HOME

Auswirkungen des Booms: Das Märchen vom guten Bio-Essen

Über Biolebensmittel gibt es viele Illusionen: Gesünder, besser für die Umwelt, von Höfen aus der Heimat, mit glücklichen Tieren. Die Wahrheit sieht anders aus.

Von Kristina Läsker

Bio-Lebensmittel: Das Märchen von guten Lebensmitteln

Bio-Lebensmittel boomen - aber wie werden sie hergestellt. 

Almería, Spanien. Für einen Überblick hat Marcos Diéguez diese Anhöhe empfohlen. Eine Straße schlängelt sich vom Küstendorf San José hinauf auf einen Berg im Naturpark Cabo de Gata. Oben fegt ein warmer Ostwind, der Levante, über das Land. In der Hitze ducken sich Grasbüschel und Agaven, in den Stacheln wehen Plastikfetzen. Von hier gleitet der Blick über die Ebene: Gewächshäuser, fast überall, mehr als 40.000 sollen es sein. Die Spanier nennen diesen Landschaftshorror Mar de plástico – Plastikmeer.

Die Gewächshäuser in Andalusien sind Europas ganzjähriger Gemüsegarten – und der stillt inzwischen auch einen besonderen Hunger. Den Hunger nach bio. Neuerdings pflanzen die Bauern hier groß flächig Gemüse ohne Pestizide und ohne Gentechnik an, für die Verbraucher in Nordeuropa. Biotomaten, Biogurken und Biopaprika. Doch was dem klammen Süden fette Profite bringt, sei ökologischer Wahnsinn, sagt Diéguez.


Der 36-jährige Lehrer mit dem Pferdeschwanz engagiert sich bei Ecologistas en Acción. Die Gruppe kämpft gegen die Megafarmen, die im Namen von bio die Natur verdrängen. "Man muss endlich aufhören, weitere Gewächshäuser zu bauen" , sagt er. Weil allen voran die Deutschen sich ökologisch korrekt ernähren wollen, wird seine Heimat geschändet. Plastik erstickt den Naturpark, Wasser wird verschwendet und die Versalzung des Grundwassers geduldet.

Almería und der Bio-Boom

Unter Folien verdingen sich in Almería Zehntausende Zuwanderer in befristeten Jobs und für wenig Lohn.

Die hässliche Wahrheit hinter dem Bio-Boom

Bio zerstört bio – nirgendwo sonst in Europa lässt sich das besser beobachten als in der Provinz Almería in Spanien. Sie ist der Spiegel für eine hässliche Wahrheit hinter dem Bioboom. Solche Wahrheiten gibt es viele. Sie widersprechen den Idealen, die den Konsum von Ökonahrung oft begleiten. Den Bildern von blühenden Landschaften im Gleichgewicht, von glücklichen Tieren und gesunden Pflanzen. Sie enttarnen Etiketten mit urwüchsigen Höfen als Folklore. Sie widerlegen die Annahme, dass Bionahrung durch faire Arbeit entsteht und das Klima schont. Sie zerstören sogar das Heilsversprechen, dass bio besser sei für den Körper. Denn Ökonahrung ist vieles – aber per se gesünder ist sie nicht.

Bio, das war einst der Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft. Gute Nahrung aus ökologisch kontrolliertem Anbau, ohne chemischen Pflanzenschutz, ohne Kunstdünger, aus artgerechter Tierhaltung. Klasse statt Masse. Jetzt verschwimmen die Grenzen.

Im vergangenen Jahr haben die Deutschen 8,62 Milliarden Euro für ausgegeben. Binnen eines Jahrzehnts hat sich der Umsatz mehr als verdoppelt. Und die Verbraucher akzeptieren satte Aufschläge für die 75 347 zertifizierten Ökoprodukte in deutschen Läden. Als wäre es ein Ablasshandel: Aufpreis gegen gutes Gefühl.

Ist das gerechtfertigt? Woher stammen die Produkte wirklich? Wie viel bio ist drin, wenn bio draufsteht? Wer kontrolliert das? Gibt es schlechtes Bioessen und gutes? Die Suche nach Antworten führt zu den Profiteuren des Booms.

