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Kriminalität  : Wie die italienische Mafia mit unserem Essen reich wird

Nach Bau und Drogen hat die Mafia die Agrarbranche entdeckt. Subventionsbetrug und gepanschte Lebensmittel garantieren extreme Gewinne und das ganz ohne Risiko.

Für natives Olivenöl geben die Verbraucher gern etwas mehr aus - daher panscht die Agrar-Mafia das teure Öl.

Für natives Olivenöl geben die Verbraucher gern etwas mehr aus - daher panscht die Agrar-Mafia das teure Öl.

Getty Images

Warum Drogen schmuggeln oder Banken überfallen, wenn man mit Agrarsubventionen Gewinnmargen von über 2000 Prozent erreicht? Mit dieser pointierten Feststellung lenken die Mafia-Experten vom römischen Observatorium des Verbrechens in der Lebensmittelbranche auf ein Problem, dass die Öffentlichkeit bislang ignoriert. Nämlich das boomende Geschäft der Agrar-Mafia: Im Jahr 2011 betrug der Umsatz der illegalen Agrargeschäfte 12,5 Milliarden Euro, 2018 sollen es 22 Milliarden Euro sein. 

Das Wachstum erklärt sich, weil die Mafia massiv in Landwirtschaft investiert – da die Einnahmen mit verschiedenen Formen von Subventionsbetrug zusammenhängen, bietet die Landwirtschaft ein krisensicheres Einkommen. "Die Stetigkeit dieser Einnahmen in der Krise hat das Interesse der Mafia geweckt", sagte Stefano Masini, Rechtsprofessor am Observatorium, der "Financial Times". "Es ist profitabel und nicht so gefährlich wie der Drogenmarkt."

Integrierte kriminelle Wertschöpfungskette

In den Krisenjahren nach 2008 fiel es den Kriminellen leicht, ganz legal im großen Maßstab Landbesitz und Agrarfirmen zu erwerben. Doch die Mafia wäre nicht die Mafia, wenn sie das Landleben nicht mit kriminellen Methoden optimieren würde. Die Organisierte Kriminalität kombiniert Menschenhandel, Geldwäsche, Erpressung, Wucherkredite, illegale Zucht, Hinterhofschlachtung und Lebensmittelproduktion zu einem integrierten Wertschöpfungszyklus.

Die "FT" sprach mit dem Leiter der Anti-Mafia-Untersuchungsdirektion (DIA), General Giuseppe Governale. Er erinnerte daran, dass die Ursprünge der Mafia mit dem italienischen Feudalsystem zusammenhängen. "Es sind die Bindungen an das Land, die die Mitglieder der Mafia-Konsortien miteinander verbinden, auch wenn sie ihre Tentakel bis in die USA, Kanada und Australien ausgebreitet haben. Sie haben ein außergewöhnliches quasi-religiöses Zugehörigkeitsgefühl", sagt der General der Zeitung. Das Vermögen der Mafia macht es ihr möglich, Krisen aufzufangen. Durch ihre kriminellen Aktivitäten senkt sie zudem die Produktionskosten. 

Die "FT" beschreibt, wie der Beamte Giuseppe Antoci entdeckte, dass die Mafia einen ganzen Naturpark unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Sie konnten hunderttausende Hektar öffentliches Land im Nebrodi-Park vom Staat pachten, denn die Gebote ihrer legalen Firmen wurden von kriminellen Methoden flankiert. Konkurrenten wurden so eingeschüchtert, dass sie ihre Gebote zurückzogen. Das Ergebnis: 80 Prozent des Parks wurde von der Mafia gepachtet. Dabei machte man sich nicht einmal die Mühe, Tarnmaßnahmen zu ergreifen. Ein Pachtvertrag wurde ganz offen mit der Schwester eines bekannten Mafia-Chefs abgeschlossen. Der Kniff des Business: Die Flächen wurden nicht bewirtschaftet. 1000 Hektar konnten die Kriminellen für nur 37.000 Euro von Staat pachten – für die Fläche gab es aber etwa eine Million Euro pro Jahr an EU-Subventionen. Ohne Risiko. 

Der Hauptgrund für den Aufstieg der Mafia in der Landwirtschaft sind diese hohen Gewinne. "Die Fälschung von Lebensmitteln ist heute das zweitprofitabelste Geschäft in der EU nach dem Drogenhandel", sagte Chris Vansteenkiste von Europol der "FT". 

Großer Anteil an Alltagsprodukten

Absurderweise helfen kritische Verbraucher, die Mafia-Gewinne zu optimieren. Denn diese sind bereit, für Lebensmittel aus bestimmten Lagen und ausgesuchten Betrieben sehr viel Geld auszugeben. Gefälschte Bio-Lebensmittel sind der profitabelste Bereich. Dazu muss man nur Weizen aus Rumänien importieren und als Bioweizen der eigenen Landgüter verpacken. Dieser kleine Trick lässt den Preis auf das Drei- bis Vierfache steigen.  Häufig werden die Produkte jedoch mit kriminellen Methoden verändert. Dann wird Mozzarella mit Waschmittel weiß gemacht, Olivenöl mit Billig-Öl aus Nordafrika gemischt, ein trüber Tropfen geschmacklich künstlich aufgewertet und als Brunello di Montalcino in Verkehr gebracht. Bei den Lebensmitteln zählt die Menge und die Mafia hat den Lebensmittelsektor inzwischen im großen Stil unterwandert. Die italienische Polizei schätzt, dass etwa 50 Prozent aller in Italien verkauften nativen Olivenöle mit billigem Öl gepanscht wurden. In anderen Ländern ist der Anteil noch höher. 

Quelle: FT -  How the mafia got to our food. Hannah Roberts


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