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Milchgipfel in Berlin: Bauer, sei wachsam

Minister Seehofer lädt zum Milchgipfel. Während das Geschacher der Genossenschaften in die nächste Runde geht, haben ausländische Konzerne den deutschen Markt längst entdeckt - trotz niedriger Preise.

Von Birgit Dengel

Milch macht sogar Minister munter. Zumindest den Bundesagrarminister. Denn Horst Seehofer hat die Milch nach Bauernprotesten und Verbraucherempörung in den vergangenen Wochen zur Chefsache erklärt. Am Dienstag lädt er mit viel Mediengetrommel zum Milchgipfel in die bayerische Landesvertretung nach Berlin. Dort soll es um die Frage gehen, wie viel Milch eigentlich kosten darf, damit sowohl Erzeuger, Verarbeiter, Händler, Verbraucher als auch Politiker zufrieden sind. Mitreden wollen etliche: CSU-Politiker Seehofer sitzt am Tisch mit Vertretern von Bauernverbänden, Milchwirtschaft und der Länder.

Konzentration auf einen Nebenaspekt

Doch trotz der großen Runde mit Teilnehmern von acht Verbänden und 16 Ländern befürchten Milchexperten, dass das Treffen sich nur einem Randaspekt widmet. "Vom Gipfel erwarte ich nicht viel", seufzt etwa Hannes Weindlmaier, Professor am Zentralinstitut für Ernährungs- und Lebensmittelforschung an der TU München, der seit Langem zum Milchmarkt forscht. Die Landwirte verzetteln sich mit ihrer schlichten Preisforderung zurzeit auf einem Nebenkriegsschauplatz der Branche; die wahren Herausforderungen blenden sie jedoch aus.

"Viel wichtiger sind grundlegende Restrukturierung und Änderung der strategischen Ausrichtung von Produktion und Absatz, damit die Milchviehbetriebe und -verarbeiter effizienter werden", fordert Weindlmaier. Während hierzulande noch darüber gestritten wird, ob die Bauern 10 Cent mehr pro Liter Frischmilch erhalten sollen, stehen ausländische Konzerne längst bereit, stärker auf dem deutschen Markt mitzumischen. Übernahmen nicht ausgeschlossen.

Angriff von außen

Die deutschen Milchverarbeiter haben den Angreifern von außen kaum etwas entgegenzusetzen. Dafür erscheinen sie zu schwach und zu klein. Ein Problem der Branche ist die genossenschaftliche Struktur, in der sich Veränderungen nur schwer durchsetzen lassen. Die Milchbauern sind als Genossenschaftler häufig an den milchverarbeitenden Firmen beteiligt und ihre Interessen daher vielfältig, teils konträr. Das haben 2007 etwa die Unternehmen Humana und Milch-Union Hocheifel (Muh) zu spüren bekommen, die eigentlich fusionieren wollten. Doch die Muh-Bauern sträubten sich, weil sie kurzfristig einen sinkenden Milchpreis fürchteten - wenngleich Experten langfristig eher Vorteile in dem Zusammenschluss sahen. "Die größten Hemmfaktoren einer Restrukturierung sind nicht ökonomischer Natur, sondern emotionaler", sagt denn auch Weindlmaier.

Hinzu kommt die relativ geringe Größe. Nordmilch etwa, Nummer eins hierzulande, macht nur ein Drittel des Umsatzes vom dänischen Wettbewerber Arla. "Bei heutiger Größe haben wir nur wenig Macht in den Verhandlungen mit dem Einzelhandel", klagt der Vertreter einer großen deutschen Molkerei, der sich gern mit Konkurrenten verbünden würde.

Molkereien in der Klemme

Zudem hockten die Molkereien in der Klemme zwischen Absatzmärkten und Milchbauern, sagt Michael Brandl, Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbands (MIV), der die Molkereien vertritt. Der Druck auf die Milchverarbeiter kommt damit von mehreren Seiten: Ihre Lieferanten, die Milchbauern, fordern mehr Geld. Ihre Abnehmer, die Einzelhändler und die Weiterverarbeiter, wollen aber möglichst wenig für die Milch zahlen.

Man könne den Molkereien zwar den Vorwurf machen, dass sie in den vergangenen Jahren zu wenig investiert hätten in Produktionsanlagen, in Innovationen oder ins Marketing, sagt Weindlmaier. "Aber wo sollte das Geld herkommen, wenn die Landwirte die Molkereien unter Druck setzen, alles in einen höheren Milchpreis zu stecken?"

Doch wenn die Produzenten nichts unternehmen, werden sie nach Ansicht von Experten von großen ausländischen Konkurrenten vollends in die Enge gedrängt. "Das können die Landwirte aber auch nicht wollen", sagt Weindlmaier. Für die Bauern wächst damit der Druck, Zusammenschlüsse zwischen deutschen Firmen zu billigen. Zurzeit laufen nach FTD-Informationen bereits Gespräche zwischen großen Molkereien. Beteiligt daran sollen Nordmilch, Humana, Muh und Hochland sein.

Allerdings finden diese Treffen im Verborgenen statt - im Gegensatz zum Milchgipfel am Dienstag. Ihre Wirkung könnte indes weitaus nachhaltiger ausfallen.

FTD