Bio-Hof? Nein, Bio-Fabrik

Níjar, Spanien. In der Ebene von Níjar thront ein Klotz mit verspiegelter Fassade. Er gehört Europas größtem Anbauer von Biotomaten, der Firma Biosabor. Sie karrt 40 Prozent ihrer Ernte per Lkw ins gut 2000 Kilometer entfernte Alemania, nach Deutschland. Gründer Francisco Belmonte kann durch eine Scheibe in seinem Büro in eine Halle herabschauen, wo Arbeiterinnen am Fließband mit immer gleichen Griffen Tausende Tomaten abpacken. Sie tragen grüne T-Shirts und rote Schürzen, als wären sie selbst Tomaten. Biosabor ist kein Bauernhof, Biosabor ist eine Biofabrik.

Francisco Belmonte ist ein kleiner und energischer Mann. Er hat schon als Kind in den Treibhäusern gespielt. Jahrelang plagte sich seine Familie mit konventionellen Tomaten. Wie andere litten auch die Belmontes unter dem Preisverfall, und sie versuchten, mit Pestiziden mehr aus ihren Feldern zu pressen. 2008 stieg die Familie dann um. Weil sie begriffen hatte, dass die Nordeuropäer gern Gemüse ohne Glyphosat und ohne Gentechnik essen – und üppig dafür zahlen. 

Bio-Gemüse aus Almería

In der Provinz Almería stehen mehr als 40.000 Treibhäuser. Hier wächst Bio-Gemüse für Deutschland.

Reich durch bio

Während der Patron vom Geschäft erzählt, checkt er das Smartphone, häufig fällt er ins Wort. Auch sein Ego reicht von Almería bis Alemania. Kein Wunder, die deutschen Ökos haben ihn reich gemacht. "Im Biolandbau sind die Margen höher", sagt Belmonte. Das ist stark untertrieben. Biosabor erzielt eine Rendite von mehr als zwölf Prozent. Von 43 Millionen Euro Umsatz bleiben also mehr als fünf Millionen Überschuss. Das ist im gebeutelten Spanien ein Wunder.

Die Arbeit in Europas Gemüsegarten ist hart, und sie ist unsicher. Unter den Folien verdingen sich Zehntausende Migranten aus Marokko, Schwarzafrika und Osteuropa bei fast unerträglicher Hitze. Kaum einer hat einen festen Vertrag. Biosabor beschäftigt Tagelöhner und Saisonarbeiter für 6,50 Euro pro Stunde.

Viele befristete Jobs mit wenig Sicherheit. Kritik daran verpufft, denn die Arbeitslosigkeit in Andalusien liegt bei fast 29 Prozent. Wer Jobs schafft, hat recht. Über die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen sagt ein Biolabel: nichts.

Auch nicht über den Umgang mit Wasser. Der Profit der Tomatenfabrik ist auch so riesig, weil Biosabor billiges Grundwasser für die Pflanzen nutzt, die sommers wie winters unter der Folie gedeihen. Dabei gibt es, wie Umweltschützer Diéguez sagt, in Almería fünf Entsalzungsanlagen, um die Ernte mit behandeltem Meerwasser zu versorgen. Doch diese Anlagen würden selbst Biobauern kaum nutzen. Biosabor etwa bezieht nur 30 Prozent des Wassers aus dem Meer, das meiste kommt aus der Erde, aus den Brunnen. "Das ist viel billiger", sagt Belmonte. Das sei eine unglaubliche Verschwendung, sagen seine Kritiker. Fakt ist: Der Grundwasserspiegel der Gegend ist im vergangenen Jahrzehnt drastisch gesunken. Jetzt drücke Meerwasser in die oberen Schichten und versalze sie nach und nach, sagt Diéguez. Die Bauern müssten für frisches Wasser inzwischen bis zu 400 Meter tief bohren. Deutsche Ökos, so könnte man es ausdrücken, essen den Spaniern das Wasser weg.

Zu wenig Bauern bauen bio an

Die Importe vom Mittelmeer stillen ein Bedürfnis: Denn das Ökoangebot aus kann die Nachfrage nicht decken, zu wenige Bauern bauen bio an. 2001 hatte die rot-grüne Bundesregierung die Parole "Bio für alle" ausgerufen. Die grüne Ministerin Renate Künast legte ein Förderprogramm auf, führte das staatliche Biosiegel ein und zahlte eine millionenschwere Werbekampagne. Bis 2020 sollten 20 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche biologisch bewirtschaftet sein. Das ist Utopie geblieben. Der Ökoanteil beträgt nur 6,5 Prozent. Deshalb kommen immer mehr Biolebensmittel aus dem Ausland.

