Luftverkehr Ein Mann hebt ab


Für nur einen Euro erfüllte sich der sonst sehr nüchterne Modehaus-König Hans Rudolf Wöhrl einen Traum: Im Sommer übernahm er die marode Fluglinie Deutsche BA - Widerspruch seiner Frau, der CSU-Politikerin Dagmar Wöhrl, hätte nichts genützt.

Wie erzählt man seiner Frau, die Anwältin ist, wirtschaftspolitische Sprecherin der CDU/CSU im Bundestag und noch dazu Schatzmeisterin der CSU, dass man gerade eine marode Airline gekauft hat, mit 16 Boeings 737-300, die täglich 200.000 Euro Verlust einfliegen, und dafür nur einen schlaffen Euro bezahlt hat. Den allerdings auf Pump, weil beim Notar gerade kein Kleingeld zur Hand war. "Ich weiß es nicht mehr so genau", sagt Hans Rudolf Wöhrl, 55, Modekönig in Nürnberg und seit Frühsommer auch Chef der Deutschen BA, Deutschlands zweitgrößter und am höchsten verschuldeter Fluggesellschaft: "Ich glaube, es war am Telefon."

Widerspruch hat es nicht gegeben, und genützt hätte der sowieso nichts. Denn wenn es um Flugzeuge geht und die Fliegerei, hat im Hause Wöhrl Hans Rudolf die Lufthohheit. Weshalb Dagmar Wöhrl nur so etwas wie "Ohne Flieger kannst du ja nicht" sagte, als er ihr später auch noch offenbarte, dass er soeben der Stadt Berlin angeboten hatte, den defizitären Flughafen Tempelhof mitsamt dem jährlichen Defizit von 13 Millionen Euro zu übernehmen. Der rot-rote Senat lehnte das zwar ab. Aber für den Nürnberger Unternehmer ist es "noch nicht das letzte Wort". Er sieht in dem Flugplatz, auf dem einst die Rosinenbomber landeten und starteten, unbeirrt einen "idealen stadtnahen Business-Airport" für seine Flotte.

Der Mann ist dreifacher Großvater und in einem Alter, in dem prominente ältere Herren uneheliche Kinder zeugen, womit sie "Leute von heute" sind. Aber eine Airline mit 16 Boeings zu kaufen und jede davon sozusagen mit Kuckuck im Cockpit, ist neu. Entsprechend gespalten sind die Erwartungen. Während bei der Lufthansa, die bisher noch jeden Konkurrenten notlanden ließ, selbst das Bodenpersonal den neuen Konkurrenten als "Hans Rudolf, der Bruchpilot" sieht, glaubt der unbeirrt an eine "reelle Chance". Verrückt sieht er nicht gerade aus. Eher ein bisschen wie ein in die Jahre gekom-mener Lümmel von der letzten Bank. Ein Mann mit breitem Lachen, einem massiven Kreuz und grünen Augen, die er gerne direkt auf sein Gegenüber richtet. Freunde, heißt es, können jederzeit mit ihm rechnen. In Bayerns Schickeria ist der Nürnberger Unternehmer kaum zu sehen. Schon gar nicht, seit sein jüngster Sohn Emanuel, 12, vor zwei Jahren bei einem tragischen Unfall in der Villa im Nürnberger Nobelviertel Erlenstegen tödlich verunglückte.

Natürlich trägt Wöhrl Wöhrl - Hemd, Hose, Jacke, alles aus einer der 40 Filialen seines Textilimperiums, er bekommt die Oberbekleidung billiger "zum Personalrabatt, wie jeder andere Mitarbeiter auch", was ihm wichtig ist. Sogar an der Kasse anstellen muss er sich dafür. Für den Mercedes der S-Klasse, den Wöhrl privat fährt, hat er auch "so um die 30 Prozent unter dem Listenpreis" bezahlt. Was allerdings daran liegt, dass er immer erst sechs Monate nach einem Modellwechsel abwartet, bevor er einen - gerade alt gewordenen - Neuwagen ordert, gern auch "von Halde". So weit der sparsame Unternehmer Wöhrl. Für das Kind im Mann gibt es in der Garage allerdings noch einen Jaguar E-Type und einen Triumph TR 6.

