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Mobilcom: Der Schatz von Büdelsdorf

Wildwest bei Mobilcom - wie ein US-Investor die deutsche Telefonfirma ausplündern und Millionen in die eigenen Taschen schaufeln will.

Von Johannes Röhrig

Zwei besondere Fähigkeiten haben die Männer aus Fort Worth in Texas über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht: Rodeoreiten und Firmen plündern - als so genannte Heuschrecken.

Die wildesten Jungs kommen von der Texas Pacific Group (TPG). Sie gehört zu jenen Firmen, vor denen Franz Müntefering seine Sozialdemokraten so eindringlich gewarnt hat ("Manche Finanzinvestoren É fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter"). Mit 20 Milliarden Dollar Kapital und Beteiligungen von Burger King bis zur Fluglinie Continental gehört die TPG zu den mächtigsten Anlegern in den USA. In Deutschland demontierten die Amerikaner als neue Eigentümer bereits den ursprünglich gesunden Armaturenhersteller Grohe; die Arbeitsplätze wurden ins Ausland verlagert. Beim Cateringkonzern Gate Gourmet, der auch am Düsseldorfer Flughafen tätig ist, provozierten sie durch Verschärfung der Arbeitsbedingungen einen monatelangen Streik. Seit einiger Zeit weht der scharfe Wind aus Fort Worth durch eine weitere deutsche Kleinstadt. In Büdelsdorf (Schleswig-Holstein) will die TPG bei der Firma Mobilcom Kasse machen. Die geheimen Pläne dafür hat der stern eingesehen.

Im Mai 2005 kaufte die Texas Pacific Group dem Telefonriesen France Télécom für rund 265 Millionen Euro 27,3 Prozent an der Telekommunikationsfirma Mobilcom ab - einem Unternehmen, das zu seinen Boomzeiten sogar der Deutschen Telekom die Stirn bot. Weil die Büdelsdorfer Milliarden in die neue Mobilfunkgeneration UMTS investierten, geriet der einstige Börsenliebling kurzzeitig jedoch in arge Turbulenzen. Heute steht Mobilcom grundsaniert und wieder finanzstark da.

Die rund 3600 Mitarbeiter, die der Konzern mitsamt seinen Tochterfirmen beschäftigt, müssen dennoch um ihre Jobs fürchten. Interne Papiere der TPG bestätigen nun frühere Gerüchte und böse Vorahnungen: Der neue Großaktionär aus Übersee will im Zuge einer Firmenfusion Kasse machen und sich gemeinsam mit den anderen Aktionären einen Teil des Unternehmensvermögens auszahlen lassen. Geplant ist eine milliardenschwere Sonderdividende, die gemäß einem dreiseitigen TPG-Memorandum möglichst noch in diesem Jahr ausgeschüttet werden soll. Es scheint ausgemacht, dass das Unternehmen dabei an die Grenze der finanziellen Belastbarkeit geführt wird. Mobilcom könnte zu einem Schreckensfall der Private-Equity-Branche in Deutschland werden.

Futter für die Heuschrecke

Als vor einem Jahr erste Gerüchte die Runde machten, die Texas Pacific Group wolle die sagenhaften Bilanzgewinne in bare Münze wandeln, mühte sich der US-Investor eilig, die Bedenken zu zerstreuen. Die internen Dokumente der TPG belegen nun das Gegenteil früherer Aussagen: Seitdem die Texaner das Mobilcom-Aktienpaket erwarben, strebte das Fonds-Unternehmen nie etwas anderes an als eine möglichst üppige Sonderausschüttung. Bereits frühe TPG-Papiere sind mit "Step-up" ("Aufwertung") und "Recap" ("Auszahlung") betitelt. Auch die Art der Finanzierung der Milliarden-Dividende ist beschrieben: per Kredit. Durch die Vermögensaufwertung solle ein möglichst hohes Potenzial für eine Verschuldung ("Dept-cap") geschaffen werden, lautet die Logik des Deals, den TPG-Leute intern schon Ende Mai 2005 beschreiben, dem Einstiegsmonat in Büdelsdorf. Derart risikoarm treiben es Private-Equity-Firmen gern: Sie lassen das frisch erworbene Unternehmen für den Kaufpreis aufkommen und halsen ihm so dreist ihre eigenen Schulden auf.

Auf Anfrage des stern bleibt die Texas Pacific Group trotz der Belege bei ihrer früheren Darstellung. Die Frage, ob TPG "gleich zu Beginn des TPG-Engagements bei Mobilcom eine außerordentliche Milliardenausschüttung angestrebt hat, ist eine alte Frage, die wir bereits mit einem klaren Nein beantwortet haben".

Keine Heuschrecke überlebt ohne denjenigen, der das Feld bestellt und sie so füttert. Und es gibt auch im Fall Mobilcom eine Person, der eine besondere Rolle in dem großen Plan zufällt: Mobilcom- und Freenet-Vorstandschef Eckhard "Ecki" Spoerr. Der 38-jährige Jungmanager müsste das Spiel der Amerikaner mitspielen und die Kassenbestände freigeben, sonst geht die Rechnung nicht auf. "Ecki" soll der Zahlmeister der TPG sein.

