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Nach dem Erdbeben: Was Japans Katastrophe für die Weltwirtschaft bedeutet

Japan befindet sich im Ausnahmezustand - auch ökonomisch. Was heißt das für die Weltwirtschaft und die Zukunft des Landes? Ein Überblick.

Von G. Hädicke, K. Makus, A. Albert, B. Maatz

Die verheerende Erdbebenkatastrophe in Japan wirkt sich geradezu dramatisch auf die Wirtschaft aus: Viele Firmen kämpfen mit den Nachwehen des Tsunami, die Infrastruktur ist vor allem in den Küstenbereichen zerstört und behindert Zu- sowie Auslieferungen. Hinzu kommen die knappe Energieversorgung und die Bedrohung durch einen atomaren Super-GAU. stern.de zeigt, welche Bereiche der Wirtschaft von der Katastrophe besonders betroffen sind und wie Kapitalmärkte auf das Unglück reagieren.

Wie sind die Prognosen für Japans Konjunktur?

Das Land, das zu den acht stärksten Industrienationen der Welt gehört (G 8) hat etliche konjunkturschwache Jahre samt Deflation hinter sich. China löste Japan 2010 als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ab. In jüngerer Zeit hatte sich Nippon aus dem tiefen Tal herausgearbeitet. Die Naturkatastrophe wirft das Land wieder zurück. Allerdings wird der Wiederaufbau die Wirtschaft beleben. Branchen wie Auto- und Maschinenbau sowie Elektronik sind überall da unmittelbar betroffen, wo Produktionsanlagen zerstört sind, die Energieversorgung zusammengebrochen ist oder wo wegen Produktionsstopps bei Zulieferern wichtige Teile ausbleiben. Unzählige Unternehmen - darunter auch Ölraffinerien und Stahlherstellern - haben Schäden gemeldet und zum Teil die Produktion eingestellt.

Die größte ökonomische Sorge galt dem Finanzsystem. Die Finanzspritze der Zentralbank bremste den Anstieg des Yen an den Devisenmärkten zunächst. Während sich Montag die Kursverluste in Grenzen hielten, brach die Tokioter Börse am Dienstag allerdings regelrecht ein.

Die am stärksten von Beben und Tsunami betroffene Region im Norden des Landes trägt nach Expertenauskunft lediglich 2,5 Prozent zum japanischen Bruttoinlandsprodukt bei. Die Region um Tokio, die im Vergleich zum Norden relativ verschont blieb, liefert etwa 18 Prozent. Die Großbank Credit Suisse bezifferte die Katastrophenschäden am Montag auf umgerechnet bis zu 130 Milliarden Euro.

Analysten der japanischen Bank Nomura beziffern die Zeit auf sechs Monate, die das Land benötigen wird, bis es den Rückstand aufholen und seine Erholung fortsetzen kann. Damit würden die Folgen der Naturkatastrophe größer und auch länger ausfallen als die des Erdbebens von Kobe im Jahr 1995. Als Grund nennen die Experten die großen Zerstörungen an Industriebetrieben und Infrastruktur im Nordosten der Hauptinsel Honschu. Die Folgen einer möglichen Kernschmelze in einem oder mehreren Atomreaktoren haben sie in ihrer Studie offenbar nicht mit eingerechnet. Ähnlich wie bei dem Beben von Kobe würden auch diesmal Häfen außerhalb der Katastrophenregion und eine höhere Produktion in anderen Gebieten helfen, Verluste wettzumachen. Nur sei diesmal eine weitaus größere Region als damals betroffen - und die Schäden seien auch wesentlich stärker.

Am Dienstag machten sich allerdings neue Hiobsbotschaften an der Tokioter Börse bemerkbar. Der Leitindex Nikkei verlor zwischenzeitlich 15 Prozent, machte einen Teil der Verluste aber wieder wett und schloss elf Prozent im Minus. Der breit gefasste Topix-Index büßte zeitweise zwölf Prozent ein und schloss mit einem Verlust von 7,6 Prozent. Die japanische Zentralbank pumpte weitere 5000 Milliarden Yen (44 Milliarden Euro) in die Geldmärkte. Die Bank hatte die Märkte bereits am Montag mit der Rekordsumme von 15.000 Milliarden Yen (132 Milliarden Euro) versorgt.

... und wie für die Weltwirtschaft?