Als Geschäftsmann muss Rudolf Wöhrl sich nicht mehr beweisen. Schon als Schüler hatte er seine Freunde für ein Zehnerl pro Stück Pappkartons falten lassen, die er mit 100 Prozent Aufschlag an den Vater verkaufte. Das Abitur blieb ihm erspart, weil die Privatschule, an der er es machen wollte, in Konkurs ging. Die anschließende Einzelhandelslehre brach er 1966 ab, um in Nürnberg den ersten "Carnaby-Shop", eine heute noch existierende Bou-tique zu eröffnen. Die Geschäfte führte zunächst Bruder Gerhard. Der war damals 21 und schon volljährig. Vier Jahre danach überließ ihnen der Vater seine aus fünf Läden bestehende Modehauskette mit 30 Millionen Mark Umsatz. Die Brüder machten daraus ein Unternehmen mit zuletzt 40 Filialen, 2400 Mitarbeitern und 350 Millionen Euro Umsatz. Vor einem Jahr wurde die Firma in eine Familien-AG umgewandelt. Hans Rudolf Wöhrl übernahm den Vorsitz des Aufsichtsrats und hatte plötzlich wieder mehr Zeit für Cessna, Piper, Boeing & Co., seine wahre Liebe. Der Vater hatte sie erweckt, als er 1955 den örtlichen Segelfliegern ein paar Mark zukommen ließ. Die nannten einen Segler dankbar "Wöhrl-Baby", und Hans Rudolf durfte den nicht nur taufen, sondern auch eine Runde mitfliegen. Dass er dabei in Minuten eine Strecke zurücklegte, für die er zu Fuß eine Stunde gebraucht hätte, das hat ihn "am meisten beeindruckt". Von da an war Fliegen für ihn "ein tolles Beförderungsmittel".

Hans Rudolf Wöhrl sieht sich als "eher nüchternen Menschen", als einen Mann, der es gerne "pur" hat. Er mag keine Mixgetränke, keine Saucen über dem Essen, keinen "Mischmasch". Selbst seine nächtlichen Träume sind klar strukturiert. Dass er sich heute zum Frühstück neben Müsli und Obst auch noch einen Kaffee genehmigte, tut ihm nun leid. Denn Koffein "entzieht dem Körper die doppelte Menge an Wasser". Er sagt das mit umflorter Stimme, so als hätte er zum Müsli zwei geschleuste ukrainische Mädchen bestellt. Die Lieder der 68er ("Wenn die Bullen uns was wollen, hauen wir sie in die Fresse...") hat er nie gesungen. Die Märsche gegen die Amerikaner in Vietnam fanden ohne ihn statt. Nicht mal gehascht hat er als Jugendlicher. Ihm genügt das Gefühl, das er hatte, als er vor vielen Jahren nach einer Operation aus der Narkose erwachte, fantasierte, und Arme und Beine nur schleppend dem Kopf gehorchten. Das, so weiß er seitdem, "tu ich mir freiwillig nicht an". Auch Fliegen ist für ihn kein Rausch, nicht mal grenzenlose Freiheit über den Wolken, sondern der bequemste und sicherste Weg "von point to point".

Sein um drei Jahre älterer Bruder Gerhard sah das etwas anders. Dass der Kleine 1965 in Abendkursen den Pilotenschein gemacht hatte, war ja noch im Rahmen. Aber als er 180.000 Mark für ein bejahrtes zweimotoriges "Firmenflugzeug" haben wollte, wurde es problematisch. "Unsinn", sprach Gerhard und: "Mach es außerhalb der Firma." Prompt gründete Wöhrl im Jahre 1969 die auf die Luftfahrt spezialisierte Beratergesellschaft Intro, über die er nun auch die Deutsche BA gekauft hat. 1974 folgte der Nürnberger Flugdienst (NFD), eine Charterlinie für Geschäftsreisende, die er erst 1992 verkaufte. Heute fliegt die NFD unter dem Namen Eurowings.

