bauern die Kühe nicht auf durchnässten Wiesen weiden lassen könnten. Für mehr Empörung sorgen in Großbritannien allerdings die steigenden Kartoffelpreise - denn dadurch wird das englische Leib- und Magengericht Fish and Chips teurer.

In Belgien wollen die führenden Supermarktketten ihre um bis zu einem Viertel höheren Einkaufspreise für Milch, Butter und Käse schrittweise an die Verbraucher weitergeben. Ein Liter Vollmilch kostet bei der belgischen Ladenkette Delhaize 94 Cent, ein halbes Pfund Butter zwischen 1,33 und 1,98 Euro. Mehr Schlagzeilen machen dort aber steigende Preise für Muscheln und Fritten. In den Niederlanden sind Preiserhöhungen derzeit kein Thema. Ein Liter frische Vollmilch kostet beim führenden Supermarkt Albert Heijn mindestens 75 Cent, ein halbes Pfund Butter der Hausmarke 1,08 Euro.

Die Franzosen müssen mit höheren Milchpreisen rechnen. Bereits Mitte Juli wurde eine Erhöhung angekündigt. Frankreich ist der zweitgrößte Milchproduzent in Europa nach Deutschland. In Spanien werden Preiserhöhungen bei fast allen Lebensmitteln erwartet. Die Lebensmittelbranche geht davon aus, dass Milchprodukte, Brot und Eier in den kommenden Monaten um etwa ein Fünftel teurer werden. Die Verbraucherverbände forderten die Regierung zum Einschreiten auf. Das Wirtschaftsministerium in Madrid macht sich "im Augenblick" aber noch keine Sorgen, weil Milch, Brot und Eier nur drei Komponenten seien, die die Inflationsrate bestimmten.

Brot in Italien bis zu 30 Prozent teurer

Die Italiener müssen sich ebenfalls auf teurere Lebensmittel einstellen. Für Milch und Butter müssen sie von September an voraussichtlich bis zu 20 Prozent mehr bezahlen. Brot soll zwischen 20 und 30 Prozent teurer werden, Pasta um zehn bis 20 Prozent.

Im Nachbarland Tschechien soll nicht nur die Milch, sondern auch das Bier teurer werden. Weil der Gerstensaft in Böhmen und Mähren als Nationalgetränk gilt, reagieren die Tschechen auf Preissteigerungen besonders empfindlich. Die EU fordert, dass das Land bis 2010 die Verbrauchssteuer heben soll. Für Milchprodukte erwarten Molkereibetriebe eine Preissteigerung zwischen fünf und zehn Prozent.

In Deutschland drehte sich die Diskussion vor wenigen Monaten noch um zu niedrige Preise. Nach mehreren Gammelfleischskandalen beschloss die Bundesregierung ein schärferes Verbot für den Verkauf unter Einkaufspreis. "'Geiz ist geil' kann bei Lebensmitteln nicht der richtige Kompass sein", sagte Agrarminister Seehofer im vergangenen Jahr. Eine Preisspirale von bis zu 50 Prozent mehr geht aus Sicht von Seehofer jedoch deutlich zu weit. Auch wenn die Bundesbürger laut Eurostat und ZMP nur rund elf Prozent ihrer monatlichen Konsumausgaben für Nahrungsmittel verwenden. In Frankreich sind es rund 14 Prozent, in Tschechien gar 17 Prozent.

Die Milch soll teurer werden - warum eigentlich?

Aus mehreren Gründen: Zum einen sind die berüchtigten Milchseen und Butterberge aus den 80er Jahren längst abgebaut, auch die staatlichen Depots sind geleert. Reserven gibt es also nicht mehr. Allerdings wird die Milch so schnell nicht ausgehen - die EU produziert noch immer mehr als die Bürger verbrauchen.
Zudem steigen die Tierfutterpreise stark an, die einen Großteil des Milchpreises ausmachen. Mais etwa, neben Gras Hauptspeise der Rinder, wird zunehmend als Bio-Energiekraftstoff als für Tierfutter verwendet, was die Nachfrage und damit den Preis erhöht.
Außerdem werden Milch und Milchprodukte immer beliebter. Vor allem China hat Milch als Wellness-Produkt entdeckt. Dort hat sich der Pro-Kopf-Konsum in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht. Aber auch Russland und Nordafrika fragen mehr Milch nach.

Gilt die Preiserhöhung auch für Biomilch?

Klares Ja. Die Bauern können die Nachfrage des hiesigen Marktes nicht mehr decken, so der Anbauverband Bioland. Der Handel kauft bereits große Milchmengen aus Österreich und Dänemark ein. Allerdings sollen die Preise für Produkte aus Biomilch nicht so stark steigen wie bei Nahrungsmitteln aus der konventionellen Landwirtschaft.

Rechfertigen diese Gründe so starke Preiserhöhungen?

