Mannesmann-Prozess Der gefesselte Riese


Wo immer Josef Ackermann in diesen Tagen auftritt, wird er gefragt: "Halten Sie das durch?" Der Chef der Deutschen Bank muss im Mannesmann-Prozess monatelang auf die Anklagebank. Schon wird diskret nach einem Ausweg gesucht.

Schwere Zeiten werden das, und er hat sie kommen sehen. Kürzlich noch saß Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann im 34. Stockwerk seines Frankfurter Glasturms und grübelte über die Zukunft. Heikle Fragen im kleinen Kreis: Was, wenn er in der Affäre Mannesmann wirklich auf die Anklagebank muss? Kann er sich dann überhaupt noch äußern zur großen Politik? Hieße es dann nicht: Kehr du doch erst mal vor der eigenen Tür! Verhandlungen mit internationalen Partnern? Jeder würde ihn doch fragen: Joe, stehst du das durch? "Ich sehe ein Imageproblem für Deutschland, die Deutsche Bank und für mich - in dieser Reihenfolge", sagte Ackermann.

Jetzt ist die Sache entschieden: Der Prozess wird eröffnet, Ackermann ist einer von sechs Angeklagten. Jetzt also zählt's. Die Verteidigungslinien sind tief gestaffelt, und sie halten. Vorstand und Aufsichtsrat der Bank, darin Größen der Wirtschaft und mehrere Gewerkschafter, stellen sich demonstrativ hinter Ackermann. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement warnt vor "Vorverurteilungen", CDU-Chefin Angela Merkel vorverurteilt das Verfahren als "Schlag gegen den Wirtschaftsstandort Deutschland". Am Wochenende übermittelt Finanzminister Hans Eichel "das volle Vertrauen der Bundesregierung" in Ackermann. Dessen diskrete Reisediplomatie der vergangenen Monate hat also funktioniert: Die Deutschland AG schart sich um ihren wichtigsten Mann. Selbst die Finanzmärkte reagieren gelassen.

Und dennoch, was für eine Katastrophe: Europas Spitzenbanker auf der Anklagebank - ausgerechnet wegen Untreue in einem besonders schweren Fall, zum Schaden eines betreuten Unternehmens und seiner Aktionäre. Höchststrafe: zehn Jahre Haft. Zwei Prozesstage pro Woche, und das wohl über viele Monate. Wie soll man da eine Bank dieser Größe führen? Die "Financial Times", Zentralorgan des globalen Kapitalismus, titelt: "Ackermann erwägt Rücktritt". Das ist zwar falsch, aber dennoch hässlich für ein Unternehmen, dessen Aktienkurs ohnehin viel zu niedrig ist und das deshalb ständig fürchtet, von einem anderen gefressen zu werden. Nein, die vergangenen Monate sind nicht gut gelaufen für Josef Ackermann. Eigentlich war er ja eher eine Nebenfigur in jener Affäre um die mehr als 120 Millionen Euro, die im Frühjahr 2000 an Vorstände, Manager, Vorstandspensionäre von Mannesmann geflossen waren. Zuvor war das Unternehmen für märchenhafte 180 Milliarden Euro vom britischen Konkurrenten Vodafone übernommen worden. Rund 56 Millionen Euro Prämien und Abfindungen hatte die Staatsanwaltschaft beanstandet (stern Nr.16/2003), doch in ihrer 460 Seiten starken Anklageschrift spielt Ackermann keine tragende Rolle. Und eigentlich war doch Klaus Esser die Hassfigur, der einst gefeierte Mannesmann-Chef, der nach der Niederlage gegen Vodafone mit mehr als 30 Millionen Euro nach Hause geschickt wurde. Doch Esser wurde bereits als "Deutschlands gierigster Manager" öffentlich abgeurteilt, und das Gericht hat ihn in seinem Eröffnungsbeschluss eher entlastet: Dem Manager, gegen den anfangs sogar wegen Bestechlichkeit ermittelt wurde, wird jetzt nur noch wegen Beihilfe zur Untreue der Prozess gemacht.