Jede zweite Möhre werde importiert, jeder dritte Apfel, jeder dritte Liter Milch und jedes vierte Schweinesteak, schätzt die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft. Biotomaten stammen sogar zu knapp 90 Prozent aus dem Ausland. Eine Flotte aus Fliegern, Lastwagen und Containerschiffen schafft die Ware herbei. Längst ist bio das ganze Jahr über verfügbar, nicht nur in der Saison. Erdbeeren im Dezember, Spargel im Februar, Apfelsinen im September. Was nach Schlaraffenland klingt, widerspricht zutiefst der Grundidee der Ökoernährung, sich an dem zu orientieren, was Jahreszeit und Region vorgeben.

Den Verbrauchern bleibt die Herkunft oft unklar. Biogemüse wird im Supermarkt meist wenig nachhaltig in Plastik verpackt. Das soll vor Kontakt mit gespritzter Ware schützen. Auf diese Verpackung kleben die Händler dann eigene Biologos, schnell denkt man, alles käme aus Deutschland.

Biosabor liefert ohne Zwischenhändler. In der Halle in Níjar türmen sich Rollen mit Aufklebern: Edeka Bio von Edeka. Biotrend von Lidl. Rewe Bio von Rewe. Bio-Smiley von Aldi Süd. Auf der gleichen Ernte kleben verschiedene Sticker.

Auf der gleichen Ernte kleben später auch ziemlich verschiedene Preise. Freimütig behauptet Fabrikant Belmonte, seine Tomaten seien in Alemania unterschiedlich teuer. Lidl verlange das Zweifache vom Einkaufspreis, Rewe und Edeka gar das Dreifache. Teurer muss nicht besser sein. Das Limit ist die Schmerzgrenze der Käufer.

Bio vom Discounter

Mülheim an der Ruhr, Nordrhein-Westfalen. Philipp Skorning kennt die Schmerzgrenzen, und er kennt die Biobauern. Der 38-jährige Diplom-Kaufmann ist stellvertretender Geschäftsführer des Zentraleinkaufs von Aldi Süd in Deutschland. Er bezieht Bioware von einigen Hundert Lieferanten weltweit. Skorning empfängt in der Aldi-Süd-Zentrale in Mülheim. Draußen stehen teure Autos auf dem Parkplatz, drinnen liegen billige Bioprodukte im Meeting-Room. Milch, Kartoffeln, Eier, Butter, Möhren, Lachs, Kaffee, Hack: Das sind die Topseller. Etwa 150 der 1200 Aldi-Süd-Produkte tragen den Bio-Smiley. Keine andere Kette habe einen größeren Anteil an Biolebensmitteln, sagt Skorning. Aldi Süd ist der heimliche Biokönig der Republik.

Bio ist nicht gleich bio, das wird beim Zuhören schnell klar. Skorning klappt einen Leitz-Ordner auf und zeigt eine mehrseitige Tabelle mit kleiner Schrift. Links die Bioprodukte, oben die Anbauländer. Alles ist mit Ampelfarben markiert: Biokartoffeln aus Ägypten sind mit Rot bewertet, wegen der möglichen Belastung mit Pestiziden. Italienische Biokarotten mit Gelb, wegen der Korruptionsgefahr im öffentlichen Sektor. Biotomaten aus Spanien sind grün, alles okay.

Die Tabelle basiert auf einer akribischen Analyse der Risiken. Land für Land, Produkt für Produkt. Wie wahrscheinlich sind Verunreinigungen? Wie attraktiv ist Betrug? Wie üblich ist Bestechung? Aldi Süd hat sogar einen eigenen Rückstandsmonitor entwickelt. Jeder Biobauer muss sich prüfen lassen, und nicht jeder ist gut genug. Skorning sagt: "Am Anfang sind einige Lieferanten durchgefallen."

