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Motorsport: Die Formel 1 in der Krise

Rezession, Langeweile, Machtkämpfe: Die glänzende Fassade der Formel 1 hat Kratzer bekommen. Nach Jahren des ungebremsten Wachstums ist das gigantische Unternehmen mit einem Umsatz von vier Milliarden Euro ins Wanken geraten.

Das weltweite Konjunkturtief und die Langeweile durch die Ferrari/Schumacher-Dominanz hinterlassemn ihre Spuren. Sponsoren ziehen sich zurück, die Zuschauerzahlen sinken, TV-Sender wollen weniger zahlen. «Eine solche Situation hatten wir noch nie», klagt FIA-Chef Max Mosley.

Zwei Rennställe pleite

Die Rennställe Prost und Arrows gingen binnen eines Jahres pleite. Jaguar und Jordan entließen Mitarbeiter, Minardi agiert nicht erst vor der neuen WM-Saison am Rande des Existenzminimums. Zudem bedrohen der Machtkampf zwischen Formel-1-Chef Bernie Ecclestone und den in der Grand Prix World Championship (GPWC) vereinigten Automobilherstellern um die Millionen-Einnahmen aus dem Verkauf der TV- und Vermarktungsrechte sowie das Tabakwerbeverbot in der Europäischen Union (EU) die Zukunft.

Radikale Regelreform

Weil nach Mosleys Ansicht die Teams keine Vereinbarungen zur Kosteneindämmung treffen wollten, setzte der Brite per Dekret die radikalsten Regelreformen in der Formel-1-Geschichte durch. «Wir können lediglich Rahmenbedingungen schaffen, die es erlauben, mit weniger Geld zu überleben. Ich würde schätzen, das ist jetzt mit 25 bis 30 Millionen Dollar möglich», glaubt der Brite.

Ständige Budgetexplosion

Im Schnitt gibt jedes Team pro Jahr 210 Millionen Euro aus - in den vergangenen zehn Jahren haben sich die Budgets der Rennställe damit mehr als verdoppelt. Der Grund: Immer mehr Automobilkonzerne engagieren sich mit ihren Millionen. Nach dem Einstieg von Toyota 2002 sind sieben der zehn größten Hersteller dabei - und die liefern sich eine Materialschlacht. Nun fürchtet Mosley, dass Privatteams wie Sauber, Jordan oder Minardi bald ganz verschwinden.

Toyota führt Etat-Ranking

Die Etat-Rangliste der Rennställe führt Toyota mit geschätzten 400 Millionen Euro an. Bei den Japanern fließen allerdings noch Anfangsinvestitionen ein. Weltmeister Ferrari geht mit etwa 300 Millionen Euro in die Saison, McLaren-Mercedes jagt den Branchenführer mit rund 280 Millionen Euro, Renault versucht es mit 260 Millionen Euro, Williams-BMW stehen geschätzte 230 Millionen Euro zur Verfügung. Geradezu bescheiden sind da die Etats von Minardi (70 Millionen Euro), Sauber (130 Millionen) und Jordan (150 Millionen).

Sponsoren suchen das Weite

Besonders die kleinen Rennställe bekommen die Weltwirtschaftskrise zu spüren. Vor allem deutsche Sponsoren suchten das Weite: Die Post stieg bei Jordan aus, die Brauerei Veltins verabschiedete sich bei Williams-BMW, T-Online kappte die Leitung bei McLaren-Mercedes, das Ulmer Pharma-Unternehmen Ratiopharm meldete sich bei Toyota ab, die Jaguar-Crew muss ohne den Würzburger Modekonzern s.Oliver auskommen.

Einstieg ist günstig

Dabei ist der Einstieg in die Formel 1 günstig wie lange nicht mehr. Die Preise für ein Sponsoring seien zwischen 2000 und 2003 um 30 bis 50 Prozent gesunken, sagte ein früherer Sponsor der «Financial Times». So koste die Werbung auf den Rückspiegeln rund 770.000 Euro, vor drei Jahren wurden noch 1,2 Millionen Euro verlangt.

Tabak-Werbeverbot reißt Lücke

Dramatisch könnte die Situation werden, wenn sich wegen des Tabakwerbeverbots in den EU-Ländern ab 2005 die Tabak-Millionen in Rauch auflösen. Laut Schätzungen zahlen die vier in der Formel 1 engagierten Konzerne etwa 264 Millionen Dollar an die Teams. Wer die Lücke in zwei Jahren schließen kann, ist angesichts der Konkunkturlage noch völlig offen.

Claas Hennig