5.000 Flugstunden hat der fliegende Mittelfranke inzwischen absolviert, als Rettungsflieger für den ADAC, bei der Überführung einer 68-sitzigen Turboprop-Maschine nach Neuseeland und als Kapitän am Steuerknüppel der eigenen Linie, die Nürnberg mit Paris verband. Manchmal stand ein älterer Mann am Rollfeld. Das war Gustav Schickedanz vom Versandhaus Quelle, der geduldig auf seine Frau wartete, die in Paris unterwegs war. Franz Josef Strauß hat Wöhrl auch immer wieder an Bord gehabt, natürlich im Cockpit. Der sei "ein guter Pilot gewesen", obwohl er "anfangs oft nicht zu wissen schien, wohin die Reise ging". Den Kaffee brachte Dagmar, "Miss Germany 1977" und seit 1984 die Frau des Piloten. "Seine butterweichen Landungen sind ein Traum ", vertraute die spätere Rechtsanwältin Reportern an.

Bei British Airways war mehr der gesunde Erwerbstrieb des erfolgreichen Mini-Airliners Wöhrl gefragt. Von 1994 bis 2001 gehörte er dem Beirat der Deutschen BA an, als Fachmann für die Tarifgestaltung. Den Niedergang der Fluggesellschaft, die 1992 als Konkurrent zur Lufthansa gegründet worden war, vermochte auch er nicht zu stoppen. Die Tochter der British Airways mit dem neidgrünen Emblem am Heck machte vom ersten Tag an nur Verluste. Nachdem im März auch der britische Billigflieger Easyjet wegen der "hoch aggressiven Preispolitik der Lufthansa" dankend abgewinkt hatte, schien das Ende nah.

"Drei Monate haben wir insgesamt verhandelt", räumt Hans Rudolf Wöhrl ein. Dann hatte er British Airways davon überzeugt, dass ein Konkurs teurer sei, als ihm die Tochterfirma für einen Euro zu überlassen, ein Jahr lang die Leasingraten für die 16 Boeings zu übernehmen und 35 Millionen Euro für das operative Geschäft zu zahlen. Im Gegenzug offerierte der Nürnberger den Briten bis Juni 2006 ein Viertel der DBA-Überschüsse, falls es welche gibt. 284 Millionen Euro Gewinn müsste er in den kommenden drei Jahren machen, um die Mitgift zurückzuzahlen. Dennoch war British Airways "am Ende richtig froh", das teure Kind los zu sein. Der Imageschaden war begrenzt, eine von den Gläubigern gefledderte DBA hätte der Lufthansa neue Kunden zugetrieben.

Bei der DBA herrscht nun das Prinzip Hoffnung. Wöhrl gilt als einer, "der was vom Geschäft versteht", der "Stallgeruch" hat. Dass der neue Chef Unternehmensberater "nicht ins Haus lässt, weil die viel Geld kosten und nur Leute rausschmeißen wollen", spricht auch für ihn. Er will der Lufthansa keinen Preiskrieg liefern, kein Billiganbieter sein, sondern mit "Fliegen pur" von "point to point", Pünktlichkeit und einem überschaubaren Tarifsystem punkten. VIP-Lounges wird es keine mehr geben. Bonus-Programme auch nicht. "Rabatte, Freund, so lass dir sagen, sind immer vorher draufgeschlagen", hat Wöhrl noch vom Opa im Ohr. Wer einen Drink haben will und nicht Business gebucht hat, muss bezahlen, für den allseits beliebten Tomatensaft drei Euro. Kreditkarten werden an Bord nicht akzeptiert. Die Warterei an den Gepäckbändern will er auch abschaffen. "Am liebsten wäre es mir, wenn jeder Passagier möglichst viel Gepäck mit an Bord nehmen kann. Wir arbeiten an einer Lösung."

Die ersten Millionen hat er schon eingespart. Nach einer persönlichen E-Mail an jeden Mitarbeiter und einer Betriebsversammlung, auf der Wöhrl zwei statt nur eine Stunde sprach, waren Crews und Bodenpersonal bereit, für ein Jahr auf 20 Prozent ihrer Gehälter zu verzichten. Nur 60 Arbeiter und Angestellte der DBA zogen es vor, mit Abfindungen zu gehen. In spätestens zwei Jahren will Wöhrl Bilanz ziehen. Entweder ist er dann "Manager des Jahres", oder es geht ihm wie einem Mann, "der endlich seine Freundin geheiratet hat und nun erleben muss, dass die Ehe in die Binsen ging".

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