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Lehman-Pleite - ein Jahr danach: Ich krieg' die Krise

Eigentlich hat uns die Wirtschaftskrise seit dem Niedergang von Lehman Brothers im Griff. Aber ist sie wirklich in unser Leben vorgedrungen? Eine sehr persönliche Rückschau auf zwölf Monate Krise.

Von Ulrike Klode

Seit einem Jahr leben wir offiziell in einer Krise. Eine riesige Krise, wie sie vielleicht nur einmal im Jahrhundert vorkommt. In den Medien geht es zeitweise um nichts anderes, auch die Politiker beschwören sie immer wieder. Aber ist die Krise bei den Menschen angekommen? Zwei Drittel der Deutschen sagen, sie seien persönlich von der Krise nicht betroffen. Mir geht es ähnlich. Oder? Eine persönliche Rückschau auf zwölf Monate Leben in der Krise.

September 2008

Lehman Brothers geht Pleite, Großbanken weltweit taumeln. Auf allen Kanälen wird die größte Krise seit den 20er Jahren prognostiziert. Politiker auf der ganzen Welt schnüren Milliarden schwere Rettungspakete. Ich rufe meinen Vater an und frage ihn, ob er Lehman-Papiere hat. Hat er nicht. Gut.

Oktober 2008

"Uns geht die Arbeit sicher nicht aus", sagt mein Freund. "In der Krise greifen die Leute bestimmt nicht seltener zur Flasche." Er ist Suchtberater. "Aber wie sieht es mit der Medienbranche aus?" Mittlerweile ist die Finanzkrise offiziell zur Wirtschaftskrise geworden, die ersten Unternehmen kappen ihre Werbeetats. Auch Gruner + Jahr, der Verlag, zu dem stern.de gehört, ist betroffen.

November 2008

"Nee, wir spüren nichts davon", sagt Philipp, als er abends auf ein Bier zu Besuch ist. "In der Krise bauen sich die Leute ihr Nest und machen es sich zu Hause schön, da kaufen sie Möbel." Er ist Holzbauingenieur und arbeitet bei einem kleinen Unternehmen, das Designer-Möbel herstellt. Auch Monate später läuft es für die kleine Firma noch gut. Philipp allerdings hat dann schon einen neuen Job.

Dezember 2008

Telefonat mit meiner Mutter: "Kind, kauf dir eine Wohnung", rät sie mir. "Es kommt eine Währungsreform und dann ist alles futsch." Ich widerspreche ihr. Natürlich. Währungsreform, das ist doch das Trauma der Kriegskinder. Zwei Tage später ertappe ich mich dabei, wie ich im Netz schaue, was der Hamburger Immobilienmarkt derzeit so zu bieten hat.

Januar 2009

Großbritannien steckt tiefer in der Krise als Deutschland. Das Pfund fällt ins Bodenlose. Gut für meinen Freund und mich, wir wollen im Juni in Wales Urlaub machen. Ich fange jetzt schon mal mit den Buchungen an, bevor sich die britische Wirtschaft wieder berappelt.

Februar 2009

Mein Bruder hat einen neuen Job. Sehr gutes Timing - bei seinem vorigen Arbeitgeber, einem IT-Berater, hatte er seit Wochen nichts mehr zu tun. Die Autohersteller, die Banken, die Versicherungen - wie überall hatten sie auch hier ihre Aufträge erstmal gestoppt, für das Projektteam meines Bruders gab es keine Arbeit mehr. Aber auch in dem neuen Unternehmen ist es kein Zuckerschlecken, in der Krise Projekte an Land zu ziehen. "Die Kunden sind eingeschüchtert, und die Konkurrenz ist ziemlich hart", sagt er am Telefon, als er die ersten zwei Wochen hinter sich hat. Ich mache mir Sorgen: Was ist, wenn sie noch während seiner Probezeit feststellen, dass sie zu wenige Projekte haben? Wird er dann entlassen? Aber das frage ich ihn natürlich lieber nicht.

Daniela und Mirco, Freunde aus dem Rheinland, wollen sich ein Auto zulegen. Beide arbeiten in Teilzeit in einem Behindertenwohnheim, bisher fahren sie einen 15 Jahre alten Peugeot 106 und einen Trabi. Es wird höchste Zeit für was größeres: Das Baby ist da. Und Platz für den Hund muss auch noch sein. Der Nachfolger des Peugeot soll kein gebrauchter, sondern ein neuer Kombi werden: ein Dacia Logan. Der Abwrackprämie sei Dank.

Konjunkturpaket II? Auch ich hab was davon

März 2009
Kaffee-Trinken mit Stefan, Journalist. Wir diskutieren darüber, dass wir niemanden kennen, den die Krise wirklich trifft. Aber in Billiglohnländern und in den Entwicklungsländern, da müssen die Leute jetzt unter der Krise leiden. In China auch, sagt er. Er plant eine Reise dorthin und will dann berichten.