Dann hatte sich die Neugierde auf IG-Metall-Chef Klaus Zwickel gerichtet: Der mächtigste Arbeiterführer der Welt, erwischt beim kriminellen Kungel mit dem Kapital - was für ein schöner Skandal. Doch mittlerweile hat sich die Führung der Gewerkschaft selbst zerlegt und Zwickel sich durch seinen Rücktritt zum Mann von gestern gemacht: Thema durch. Der raffzähnige Joachim Funk, einst Chef des Vorstandes, später des Aufsichtsrats von Mannesmann, der sich selbst mehr als 5,5 Millionen Euro zuschanzen ließ: ein Veteran, den kaum noch einer kennt, ebenso wenig wie die restlichen beiden Mitangeklagten Jürgen Ladberg und Dietmar Droste. Alle haben sie damals irgendwie mitgewirkt an den Entscheidungen jenes Aufsichtsrats-Ausschusses, der die Millionen verteilte. Doch die ganze Welt schaut nun auf ihn, alle Schlagzeilen handeln von ihm, Josef Ackermann, eben weil er Chef der Deutschen Bank ist.

Und dieser Prozess wird ein echtes Spektakel werden. Die Liste der Verteidiger liest sich für Kenner wie die Sturmreihe von Real Madrid für Fußballfans. Juristen wie Eberhard Kempf und Klaus Volk (Ackermann), Sven Thomas und Franz Salditt (Esser), Rainer Hamm und Jürgen Pauly (Zwickel) sowie Egon Müller (Funk) zählen zum Besten und Teuersten, was die Zunft zu bieten hat. Zu ihren Klienten gehörten zuletzt von Jürgen Möllemann über die Haffa-Brüder bis Boris Becker viele, die mindestens so solvent wie prominent sind.

Diese Verteidiger kennen nicht nur alle Verfahrenstricks, was sie weidlich nutzen werden, um so genannte Revisionsfallen aufzustellen, also Verfahrensfehler zu provozieren, die allein schon den Prozess platzen lassen können. Unter ihnen sind auch hochgebildete Rechtstheoretiker; sie sind stark dort, wo die Anklageschrift Schwächen hat. Denn es wird im Prozess nicht nur über sämtliche Details der damaligen Ereignisse gestritten werden, sondern mehr noch um deren juristische Würdigung. Nach Meinung der Verteidigung waren die hohen Prämien durch das Aktienrecht gedeckt. Kurz gesagt, wird darum gestritten werden, ob überhaupt ein Schaden entstanden ist. Das ist, als könnten sich zu Beginn eines Mordprozesses die Parteien noch nicht einmal einigen, ob es überhaupt eine Leiche gibt.

Auf der Bank der Staatsanwaltschaft sollen bislang nur zwei Platz nehmen: Johannes Puls und Lothar Schroeter. Die beiden haben sich mehr als zwei Jahre lang durch die komplizierten Vorgänge auf der Chefetage von Mannesmann gekämpft. Und sie haben sich Hass und Häme der Beschuldigten zugezogen: Willkürlich und einseitig seien die Ermittlungen gewesen. Das ist deshalb von Belang, weil die Verteidiger vergangenes Jahr schon einmal versuchten, sie wegen Befangenheit aus dem Verfahren zu kippen. Es hat nicht geklappt, aber man hört: Sie werden es bei Johannes Puls wieder versuchen. Einfach ist das nicht, aber es kann gelingen. Dann säße der als zurückhaltend geltende Schroeter allein den Staranwälten gegenüber. Da kann man ihm nur viel Glück wünschen.

