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Neuer BDI-Hauptgeschäftsführer: Markus Kerber, der Pfadfinder

Er war Investmentbanker, er war Intimus von Wolfgang Schäuble. Nun wird Markus Kerber der wichtigste Lobbyist der deutschen Wirtschaft. Wer ist der Mann?

Von Hans Peter Schütz

Die Schlagzeilen sind viel versprechend. "Schäubles Einflüsterer" heißt eine, "Ein Mann von Welt" oder auch "Schäubles großer Verlust". Die Beurteilungen von politischen Mitstreitern sind auch sehr freundlich. "Ein toller Mann", sagt beispielsweise Hans Peter Repnik, der seit 25 Jahren für die CDU im Bundestag sitzt. Ein anderer, der sich nicht zitieren lassen will, kommentiert: "Der ist kein Schnappauf, sondern ein unabhängiger Kopf."

Die Rede ist von Markus Kerber, 48, der am 1. Juli das Amt des Hauptgeschäftsführers des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) antritt, also der wichtigste Wirtschaftslobbyist der Republik wird. Sein Vorgänger Werner Schnappauf wurde im März vom BDI abgeschoben, weil er sich eine Indiskretion nachsagen lassen musste. Kurz vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg sickerte eine Äußerung des damaligen Wirtschaftsministers Rainer Brüderle auf einer internen BDI-Veranstaltung durch. Deren Quintessenz war, pointiert gesagt: Kanzlerin Angela Merkel steigt nur aus wahltaktischen Gründen aus der Atomkraft aus.

Das war das Letzte, was die CDU-Wahlkämpfer im Ländle zu diesem Zeitpunkt gebrauchen konnten, der Skandal war groß. Danach hatte die Politik von der wichtigsten Organisation der deutschen Wirtschaft zunächst einmal die Nase voll. Und umgekehrt.

Die Kommunikationsschnittstelle

Nun soll es Kerber richten. BDI-Präsident Hans-Peter Keitel ist von seiner Personalauswahl rundum überzeugt: "Mit Dr. Markus Kerber haben wir eine Persönlichkeit gefunden, die sowohl wirtschaftliche als auch politische Erfahrung mit sich bringt und teamorientiert führt. Dies sind wichtige Voraussetzungen, um die immer komplexer werdenden Herausforderungen der deutschen Industrie offensiv und langfristig anzugehen."

Zu den Zielen, die er beim BDI verfolgen will, sagt Kerber im Gespräch mit stern.de: "Ich möchte das Nebeneinander von Wirtschaft und Politik verbessern." Er wolle mithelfen, die Sprachlosigkeit zu überwinden, die 1989, nach der Ermordung des damaligen Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, entstanden sei. Aus Kerbers Sicht hat sich die deutsche Wirtschaft seither in einem Maße weiter entwickelt und globalisiert, dass "die Politik da nur noch hinterher hechelt". Das Wachstum "im Turbogang" nach Ende des Kalten Krieges zeige allein schon die Bilanz der Deutschen Bank, die von 200 Milliarden auf zwei Billionen Euro gewachsen sei. "Zugleich hat die Wirtschaft zu wenig Verständnis für das systembedingt langsamere Tempo der Politik", sagt Kerber. Er wolle den BDI wieder zur Kommunikationsschnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft machen.

Pfadfinder im Finanzdschungel

Dafür scheint Kerber in der Tat eine exzellente Wahl, denn er kennt beide Sphären, inklusive ihrer jeweiligen operativen Stärken und Schwächen. Kerber ist ein Seitenwechsler.

Seit 2006 arbeitete der gebürtige Ulmer dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble zu. Als Leiter der Grundsatzabteilung organisierte Kerber die Islamkonferenz, ein Prestigeprojekt, das als bislang erfolgreichster Versuch gilt, die Muslime in Deutschland politisch einzubinden. Als Schäuble nach der Bundestagswahl 2009 ins Bundesfinanzministerium wechselte, nahm er Kerber als einzigen Abteilungsleiter mit - ein Ausdruck von Vertrauen und Wertschätzung.