Grundlage des Geldsegens bietet eine geplante Verschmelzung des Mobilfunk-Providers Mobilcom mit seiner Hamburger Tochter Freenet AG, die auf den Vertrieb von schnellen Netzverbindungen per DSL spezialisiert ist. Im Zuge der Fusion in einen neuen Konzern namens Telunico können Firmenbestandteile neu geschätzt und zu höheren Werten in die Bücher genommen werden. Die meisten Aktionäre stimmten dem zu, weil die Fusion an sich sinnvoll ist. Gleichzeitig entsteht ein Bilanzgewinn "in einer Größenordnung von 800 Mio. Euro bis 1 Mrd. Euro", heißt es bereits in dem Verschmelzungsbericht vom Juni 2005. Damit hat das fusionierte Unternehmen eine solche Summe freilich nicht flüssig. Zwar verfügen Freenet sowie die Mutter Mobilcom über satte Finanzreserven - zusammen weisen die beiden Kassenbestände von rund 460 Millionen Euro aus. Aber ein Milliardenbetrag für eine Ausschüttung - das geht nicht ohne gewaltige Kredite der neuen Telunico.

Im Zuge der Fusion sinkt der Anteil der Texas Pacific Group an der Telunico auf rund 18 Prozent. Für ihr Aktienpaket darf die TPG also mit einer Dividende von fast 200 Millionen Euro rechnen. Drei Viertel des ursprünglichen Preises für die Mobilcom-Aktien hätte der Investor so schon wieder eingefahren. Und auch für andere Aktionäre, auf deren Geldgier die TPG bei einer Abstimmung setzt, wäre das ein verlockendes Geschäft.

Staatsanwalt im Nacken

Eckhard Spoerr ist ein Mann, der sich lässig und anspruchslos gibt, in Wahrheit aber auf schnellen Erfolg und Reichtum brennt. Durch seinen Börsengang mit der Internet-Discount-Firma Freenet (Werbeslogan: "Normal ist das nicht") avancierte er einst zu einem Shooting-Star der New Economy. Zumindest auf seinen Verdienst bei der Provinzfirma trifft der Slogan weiterhin zu: Mehr als zehn Millionen Euro kassierte Spoerr in den vergangenen drei Jahren bei Freenet - die Bosse von Weltkonzernen wie Post, Lufthansa oder Telekom gaben sich mit weit weniger zufrieden.

Womöglich hat es Spoerr in letzter Zeit allerdings etwas übertrieben: Wegen angeblicher Insidergeschäfte mit Aktien sitzt ihm die Börsenaufsicht im Nacken, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Spoerr weist den Vorwurf zurück. Seine Karriere scheint der Krise standzuhalten. Nach der Fusion soll Spoerr, der momentan sowohl die Geschäfte von Freenet als auch die von Mobilcom leitet, zum Big Boss des neuen Konzerns aufsteigen.

In die Dividendenpläne des Investors TPG wird der Chef in spe offenbar schon am 30. Mai 2005 eingeweiht. An jenem Montag treffen sich Spoerr und Finanzvorstand Axel Krieger mit dem Manager der Texas Pacific Group, Andrew John Dechet, zum Mittagessen. Auch TPG-Anwalt Gerhard Schmidt von der Frankfurter Kanzlei Weil, Gotshal & Manges sitzt mit am Tisch. Es ist Diskretion vereinbart, die Mission ist heikel: Würde Spoerr, damals nur Freenet-Vorstand und der Fusion gegenüber kritisch eingestellt, eine Ausschüttung des Firmenvermögens im Falle des Zusammenschlusses mittragen?

Hände hoch!

TPG-Mann Dechet zumindest vermeldet intern gleich einen Tag nach jenem Lunch, Spoerr und Krieger hätten "verstanden, was wir wollen". Auf die beiden, heißt es in dem Memo sinngemäß, könne man in Zukunft zählen.

Für Spoerr sowie seinen Schatzmeister Krieger macht sich der Sinneswandel vom Kritiker zum Befürworter der Fusion im Nachhinein bezahlt: Sie können sich bei Vollzug der Verschmelzung alte Freenet-Aktienoptionen auszahlen lassen - für jeweils rund fünf Millionen Euro.

Vom stern zu dem Treffen befragt, bestätigen beide Parteien das Meeting. Es seien Fragen der Fusion erläutert worden, teilt Vorstandschef Spoerr mit. Er betont dabei: Nie sei eine "maximale Sonderausschüttung" gefordert worden. TPG-Partner Dechet lässt mitteilen, das Gespräch sei "freilich nicht mit der Diktion" geführt worden, "die Sie vermuten".

Dass der Raubzug bislang nicht gelang, dürfte vor allem an einem renitenten Richter am Kieler Landgericht liegen, an Hinnerk Rix. Unbewusst durchkreuzte der Jurist jüngst den Masterplan der Texaner und bremste ihn für ein paar Wochen. Kleinaktionäre hatten, angeführt vom Mannheimer Anwalt Christof Hettich, gegen die Unternehmenshochzeit geklagt. An Richter Rix lag es nun, in so genannten Eilverfahren zu entscheiden, ob die Fusion dennoch vollzogen werden darf. Doch der hat es überhaupt nicht eilig mit seinem Urteil. Rix fragt nach, fordert Stellungnahmen der Beteiligten bis Mitte Juni an, äußert Bedenken. So lange ist die Fusion blockiert.

Im fernen Fort Worth, heißt es intern, soll es auch für solche ärgerlichen Zwischenfälle einen Ausweichplan geben: der Verkauf von Freenet. Dabei würde die Hälfte des auf eine Milliarde geschätzten Erlöses an die Firmenmutter Mobilcom fließen. Dort sitzt Aktionär TPG am Hebel, seine Prinzipien sind bekannt. "Capitalization", mit anderen Worten: Hände hoch, Geld her.

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