Volkswirte sind sich einig, dass die Weltwirtschaft die Erdbebenkatastrophe verkraftet. Ein Dominoeffekt wie nach der Lehman-Pleite, in deren Folge das weltweite Finanzystem in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist nicht in Sicht. Die Exportnation Japan wird auch vom Boom in den Schwellenländern profitieren.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) schätzt die Auswirkungen als moderat ein. Der demnächst beginnende Wiederaufbau werde einen gewaltigen Investitionsschub auslösen und die Konjunktur wieder ankurbeln, teilte das arbeitgebernahe Institut in Köln mit. Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) befürchtet keine ernsten Folgen für die Weltwirtschaft. "Ich sehe keine Gefahr, dass die Weltwirtschaft erneut in eine Rezession abgleitet", sagte DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann.

Nach Überzeugung von Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel ist die Weltwirtschaft robust genug, die ökonomischen Folgen zu schultern. Selbst wenn der schlimmste Fall eintreten sollte und der Großraum Tokio infolge einer Kernschmelze in Atomkraftwerken evakuiert werden müsste, halte er eine neue weltweite Krise für ausgeschlossen, sagte Bargel: "Das würde nicht zu einem weltweiten Abschwung führen oder gar zu einer globalen Rezession."

Japan sei stark mit asiatischen Volkswirtschaften verflochten, so Bargel. Das werde sich kurzfristig negativ auswirken, weil das Land als Importeur und Lieferant von Vorleistungsgütern für die Produktion ausfallen werde. "Ab der zweiten Jahreshälfte neutralisiert sich das aber wieder, weil Japan sehr stark auf Importe angewiesen sein wird, etwa auf Stahlprodukte aus China." Die Verflechtungen mit Deutschland oder den USA seien dagegen nicht groß. 54 Prozent der japanischen Ausfuhren fließen den Angaben zufolge inzwischen in den asiatischen Raum. Von dort kommen 45 Prozent der Importe. Allein nach China gehen 19 Prozent der Exporte, von dort kommen 22 Prozent der Einfuhren.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) sieht globale Risiken höchstens, falls sich mehrere Länder von der Atomenergie verabschieden sollten. "Dann würden die Ölpreise steigen und es gebe am Energiemarkt einen Umbruch. Das hätte dann eine größere Bedeutung für die Weltwirtschaft", sagte IfW-Präsident Dennis Snower.

Was Deutschland befürchten muss

Die Auswirkungen auf Deutschland werden gering und beherrschbar bleiben - auch weil die Weltkonjunktur verschont bleiben dürfte. Außerdem ist die Bedeutung Japans für die deutsche Wirtschaft zu gering. Das Ausmaß der Im- und Exporte ist relativ niedrig. Allerdings könnte es jene Unternehmen für einige Zeit hart treffen, die in Nippon stark engagiert sind.

In der Liste der wichtigsten deutschen Außenhandelspartner liegt Japan auf Rang 14. Das geht aus einer Aufstellung des Statistischen Bundesamtes hervor. 2010 tauschte die Bundesrepublik mit Nippon Güter im Wert von 35,18 Milliarden Euro aus. Innerhalb der EU ist Deutschland für Japan der wichtigste Handelspartner. Besonders bedeutend in der Handelsbeziehung ist der Import von Maschinen. 2009 machten diese rund 62 Prozent aller aus Japan eingefahrenen Güter nach Deutschland aus. Als deutsche Unternehmen in Japan sind vor allem Daimler und Metro betroffen. Bei dem Autohersteller und dessen Lkw-Tochter Fuso kam es zu Gebäudeschäden.

Wie es die Autoindustrie trifft

Die japanischen Autohersteller sind besonders stark betroffen. Allein der weltgrößte Autokonzern Toyota hat drei Werke in den stark geschädigten Gebieten im Norden des Landes. Dort soll die Produktion nach Angaben japanischer Medien bis Mittwoch stillstehen. Die Unterbrechung bedeutet laut dem Nachrichtendienst Kyodo News einen Ausfall von 40.000 produzierten Wagen.

Auch bei den Konkurrenten Renault-Nissan, Suzuki und Honda stehen die Bänder still. Honda ist zwar unmittelbar am wenigsten von der Katastrophe betroffen, da die Produktion im Süden des Landes angesiedelt ist. Trotzdem ist dort die Herstellung nach ersten Angaben sogar bis zum kommenden Sonntag lahmgelegt. Grund dafür sind Probleme bei der Zulieferung von Autoteilen infolge der zerstörten Infrastruktur.

2010 wurden auf dem nach China und den USA drittgrößten Pkw-Markt der Welt 4,2 Millionen Autos neu auf die Straße gebracht. Eine Prognose für das laufende Jahr wagt niemand. Es ist nicht absehbar, wann die Produktionsbänder wieder angefahren werden können und die Branche zu alter Stärke zurückkehrt. Der Wiederaufbau zerstörter Anlagen und Verkehrswege wird Monate dauern.