Einen besseren Pfadfinder durch die Welt der internationalen Finanzpolitik hätte Schäuble auch nicht finden können. Denn Kerber war dort selbst jahrelang unterwegs. Er arbeitete für die Deutsche Bank in London und war Finanzvorstand des IT-Dienstleisters GFT; Kerber hält an dem Unternehmen noch heute einen Anteil von fünf Prozent.

Warburgs Lehren

Er arbeitete auch für die SG Warburg, den Pionier des Investmentbankings. Das Lebensmotto des Bankers Siegmund G. Warburg könnte auch den Lebensweg Kerbers beeinflusst haben. "Jeden Tag fürchte ich, Teil des Establishments zu werden", sagte Warburg. Und fügte an: "Erfolg führt rasch zu Selbstzufriedenheit und Mittelmaß." Wie Warburg ist auch Kerber eher Einzelgänger, gesellig zwar und der mediterranen Kultur und Lebensweise zugewandt, aber eben kein jovialer Kumpeltyp. Nach seiner Lebensphilosophie befragt, antwortet er mit dem türkischen Poeten Nazim Hikmet: "Das schönste Meer ist das unbefahrene." Dort fühlt er sich wohl, im intellektuellen Abenteuer. Daran werden sich auch beim BDI einige erst gewöhnen müssen.

Bei Warburg lernte Kerber alle Tricks der Finanzwelt kennen und sah die Finanzkrise schon kommen, als SPD-Finanzminister Peer Steinbrück noch eifrig daran bastelte, der Finanzwelt mehr Freiräume für ihre räuberische Renditepolitik zu verschaffen. Kerber selbst stieg 2003 aus dem Investment-Banking aus, nachdem er ausgerechnet hatte, dass er in elf Jahren 2300 Mal geflogen war. "Die Flugzeit machte ein ganzes Lebensjahr aus." Und für seine Frau Bärbel - die er eine argumentativ starke Feministin nennt - und seine vier Kinder, darunter ein Zwillingspärchen, blieb kaum Zeit. Also pausierte er und machte beim damaligen Parlamentarischen Geschäftsführer Hans Peter Repnik (CDU) einen bezahlten "Schnupperkurs" in Sachen Politik - das Honorar spendete er der Organisation behinderter Schwimmer. Eindruck hinterließ Kerber schon damals. Repniks Kommentar gegenüber stern.de zu Kerbers Wechsel: "Ich kann dem BDI nur gratulieren!"

Eine Bemerkung zum Finanzmarkt

Kerbers finales Urteil über die Finanzkrise: "Hätte man den Akteuren damals nicht alle Freiheiten gegeben, dann wäre es nicht passiert." Über die Deregulierungspolitik der rot-grünen Bundesregierung hat er eine klare Meinung: "Damals wurde der Karren in den Dreck gefahren, weil ohne ordnungspolitischen Sinn und Zweck entgrenzt wurde. Aber natürlich ist man hinterher immer klüger."* Was die politischen Akteure über die Finanzwelt wüssten, so Kerber, sei wenig, denn in aller Regel hätten sie nie auch nur einen Tag in einer Geschäftsbank verbracht. Sonst wäre es zur vollen Freiheit für den Vertrieb strukturierter Wertpapiere nie gekommen.

Das Interesse am Thema Finanzen währt bei Kerber, seitdem er an der Universität Hohenheim über Paul Kennedys Werk "Aufstieg und Fall der großen Mächte" promoviert hat. Doktorvater am Lehrstuhl für politische Wissenschaften war Professor Hans Kammler. Als studentische Hilfskraft arbeitete dort damals ein gewisser Stefan Mappus, der spätere baden-württembergische Ministerpräsident, der im März kläglich bei der Landtagswahl scheiterte.

Offenkundig hatte Haudrauf Mappus nicht so kluge Ratgeber wie Kerber. Der inzwischen verstorbene Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Ulm, Hans Lorenser, hatte dem jungen Kerber einst gesagt: "Du muscht mit de Leit schwätze und net glei attackiere." Einen ähnlichen Rat hat Kerber später von Schäuble bekommen: "Versetzen Sie sich immer erst mal in die Perspektive der anderen."

*Aufgrund eines Missverständnisses stand hier zunächst ein falsches Zitat. Wir bitten um Entschuldigung, Red.