Auf meinem Schreibtisch in der Redaktion liegen nachträgliche Lohnabrechnungen für Januar und Februar - 11,45 Euro kriege ich jetzt zusätzlich im Monat. Die Nachfrage bei der Personalabteilung ergibt: Das Geld kommt von Peer Steinbrück persönlich, aus dem Konjunkturpaket II.

April 2009

Telefonat mit meiner Mutter: "Kind, meinst du nicht, du solltest dir doch eine Wohnung kaufen? Bis die Währungsreform kommt, wird es nicht mehr lange dauern." Mittlerweile habe ich online einen Suchauftrag eingerichtet, bisher war aber noch nichts dabei.

Mein Laptop gibt den Geist auf - und das nach nur zwei Jahren. Ich muss mir einen neuen kaufen. Einen günstigen? Oder soll ich endlich auf Apple umsteigen? Für einen günstigen spricht, dass ich dann Geld spare, in Krisenzeiten vielleicht nicht das Schlechteste. Ich entscheide mich dann aber doch für das MacBook von Apple.

Mai 2009

Meine beste Freundin Barbara, die derzeit im Ausland arbeitet, will nach Deutschland zurückkommen. Ihr Plan: Wenn sie hier keinen Job findet, will sie als freie Journalistin arbeiten. Mitten in der Krise ist das sehr riskant, ich mache mir große Sorgen um sie. In den Medienhäusern geht es derzeit zuerst den Freien an den Kragen.

"Allen großen Architekturbüros brechen die Mega-Aufträge weg", sagt Jens abends in der Kneipe. Er muss es wissen: Weil sein Arbeitgeber im Norden keine Großprojekte mehr hat, muss er von Montag bis Freitag im Ruhrgebiet arbeiten. Seine Wohnung in Hamburg will er aber erstmal behalten, für die Wochenenden. Außerdem ist sein Einsatz in Nordrhein-Westfalen vorerst vorübergehend.

Mirko, ein ehemaliger Mitbewohner von mir, sorgt sich um seine Kollegen: "Bei uns in der Abteilung wollen sie 20 Leute entlassen. Dabei sind wir die einzigen in dem Laden, die Gewinn einfahren." Er arbeitet bei einem Autozulieferer. Sein Chef ist bereits gegangen.

Juni 2009

Urlaub in Wales. Malerische Landschaft, idyllische kleine Orte und sehr nette Menschen. Krise? Das Pfund ist immer noch günstig. Und wie in ganz Großbritannien ächzen auch hier viele unter ihren Immobilienkrediten. Grundstücke sind aber noch immer sehr teuer hier. "Die Preise sind bei uns gerade mal auf das Niveau von 2007 gesunken", erzählt John, Cafébesitzer in Brecon. Die Londoner würden jetzt viel kaufen. Vor allem die, die wegen der Krise ihr sündhaftteures Landhaus vor den Toren Londons verkaufen mussten. Ostwales ist im Vergleich dazu billig - und auch nur drei Stunden mit dem Auto entfernt.

Juli 2009

"Für die kleinen Architekturbüros ist das Konjunkturpaket echt gut", sagt Ronny, den ich auf einer Taufe kennenlerne. "Wir haben gerade den ersten Auftrag für die Sanierung einer Schule hier um die Ecke bekommen. Und da kommen sicher noch einige." Bei ihm im Büro arbeiten sechs Leute - kein Vergleich zu dem Riesenladen, in dem Jens arbeitet.

Mail von meiner besten Freundin: Sie wird doch noch sechs Monate länger im Ausland bleiben. Das ist gut. Denn dann ist die Krise vorbei, und sie findet schneller einen neuen Job. Hoffentlich.

August 2009

Gespräch in der U-Bahn, zwei Mittzwanziger unterhalten sich: "Und, wie läuft das mit dem Jobben und dem Studium bei dir?" "Ach, weißte. Wir sind ja eh mitten in der Wirtschaftskrise. Wer jetzt fertig wird, kriegt doch eh keinen Job. Ich mach jetzt viel Kohle nebenher und werde dann nächstes Jahr irgendwann fertig, wenn es auch wieder Jobs gibt."

Gute Nachrichten von Ex-Mitbewohner Mirko: Seine Vorgesetzten haben erkannt, wie wichtig die Abteilung ist. Niemand wird entlassen. Er wurde befördert und soll die Abteilung künftig leiten.

September 2009

Der Monat beginnt mit schlechten Nachrichten: Gruner + Jahr hat im ersten halben Jahr ein dickes Minus gemacht. Die Parole im Verlagshaus heißt nun: noch mehr sparen.

Meine Eltern waren für ein paar Tage zu Besuch. Meine Mutter hat mit keinem Wort eine Eigentumswohnung erwähnt, auch "Währungsreform" fiel nicht. Entweder hat sie es aufgegeben, mich vom Wohnungskauf zu überzeugen. Oder es geht langsam wieder bergauf.