Nach Islands Fall Welche Länder die Krise noch hart trifft


Island, der kleine Staat im Nordatlantik, kämpft gegen den Bankrott. Doch die Finanzkrise belastet auch andere stark: Der IWF will Ungarn und der Ukraine helfen und auch in Südostasien sind Krisenfonds geplant. Wir zeigen, welche Länder noch betroffen sind.
Von Gregor Haake, Hamburg

Die weltweite Finankrise trifft in erster Linie den Bankensektor, der mit milliardenschweren Rettungsprogrammen etwa in den USA und Europa gestützt werden muss.

Zunehmend bekommen auch ganze Staaten Probleme bei der Bewältigung der Krise. Der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank oder die Europäische Zentralbank (EZB) müssen mit Geld und Ratschlägen zur Seite stehen, um Schlimmeres zu verhindern.

Ungarn

Die EZB hilft der ungarischen Notenbank mit bis zu 5 Mrd. Euro aus. Der Kredit solle die Versorgung des angeschlagenen ungarischen Finanzmarktes mit frischem Geld sichern, teilte die EZB am Donnerstag mit. Die Landeswährung Forint und Staatsanleihen verbuchten zuletzt kräftige Verluste, weil an den Märkten die Sorge über die hohe Verschuldung des Landes sowie den Zustand der Bankbranche zunahmen. Der Handel mit Staatsanleihen brach zeitweise komplett zusammen.

Experten halten Ungarn für sehr verwundbar, weil das Land hoch verschuldet ist und das Bankensystem stark von ausländischem Geld abhängt. Sie gehen davon aus, dass die ungarische Notenbank weiter Hilfen benötigt. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) hat Ungarn angesichts der weltweiten Finanzkrise seine Unterstützung zugesagt.

Nach Ansicht der Ratingagentur Moody's hat sich die wirtschaftliche Situation Ungarns seit 2000 verschlechtert. So verdoppelte sich in den vergangenen acht Jahren das Verhältnis von Auslandsverbindlichkeiten zu Währungsreserven. Besonders riskant sei, dass die sich verschlechtertende Haushaltslage mit einem starken Anstieg der Aufnahme ausländischen Kapitals durch den Privatsektor einhergehe. "Die Fähigkeit Ungarns, einen ökonomischen Schock zu verkraften, hat klar gelitten", schreiben die Moody's-Experten in einem Researchbericht.

Ukraine

Auch die Ukraine hat den Internationalen Währungsfonds um Beistand bei der Bewältigung der Finanzkrise gebeten. Eine Delegation des IWF soll in Kiew die Wirtschafts- und Finanzpolitik des Landes überprüfen. Die Regierung hat Nothilfen ergriffen, um die einheimischen Banken zu retten und die Landeswährung zu stabilisieren. Die Währung hat rund 20 Prozent an Wert verloren.

Sparer haben zudem damit begonnen, ihr Geld in US-Dollar umzutauschen. In diesem Monat zogen sie schon mehr als 1,3 Milliarden Dollar von ihren Konten ab. Die Regierung versucht die Konjunktur zu stützen. Sie fror die Transportkosten ein und senkte die Gaspreise. Außerdem will sie die Strompreise für die Stahl-und Chemieindustrie des Landes begrenzen.

Südostasien

Gemeinsam mit Japan, China und Südkorea haben sich die südostasiatischen Asean-Staaten auf einen Rettungsfonds zur Stabilisierung der Finanzbranche geeinigt. Wie die USA wollen die Regierungen nach den Worten der philippinischen Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo die Banken von faulen Krediten entlasten.

Zugleich stellen sie wie die europäischen Staaten Geld für Finanzspritzen an angeschlagene Institute zur Verfügung. Arroyo nannte in ihrer Rede am Mittwoch keine Gesamtsumme, kündigte aber eine Beteiligung des Internationalen Währungsfonds im Umfang von 10 Milliarden Dollar an. Die Auszahlungsmodalitäten werden ebenfalls vom IWF und der Weltbank ausgearbeitet. Singapur wies die Ankündigung eines Rettungspakets für die südostasiatische Finanzbranche allerdings zurück.

Für Südkorea schließt die Ratingagentur Standard & Poor's eine mögliche Abstufung von sieben Großbanken nicht aus.

Baltische Staaten

Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass es für die Baltischen Staaten ein Risiko gibt, in eine ähnliche Situation wie Island zu geraten. Bereits im September 2007 stufte Moody's den Ausblick für das Rating Estlands auf "stabil" herunter. Aus Sicht der Experten sind die Ungleichgewichte groß. Besonderes Augenmerk liegt auf dem hohen Leistungsbilanzdefizit und der hohen Auslandsverschuldung des Privatsektors, den die Analysten von Credit Suisse auf 96 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beziffern.

Zwar wuchs die Volkswirtschaft sowohl 2006 als 2007 kräftig. Seither verschlechterte sich die Situation jedoch zusehends: Im zweiten Quartal schrumpfte die Wirtschaft erstmals, die Häuserpreise sind stark gesunken. "Die Wahrscheinlichkeit einer turbulenten Anpassung in den kommenden zwölf bis 18 Monaten hat zugenommen", schrieben die Moody's Experten in einem Researchbericht.

Litauen hat eine Phase großen Wachstums hinter sich

Experten schätzen die wirtschaftliche Kraft Lettlands als hoch ein. Das Land hat einen dynamischen Aufschwung hinter sich: Zwischen 1999 und 2006 erhöhte sich das Realeinkommen pro Kopf von 7000 Dollar auf 15.000 Dollar. Für die kommenden Jahre allerdings wird mit einer deutlichen Abkühlung gerechnet, im zweiten Quartal stagnierte die Wirtschaft. Wie bei anderen baltischen Ländern gehen die Risiken von einem hohen Leistungsbilanzdefizit und hohen Auslandsverbindlichkeiten aus. Wie in Estland wird der lettische Bankensektor auch von skandinavischen Instituten dominiert.

Auch Litauen hat eine Phase großen Wachstums hinter sich. Zwischen 2003 und 2007 lagen die Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts preisbereinigt zwischen 7,3 Prozent und 10,3 Prozent. Allerdings sind sowohl das Leistungsbilanzdefizit als auch die Auslandsverbindlichkeiten hoch.

Island

Die isländische Notenbank stemmt sich derzeit mit Macht gegen einen Kollaps der Wirtschaft des Inselstaates. Die Zentralbank teilte am Mittwoch in Reykjavik mit, der Leitzins werde um 3,5 Prozentpunkte auf zwölf Prozent gekappt. Island hat wegen der Finanzkrise bereits seine Banken verstaatlicht. Das Land hat darüber hinaus den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Unterstützung gebeten, um den drohenden Staatsbankrott abzuwenden.

Ihre Gespräche über einen dringend benötigten Milliardenkredit für den isländischen Staat haben Island und Russland allerdings vertagt. Die Unterredung in Moskau würden nach zwei Tagen ohne konkrete Ergebnisse aber zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt werden, teilten beide Seiten am Mittwoch. Island hatte um einen Kredit von vier Milliarden Euro gebeten, was rund einem Prozent der russischen Gold- und Fremdwährungsreserven entsprechen würde. Russische Regierungsvertreter sagten, es seien keine Details vereinbart worden, aber sie schauten sich die Darlehensanfrage wohlwollend an.

FTD

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