"Das EU-Siegel ist billig-bio"

Bio heißt bei ansonsten, dass die Waren den Standards der Europäischen Union entsprechen, der Öko-Verordnung 834/2007. Sie garantiert den Verzicht auf künstliche Pflanzenschutzmittel und Gentechnik. Für Tiere schreibt sie artgerechte Haltung und weniger Stress bei Transporten vor. Geschmacksverstärker, künstliche Aromen und Farbstoffe sind tabu. Produzenten, die das erfüllen, dürfen das Biosiegel der EU verwenden, eine grüne Fläche mit einem Blatt aus zwölf Sternen. Doch was Käufer für gutes Öko halten, hat keineswegs immer optimale Qualität: Lediglich 95 Prozent der Zutaten müssen aus Ökolandbau stammen. Gen technisch verändertes Material ist in Kleinstmengen erlaubt, ebenso wie Antibiotika in Ausnahmefällen. Von 316 Zusatzstoffen sind 53 weiter zugelassen, etwa das umstrittene Nitritpökelsalz, das Wurst so appetitlich rosa färbt. Kälber dürfen bei EU-bio auf Antrag weiter enthornt und Schwänze von Ferkeln fallweise kupiert werden. Aktivisten wie Diéguez ärgern sich über so viele Ausnahmen. "Das EU-Siegel ist billig-bio", sagt er. Alles sei viel zu lasch.

Verwirrende Bio-Siegel

Für Käufer ist es ohnehin kaum zu überblicken. Neun Anbauverbände werben mit eigenen Biosiegeln. Label wie die von Demeter, Bioland oder Naturland gelten als premiumbio. Sie verlangen größere Ställe, mehr Auslauf für Tiere, weniger Zusatzstoffe, Kreislaufwirtschaft. Also mehr Schutz für Böden und Tiere. Das ist gut gemeint, doch es verwirrt extrem. Supermärkte sind voller Bioplaketten. Alle sind irgendwie grün-weiß, alle sind irgendwie anders, keine erklärt sich von selbst.

Zur Strategie von Aldi Süd passt das günstige EU-Bio. Der Discounter will immer billiger anbieten als die Konkurrenz, die Kunden sollen sich öko leisten können. "Wir haben den Biosektor demokratisiert" , sagt Manager Skorning stolz. Aus Sicht der Verbraucher klingt das gut. Ökopioniere halten genau das jedoch für Horror. Weil bio bloß nicht zu billig sein sollte. Das ließe die Leute glauben, dass bio problemlos günstig zu erzeugen sei. Und das sei eben falsch. Irgendeine Pflanze oder irgendein Vieh bezahle immer den Preis.

Noch eines fällt auf: Je mehr die großen Supermarktketten mitmischen, desto einheitlicher sehen die Bioprodukte aus. Schrumpel-Kohlrabi? Schiefe Gurken? Graues Fleisch? Das gibt es im Hofladen, aber nicht beim Discounter. So verkauft etwa Aldi Süd nur gewaschene Biokartoffeln, selbst wenn die schneller schimmeln. Zur Spargelzeit gibt es adrette Frühkartoffeln aus Israel. "Obst und Gemüse mit kleinen Macken bleiben eher liegen" , sagt Skorning. Die Kunden wollten das so. Man könnte auch sagen: Die Kunden wurden so konditioniert.

Einige Käufer sind irritiert, viele greifen trotzdem zu. "Der Vorschuss an Vertrauen ist nirgendwo so hoch wie bei Biolebensmitteln", sagt Matthias Wolfschmidt von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Die Leute akzeptierten zwischen 30 und 40 Prozent höhere Preise.

Demeter Landwirtschaft in Deutschland

"Passion für Puten und Hühner": Carsten Bauck leitet den ältesten Demeter-Hof in Deutschland.


Die Mythen der Bio-Lebensmittel

Das wird verstärkt durch die Mythen, die sich um bio ranken. Wie der Glaube, dass biogesünder sei. Hochwertiger. Natürlicher. Aromatischer. Reiner. Bio, das Allheilmittel. Im Internet wirbt Aldi Süd mit dem "unverfälscht guten Geschmack". Aber was den Verkauf ankurbeln und höhere Preise rechtfertigen soll, ist wissenschaftlich kaum haltbar.

