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Noch-Chef Eric Schmidt in München: Der gute Mann von Google

Bessere Menschen und eine bessere Welt: Für nichts weniger sollen Google und seine Wettbewerber sorgen - glaubt man dem scheidenden Google-Chef Eric Schmidt.

Von Florian Güßgen und Dirk Liedtke, München

In diesem Business geht es nicht ums Gestern. Nie. Es geht immer nur um das Morgen, die Vision, die Nische, das Geschäftsmodell. Und weil Eric Schmidt einer der ganz Großen in diesem Spiel um die digitalen Milliardeneinnahmen ist, hat er sich bei seinem ersten Auftritt nach Verkündung seines Abgangs vom Google-Chefposten nicht lange mit dem Gestern aufgehalten, mit Kleinkram. Stattdessen schlug er in seiner Rede bei der DLD-Konferenz in München (DLD = Digital, Life, Design) den ganz großen Bogen, skizzierte, wie die digitale Technik die Menschheit in den nächsten zehn Jahren verändern wird. "Computer können uns digitale Sinne geben", sagte der 55-Jährige in seiner Rede, es enstehe eine "erhöhte Menschheit" ("augmented humanity"). Schmidt glaubt: "Computer können uns zu besseren Menschen machen."

"Page ist ein Genie"

Zugleich erteilte Schmidt Spekulationen über einen baldigen Abgang aus dem Unternehmen eine Absage. "Ja, die Übergabe an Larry Page verläuft gut. Und ich werde wohl noch zehn Jahre bei Google bleiben", sagte er. Gerüchten, ein Zerwürfnis des Führungstrios habe zu seiner Ablösung als Chef geführt, widersprach er: "Wir sind uns praktisch in allem einig." Branchenkenner hatten gemutmaßt, ein Streit über Googles Engagement in China habe zu einer Entfremdung zwischen Schmidt und den Gründern geführt. Seinen Nachfolger Larry Page lobte Schmidt in den höchsten Tönen: "Er ist von Grund auf ein tiefer Denker, ein Genie, ein brillanter Geist!"

Am vergangenen Donnerstag hatte Google verkündet, dass Schmidt seinen Chefposten Anfang April an Page, einen der beiden Firmengründer, übergeben wird. Page hatte den Job schon zwischen 1998 und 2001 inne, bevor Schmidt ihn ablöste. Künftig soll er als "Executive Chairman" wirken, als eine Art Aufsichtsratsvorsitzender, als eine Art "Super-Botschafter." Der zweite Google-Gründer Sergey Brin soll sich strategisch um die Entwicklung neuer Produkte kümmern.

"Endlich dient die Techologie uns"

In München spielte Schmidt also zum ersten Mal offiziell die Rolle des Google-Botschafters, der sich eher um die großen Linien des Geschäfts kümmert. Er verkündete, dass Google in Europa in diesem Jahr tausend neue Arbeitsplätze schaffen werde, davon mehrere Hundert in Deutschland, das er für seine wirtschaftliche Entwicklung lobte. Schmidt sprach vom "deutschen Wunder".

Im visionären Teil seiner Rede argumentierte er, dass die neuen technologischen Möglichkeiten das Verhältnis von Mensch und Computer auf eine grundsätzlich neue Basis stellten. Mobile Endgeräte, Smartphones - das iPhone oder das Google-Handy - könnten jederzeit über die "Datenwolke", die "Cloud", auf persönliche Daten zugreifen und so jedem Menschen in jeder Situation von Nutzen sein. Dies, verkündete der Manager abermals voller Pathos, werde dazu führen, dass die Welt ein besserer Ort werde.

"Sie werden nie mehr einsam sein"

In seinem Buch "Googled", hat der US-Autor Ken Auletta bereits beschrieben, wie sehr Googles Unternehmenskultur von der Geisteshaltung der Ingenieure vorangetrieben wird, von der Idee, dass alle Probleme der Menschheit irgendwie in Zahlen verwandelt werden können, in quantitative Probleme, für die es eine eindeutige Lösung gebe. Schmidts Rede war ein Musterbeispiel dieser technokratischen Menschheitsvision. Klimawandel? Terrorismus? "Informationsprobleme", die künftig dadurch gelöst werden könnten, dass technisch noch mehr Daten noch schneller um den Erdball gepumpt werden können. Einsamkeit? Pah! "Sie werden nie mehr einsam sein. Ihre Freunde reisen mit Ihnen", auf dem mobilen Endgerät. Langeweile? Einfallslosigkeit? Alles technisch lösbar. Spiele. Filme. Videos. "Ihnen werden die Ideen nie ausgehen", verhieß Schmidt.

Unzählige Unfalltote im Straßenverkehr? In ein paar Jahren vielleicht Geschichte, wenn die Maschinen übernehmen: "Es ist für mich sehr verblüffend, dass sie Menschen Autos fahren lassen", sagte Schmidt. "Es wäre besser, Google säße am Steuer statt eines betrunkenen Autofahrers". Google lässt in der Gegend von San Francisco testweise sieben von Computern gesteuerte Toyota Prius fahren - natürlich unter Aufsicht. Und auch für das biblische babylonische Sprachgewirr, das die Menschheit plagt, hat Schmidt eine Lösung. Computer könnten künftig Telefongespräche live übersetzen, von fast jeder Sprache in eine andere. Und das Beste an der Verheißung: Seine Vision sei kein Geplänkel für die Elite, sondern für jeden Menschen auf dem Planeten einlösbar - meint Schmidt.

Gesamtvermögen von 6,3 Milliarden Dollar

Es ist klar, dass Botschafter Schmidt auch für seinen Konzern in dieser visionären Welt eine Aufgabe sieht, eine Mission. "Wir wollen Ihnen Ihre Zeit zurückgeben", sagte Schmidt. "Wir wollen die Dinge noch schneller machen." Die Suche müsse deshalb noch personalisierter und sozialer werden - auch als Reaktion auf den Erfolg von Facebook. "Wir nennen dies das Jahr der Personalisierung. Und wenn Sie uns wissen lassen, wer Ihre Freunde sind, können wir die Suche noch ein wenig besser machen", sagte Schmidt. Dabei wurde er nicht müde, immer wieder zu betonen, dass der Nutzer stets der Verwendung seiner Daten zustimmen müsse.

Für Schmidt selbst, digitale Zukunft hin oder her, dürfte das nächste Jahrzehnt ohnehin recht rosig aussehen, zumindest finanziell. Denn Google hat auch ihn zu einem unfassbar reichen Mann gemacht. Schmidt hält derzeit 2,9 Prozent am Unternehmen und will in der nächsten Zeit einen kleinen Teil davon zu Geld machen. Das US-Magazin Forbes führt ihn auf seiner Liste der Superreichen auf Platz 117 mit einem geschätzten Gesamtvermögen von 6,3 Milliarden Dollar. Am vergangenen Wochenende wurde zudem bekannt, dass Google Schmidt den Abschied aus seinem Job mit einem zusätzlichen Paket von Aktien und Aktienoption im Wert von rund 100 Millionen Dollar versüßt.