Kommt darauf an, wen man fragt. Die Bauern sagen, zwar seien die steigenden Preise eine logische Folge der Entwicklung am Weltmarkt, aber auch die weiterverarbeitenden Betriebe und der Handel sackten die Preiserhöhungen ein.
Der Handel wiederum verweist auf höhere Einkaufspreise, die er lediglich an den Kunden weitergibt.
In der Politik gibt es viele Stimmen, die sagen, eine so drastische Erhöhung sei trotz der höheren Kosten nicht gerechtfertigt. Der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, spricht gar von Abzockerei und fordert das Bundeskartellamt auf, dies zu verhindern. Nur, wenn das Geld wirklich bei den Bauern ankomme, seien Preiserhöhungen gerechtfertigt, so Billen. Er befürchte jedoch, dass es an anderen Stellen einkassiert wird.

Hat das Kartellamt schon reagiert?

Ja. Es will ein Auge auf die angekündigten Erhöhungen der Milchpreise werfen. Ein konkretes Vorgehen der Behörde sei aber derzeit nicht geplant, sagte eine Sprecherin der Wettbewerbshüter.

Wie hat sich der Milchpreis in der Vergangenheit entwickelt?

Seit den 80er Jahren kostet der Liter Milch im Supermarkt nahezu gleich viel. Der Einkaufspreis aber fällt seit zehn, 15 Jahren ständig. Vor allem wegen des extremen Wettbewerbs im Einzelhandel. Besonders im Vergleich zu den Lohnerhöhungen und der Inflation werden Lebensmittel im allgemeinen immer billiger: Musste ein durchschnittlicher Beschäftigter in den 70er Jahren noch 22 Minuten für ein Stück Butter arbeiten, braucht er heutzutage dafür nur noch vier Minuten.

Wie wird sich der Milchpreis in Zukunft verändern?

Die Milch-Knappheit wird Experten zu Folge noch mindestens ein Jahr anhalten. Deshalb werden die Preise auch eher steigen gehen als fallen. Theoretisch könnte eine Vielzahl der europäischen Bauern jederzeit die Milch-Produktion ankurbeln. Dem steht allerdings die Milchquote entgegen, nach der EU-weit pro Jahr rund 150 Millionen Tonnen Milch gemolken werden darf. Für jeden zuviel produzierten Liter droht eine Strafzahlung von 28 Cent.

Fällt die Milchquote irgendwann?

Vermutlich nicht vor 2015. Allerdings gibt es Forderungen von Bauern- und Molkereiverbänden sowie aus der Politik, dass die EU zumindest bis dahin zumindest auf die Strafgebühren bei "Überproduktion" verzichten. Damit könnte die Milchindustrie flexibler auf die weltweite Nachfrage reagieren.

Wieviel verdient eigentlich der Milchbauer?

Viel zu wenig - sagen zumindest die Bauern. Derzeit gibt es im Schnitt 27,3 Cent für den Liter Milch. Schon seit Jahren fordern die Viehzüchter daher mindestens 40 Cent für den Liter, um rentabel arbeiten zu können. Die Biobauern bekommen zurzeit 35 bis 40 Cent, wollen aber mindestens zehn Cent mehr.

Kommen noch weitere Preiserhöhungen auf die Verbraucher zu?

Vermutlich. Der Bauernverband verlangt, dass Schweine- und Rindfleisch teurer werden soll. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner sagte, "damit die Bauern wettbewerbsfähig blieben, müssen sich die Verbraucher daran gewöhnen, dass Nahrungsmittel teurer werden". Der französische Lebensmittelkonzern Danone hat bereits damit begonnen die höheren Rohstoffkosten an die Supermärkte und andere Zwischenhändler weiterzugeben. Auch die Geflügelerzeuger wollen höhere Preise durchsetzen. Die Futterkosten seien im Vergleich zum Vorjahr um fast 100 Prozent gestiegen, heißt es beim zuständigen Verband.
Vermutlich werden auch andere Lebensmittel teurer werden. So sind allein die Getreidepreise im letzten Jahr um vierzig Prozent gestiegen - darunter die für Gerste, Weizen, Mais, ebenso die für Erbsen und Bohnen und Zucker. Gründe dafür ist der weltweite Wettbewerb, bei einer weiter wachsenden Weltbevölkerung sowie einer gesteigerten Nachfrage nach Fleisch in den Schwellenländern infolge höherer Lebensstandards. Verschärfend wirken sich schlechte Ernteergebnisse in Südeuropa und Australien aus.

Wie teuer sind Lebensmittel in Deutschland im Vergleich zum europäischen Ausland?

Eher billig, vor allem wegen der starken Konkurrenz im Einzelhandel. Auch Milch ist hier verhältnismäßig günstig. Nur in England bezahlt man weniger für den Liter. Dort verdienen die Bauern auch weniger als hierzulande.

nik mit DPA

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