Biologisch hergestellte seien für die Gesundheit nicht besser als konventionelle, urteilten die Tester von Stiftung Warentest jüngst. "Ihre Qualität liegt mit der herkömmlichen Ware etwa gleichauf." Ähnlich schätzen das Wissenschaftler der amerikanischen Elite-Universität Stanford ein. Sie haben mehr als 220 Lebensmittelstudien zur Qualität ausgewertet, ihr Fazit ist ernüchternd: Es fehle "der überzeugende Beweis", dass Ökoprodukte nahrhafter seien. Auch Foodwatch hält das für einen Irrglauben. "Unseres Wissens gibt es keine belastbaren Beweise, dass Bionahrung per se vorteilhafter für die Gesundheit ist", sagt Wolfschmidt. Tatsächlich soll bio vorrangig Böden und Gewässer – etwa vor Nitrat – schützen und Tiere schonen. Prozesse stehen im Fokus, nicht Produkte.

Sonnenblumenkerne aus China

Wuyuan, China. In der Inneren Mongolei in China beschert der Bioboom auch den Menschen Gutes. Qi Xuan ist ein Mann mit militärischem Kurzhaarschnitt und Louis-Vuitton-Gürtel. In seinem Büro hängt ein Mao-Porträt über dem Schreibtisch, gern verteilt er goldene Visitenkarten. Qi ist Gründer der Xuanda Food Company. Seine Fabrik könnte auch Klopapier oder Kugelschreiber herstellen, nichts erinnert an glückliche Kühe oder knorrige Apfelbäume.

Früher handelte er mit normalen Sonnenblumenkernen, 300.000 Tonnen davon wachsen pro Jahr rund um Wuyuan, im Marschland nahe der Wüste Gobi. "Der Ort ist ideal dafür" , sagt Qi. Wie ein gelber Teppich bedecken die Blumen die Äcker. Kurz vor der Ernte stehen die Stängel mit hängenden Köpfen da und nicken gen Süden.

Es waren Qis Partner aus Europa, die irgendwann Bioprodukte wollten. Qi ließ den Bauern beibringen, auf Pestizide und synthetischen Dünger zu verzichten. Dafür garantiert der Manager ihnen die Abnahme der Biokerne und zahlt etwa 15 Prozent höhere Preise. Vor drei Jahren startete er den Export, inzwischen beliefert er Großbäckereien in Deutschland mit mehreren Hundert Tonnen Öko-Sonnenblumenkernen im Jahr. Qi erzählt das mittags bei reichlich Rotwein, draußen dröhnen Maschinen. Wuyuan boomt dank der Biobranche.

Qis Kerne haben sensationell gute Preise. Weil seine Personalkosten sensationell niedrig sind. Ein Arbeiter verdient 1,40 Euro pro Stunde, gut elf Euro am Tag. Davon könnte man beim Biosupermarkt Alnatura keinen Einkaufskorb füllen. Produzenten in Europa kommen bei diesen Lohnkosten nicht mit. Die Folge: Wer Brötchen mit Öko-Sonnenblumenkernen isst, kriegt fast nur Ware aus China.

Biolebensmittel

Fast alle Bio-Sonnenblumenkerne auf deutschen Brötchen haben Bauern in China geerntet, etwa in der Region Wuyuan.

China setzt auf den Bio-Boom

Längst gibt es dort Tausende Biofarmen. Auch Knoblauch, Spinat, Nüsse, Sesam, Tee, Ingwer und Sojabohnen in Ökoqualität sind meist made in China. Händler verschweigen das gern. Denn in kaum einem anderen Land ist die Umweltverschmutzung so dramatisch, kein anderes Land hatte so eklige Lebensmittelskandale. Mindestens 60 Prozent des Grundwassers gelten als hochgradig verschmutzt. Fast 20 Prozent der Nutzfläche sollen nach einer Studie des chinesischen Umweltministeriums vergiftet sein mit Nickel, Kadmium und Arsen – eine Folge des zügellosen Wirtschaftswachstums.

In China tuscheln die Kaufleute, dass nur ein kleiner Teil der Ware tatsächlich den EU-Öko-Standards entspreche. Die Produkte von Herrn Qi betrifft das nicht: Der stern hat Sonnenblumenkerne von dessen Feldern im Labor auf mehr als 600 chemische Wirkstoffe testen lassen, das Ergebnis war tadellos. Die Probe enthielt keine auffälligen Rückstände von Pflanzenschutzmitteln.