Domestizieren muss diese Horde Alpha-Männchen Brigitte Koppenhöfer, Vorsitzende Richterin am Landgericht. Kollegen rühmen ihre Detailkenntnis und Souveränität. Beides wird sie brauchen, die Frage ist, ob es genügt. Bis vor ein paar Jahren leitete die 52-Jährige ein Jugendschöffengericht. Ihre Beisitzer im Mannesmann-Prozess sind 35 und 29 Jahre alt, Letzterer ist Richter auf Probe. Bald wird sich das Trio in einem Prozess wiederfinden, für den es kein Beispiel gibt - und wohl auch in einem schwer durchdringlichen Dickicht aus Beweisanträgen und Rechtsgutachten.

Das alles klingt nach einem komplizierten und vor allem langen Verfahren. Vor allem einer dürfte daran eigentlich kein Interesse haben: Josef Ackermann. Einen Ausweg könnte Paragraf 153a der Strafprozessordnung bieten. Der sieht vor, dass ein Strafverfahren gegen eine Geldbuße eingestellt wird - wenn alle Parteien zustimmen. Befriedigend ist das nicht. Aber ein womöglich zähes und teures Verfahren findet wenigstens irgendein Ende, dem Staatsanwalt bleibt zumindest ein kleiner Triumph, der Angeklagte ist hernach nicht vorbestraft. Allerdings bleibt immer was kleben: Etwas wird ja wohl drangewesen sein...

Darum auch haben die Angeklagten - allen voran Esser und Ackermann - diese Variante bislang weit von sich gewiesen. Ihnen gehe es um die volle Rehabilitierung. Klar, bisher wollten sie noch das gesamte Verfahren verhindern, da bietet man kein Remis an. Auch Staatsanwalt Puls wird keine Neigung nachgesagt, den Prozess seines Lebens vorzeitig über den Seitenausgang 153a zu verlassen.

Sollte sich das Verfahren aber allzu lange dahinquälen, dürfte das Thema wieder auftauchen. "Wenn erst einmal alle die Schnauze voll haben von diesem Prozess und nur noch rauswollen, werden natürlich auch wir verhandeln", sagt einer aus der Düsseldorfer Justiz. Für die Angeklagten Droste und Ladberg, eher Komparsen im Schurkenstück, böte sich ein schneller Abgang ohnehin an. Zwickels Anwälte haben ihren Mandanten wissen lassen, man müsse über den Paragrafen 153a nicht nachdenken - "erst einmal". Und auch von Ackermann heißt es, er lote diskret die Möglichkeiten einer Einigung aus.

Allerdings hat er dabei ein Problem. Der deutschen Öffentlichkeit sei ein solcher Deal wohl noch zu vermitteln, heißt es an der Bank-Spitze. Die internationalen Finanzmärkte aber würden kaum hinnehmen, wenn Ackermann von einem Gericht eine vermutlich millionenschwere Buße auferlegt würde. Also muss eine andere Lösung her - und es müssen andere Akteure sein.

In der Chefetage der Deutschen Bank wird deshalb in kleinem Kreise schon mal gegrübelt: Wie wäre es denn, wenn die Angeklagten freiwillig einen Topf mit, sagen wir, fünf Millionen Euro füllten? Mit dem Geld ließe sich ein Lehrstuhl finanzieren, der die Fragen beantworten soll, die dieser Prozess aufwerfen wird, etwa nach der Untreue in einem so komplizierten Fall. Und im Gegenzug für diese generöse Spende an die Rechtswissenschaft wird das Verfahren gegen Ackermann und Kompagnons eingestellt.

Der Vorschlag für diese feinsinnige, wenn auch nicht eben rechtsstaatliche Lösung dürfte aber nicht von einer nordrhein-westfälischen Provinzrichterin, sondern müsste schon von einem echten Elder Statesman kommen. Schließlich soll das Ganze ja gerade frei sein vom Geruch juristischen Ablasshandels. Nicht auszuschließen übrigens, dass sich im Unterstützerkreis des Schweizer Bankiers Josef Ackermann auch der eine oder andere Elder Statesman findet.

Arne Daniels und Frank Donowitz, Gerd Elendt, Joachim Reuter print

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