Wie die IT-Branche das Bebeb zu spüren bekommt

Japan fällt in der IT-Industrie eine Schlüsselrolle zu – mit Sony und Panasonic stammen die weltgrößten Hersteller von Unterhaltungselektronik sowie mit Canon der Weltmarktführer bei Digitalkameras aus dem Land. Sony hat derzeit die Produktion in zehn Fertigungsstätten unterbrochen, um diese auf Schäden zu überprüfen. Canon hat die Arbeit an acht Standorten gestoppt, Toshiba lässt die Fertigung in fünf Fabriken ruhen und muss ein Werk wegen Erdbebenschäden schließen.

Das Chaos im Land könnte auch Folgen für den weltweiten Absatz von Tablet-Rechnern und Smartphones haben. Rund 40 Prozent der sogenannten Nand-Flashspeicher, die für die mobilen Endgeräte eine immer wichtigere Rolle spielen, stammen aus Japan. Laut den Analysten der US-Marktforschungsfirma IHS iSuppli wird sich der weltweite Absatz von Nand-Flashspeichern für Tablets in diesem Jahr auf 2,3 Milliarden Gigabytes fast vervierfachen. Der nach Samsung zweitgrößte Lieferant weltweit ist Toshiba.

Nachdem die Werke der japanischen Halbleiterhersteller abgeschaltet wurden, werden sich die ihre Abnehmer wegen drohender Lieferengpässe vorerst verstärkt in Korea, Taiwan, Europa und den USA umsehen müssen. Im Export drohen die Japaner dadurch ins Hintertreffen zu geraten: Chipfabriken brauchen in der Regel eine ununterbrochene Stromversorgung, die durch die geplanten Abschaltungen im japanischen Elektrizitätsnetz gefährdet ist. Nach einem Stromausfall kann es mehrere Wochen dauern, bis eine Chipfabrik wieder ordnungsgemäß läuft.

Branchenbeobachtern zufolge könnten bereits geringe Ausfälle die Chippreise nach oben treiben. Mehr als ein Fünftel des weltweiten Halbleiterumsatzes stammt von japanischen Firmen. Zu den größten zählen Renesas und Elpida. Das größte Risiko liegt den Analysten zufolge in der Unterbrechung der Lieferketten. "Zulieferer werden vermutlich Schwierigkeiten haben, Rohmaterialien zu bekommen und zu verteilen sowie Produkte zu liefern“, hieß es in einer Einschätzung von IHS iSuppli.

Wie sich der Ölpreis bewegt

Der Ölpreis war am Freitag nach dem Beben deutlich gefallen. Japan gilt als einer der größten Ölimporteure der Welt: Das rohstoffarme Land muss fast die gesamte Nachfrage importieren. Sie fällt einige Wochen schwächer aus – mindestens bis zum kommenden Monat, wenn die großen Industriebetriebe die ausgesetzte Fertigung wieder komplett aufgenommen haben dürften.

Angesichts der Probleme in den Kernreaktoren, die normalerweise etwa ein Drittel des landesweiten Energieverbrauchs erzeugen, könnte verstärkt auf Öl zur Energieproduktion zurückgegriffen werden, schreiben die Analysten der Société Générale. Am Montag war das Fass (159 Liter) der US-Sorte WTI für deutlich unter 100 Dollar zu haben – es notierte rund zwei Prozent leichter als am Freitag. Auch die für Europa maßgebliche Nordsee-Sorte Brent verbilligte sich erheblich. Hier wurde für das Barrel nur noch 111,57 Dollar und damit ebenfalls zwei Prozent weniger als zum Wochenschluss gezahlt.

Einen weiteren spürbaren Rückgang halten die Rohstoffexperten der Commerzbank um Analyst Eugen Weinberg allerdings für unwahrscheinlich: Zu groß sei nach wie vor die Sorge der Anleger, die Lage in Libyen könne sich verschärfen oder die Proteste in Nordafrika auf Saudi-Arabien und damit das Land mit den weltweit größten Reserven übergreifen. Angesichts der Kämpfe im Land ruht derzeit etwa ein Drittel der libyschen Ölproduktion. Der fehlende Ausstoß von etwa einer Million Barrel täglich wird derzeit durch die Saudis ausgeglichen, denen auch als einzigem Förderer diese Anstrengung zugetraut wird. Zum Vergleich: Japan verbrauchte vor der Katastrophe jeden Tag rund 4,4 Millionen Fass Öl.

FTD