Generell bleibt die Qualität der Importe jedoch eine Schwäche der Biowelt. Das belegen die vielen Skandale: vermeintliche Öko-Sonnenblumenkuchen aus Rumänien, künstliches Antipilzmittel in Kartoffeln aus Ägypten, falsch deklariertes Getreide aus Italien. Bei frischem Obst, Gemüse oder Fleisch fallen solche Mängel leichter auf. Schwierig wird es bei verarbeiteter Ware wie Tomatenmark oder Erdbeerpüree. Mit jeder Zutat sinkt die Transparenz.

Innerhalb der EU vertrauen sich die Staaten untereinander – zumindest offiziell. Die Ökokontrollen in Spanien und in Deutschland gelten als gleich. Für Drittstaaten hält die EU-Kommission dagegen eine Liste mit anerkannten Kontrollstellen vor. Deutsche Händler müssen ihre Importe, also etwa Sonnenblumenkerne aus China, von so einer Stelle einmal im Jahr prüfen lassen. Außerdem gibt es eine Extra-Liste mit zwölf anerkannten Staaten wie Indien oder Argentinien, aus denen Importe leichter möglich sind.

Ernte der Demeter-Kartoffeln

Die Kartoffeln von Baucks Demeter-Hof würden nie bei Aldi landen - sie sehen nicht gut genug aus. 

Mangelnde Kontrollen

Doch was gut klingt, hat Schwächen. So sei die Kontrolle in den Drittstaaten häufig weniger intensiv und werde seltener von Behörden begleitet, bemängelt Jochen Neuendorff, Gründer der Gesellschaft für Ressourcenschutz (GfRS), die in Deutschland Biobetriebe kontrolliert. Er sagt: "Die Wahrscheinlichkeit, schlechte Bioprodukte zu bekommen, ist bei einem Erzeuger aus China höher als bei einem Erzeuger aus Deutschland."

Großenrode, Niedersachsen. Auf einer Wiese bei Göttingen steht eine Vogelscheuche mit orangefarbenem Hut, sie soll die Habichte fernhalten. Drinnen im Hühnerstall krabbelt ein Mann in grünem Ganzkörperanzug umher, er soll den Betrug fernhalten. Der Mann heißt Volker Elsenhans, er ist einer von 550 Ökokontrolleuren in Deutschland. An diesem Tag prüft er den Betrieb von Jörge Penk. Der Biolandwirt baut rund um das Dorf Großenrode Getreide und Gemüse an, er hält Schweine und Legehennen, zertifiziert nach Bioland.

Elsenhans scharrt mit dem Fuß im Sand. Ist die Einstreu trocken? Wie fluffig ist der Belag? Stinkt es nach Hühnerkot? Er scharrt und schnuppert und schaut und misst. Dann zeigt er auf eine Henne mit kahlen Stellen. "Da fehlen Federn", sagt er. Ein Indiz für Stress? In Megaställen rupfen sich Tiere öfter das Gefieder aus. Penk widerspricht. "Das ist der Hahnentritt", sagt er. Die Henne hatte keinen Stress, sie hatte Sex. Die Stellen entstehen, wenn sich der Hahn festkrallt. Denn Penk hält auch Hähne, obwohl die ihn bloß Geld kosten. "Das beruhigt die Hennen und strukturiert deren Tag", sagt er. Das ist sein Verständnis von gutem Bio.

Elsenhans prüft jedes Jahr etwa 180 Biobetriebe für die GfRS aus Göttingen. Der deutsche Staat hat die Hauptkontrollen an private Firmen übertragen, die Behörden selbst testen nur stichprobenartig. In der Praxis bedeutet das: Die Biobauern suchen sich die private Kontrollstelle aus und zahlen Gebühren. Bauer Penk muss etwa 600 Euro pro Jahr überweisen. Einmal im Jahr kommt ein Kontrolleur zur Inspektion, manchmal taucht er unangekündigt wieder auf. Wenn dem Bauern die GfRS nicht passt, kann er andere Prüfer engagieren.

Kritiker halten dieses System der privaten Kontrolle für grundlegend falsch. Es führe zu einer "fatalen Abhängigkeit" der Inspekteure von den Höfen, sagt Veterinär Wolfschmidt von Foodwatch. Weil Unternehmen auf Folgeaufträge angewiesen sind, seien sie weniger kritisch. "Die Kontrolleure haben ein wirtschaftliches Interesse daran, sich mit den Betrieben gut zu stellen, um Aufträge zu generieren."

Übersehen die privaten Prüfer also Missstände? Sind sie zu harmlos oder gar blind? Ketten wie Aldi Süd jedenfalls führen zusätzliche Biokontrollen durch – deutlicher kann man Misstrauen nicht zeigen, auch wenn das niemand laut sagen will.

Prüfer Elsenhans hält die Kritik für falsch. Gerade weil private Firmen viele Spezialisten wie Agrarwirte oder Metzger beschäftigten, seien ihre Kontrollen besser als staatliche, sagt er. Zudem fehle dem Staat das Personal. "Behörden wären nicht in der Lage, die Betriebe mit der gleichen Intensität zu überprüfen. Und sie wären teurer."

Verden, Niedersachsen. Wie Kontrolle großflächig versagt, erfährt man am Landgericht Verden. In einem Raum lagern gut 60 Umzugskartons. Darin befindet sich das Beweismaterial zu einem der größten Skandalfälle der Szene. Nicht nur bio boomt, der Betrug boomt mit.

Bio-Betrug vor Gericht

In dem Verfahren, über dessen Eröffnung das Gericht bald entscheiden will, wird einer der einst größten Produzenten von Bioeiern beschuldigt: Heinrich Tiemann aus Twistringen in Niedersachsen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm gewerbsmäßigen Betrug in 2542 Fällen vor. Knapp 500-mal soll der Ex-Chef des Vermarkters Wiesengold auch gegen die EU-Öko-Verordnungen und gegen das Lebensmittel- und Futtergesetzbuch verstoßen haben.

Es geht um angebliche Bioeier. Zwischen 2007 und 2011 soll der 58-Jährige falsch deklarierte Eier für 21,2 Millionen Euro verkauft haben – die nur 7,7 Millionen Euro wert gewesen seien, glauben die Fahnder. Grund: Die Ware sei gar nicht bio gewesen, Tiemann soll seine Ställe systematisch überbelegt haben. Im Schnitt umfasst ein deutscher Ökoeierbetrieb etwa 13 500 Hennen – was viele Kunden für tierfreundliches Bio halten, ist ohnehin Massentierhaltung. Tiemann aber soll es noch weiter getrieben haben.

Den Kontrolleuren scheint das entgangen zu sein. Dabei waren die meisten Eier nach Naturland zertifiziert, premium-bio also. Tiemann selbst weist alle Vorwürfe über seinen Anwalt zurück, er will sich nicht zu Details äußern.

Zerstörung durch Bio-Boom

Marcos Diéguez kämpft in Spanien gegen die Zerstörung seiner Heimat.


Warum ist bio so anfällig für Abzocke?

Der Unternehmer ist nicht der einzige Beschuldigte: Staatsanwälte hatten mehr als 300 Erzeuger von Bioeiern aus Niedersachsen im Visier. Sie alle sollen ihre Ställe hemmungslos vollgestopft haben mit Hennen. Und das ist lange niemandem aufgefallen. Die Menge der Tiere sei schwer zu überprüfen, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Oldenburg, wo die Biofälle gebündelt sind. "In den großen Hühnerställen können Sie die Hühner nicht genau zählen." Ein Insider berichtete nach der Begehung eines betroffenen Biostalls von "gruseligen Zuständen". Von dunklen Hallen. Von panischen, kahlen Hühnern. Von Haufen mit Kadavern. Von entsetzlichem Gestank.

Wie konnte es so weit kommen? Warum ist das ideologische Projekt Bio so anfällig für Abzockerei?

Eine Antwort kommt aus der spanischen Provinz Almería. Dort, wo Umweltschützer Marcos Diéguez fassungslos zuschaut, wie ein einzigartiger Naturpark nach und nach unter Plastik verschwindet. Letztlich, sagt er, liege vieles an der Gesinnung der neuen Bioland wirte. Diese Patrones seien nun mal keine Idealisten, für sie sei Biogemüse vor allem eines: eine profitable Nische. "Die Bauern glauben nicht an Ökolandbau, sie wollen damit bloß Geld verdienen."