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Reiseführer "Lonely Planet": BBC kauft Reise-Kultverlag

Mit ihren Reisetipps für den Hippie-Trail von London nach Australien legte das Ehepaar Wheeler einst den Grundstein für den bekanntesten Reisebuchverlag der Welt: "Lonely Planet". Nun hat sich die BBC die Mehrheit daran gesichert - und will die Reiseführer fit fürs digitale Zeitalter machen.

Von Cornelia Fuchs

Der kommerzielle Arm der BBC hat die Mehrheit am bekanntesten Reisebuchverlag der Welt gekauft - für angeblich 63 Millionen Pfund. BBC Worldwide soll den Reiseführern von "Lonely Planet" auf dem Weg ins digitale Zeitalter helfen. Die Eigner Maureen und Tony Wheeler halten zwar weiter ein Viertel der Anteile ihres Unternehmens, das sie vor 34 Jahren gegründet haben. Sie wollen aber vor allem eines: wieder mehr reisen. Lonely Planet hat sich bereit gemacht für die Zukunft, so erklärt es das Ehepaar Wheeler in einer Videobotschaft an ihre Gemeinde im Internet.

Die verkaufte Auflage sinkt

Seit einigen Jahren sinkt die Zahl verkaufter Bücher, keine dramatischen Verluste, aber um ein oder zwei Prozent gehen die Verkaufszahlen in jedem Jahr herunter. Und das nicht, weil Lonely Planet seine Leser verliert, sondern weil diese Leser keine Lust mehr haben, Bücher mit sich auf Reisen mitzuschleppen. Sie gehen lieber in die von Lonely Planet empfohlenen Internetcafés und suchen sich dort die beste Reiseroute und das billigste Hotel am nächsten Urlaubsort. Zusammen mit der BBC sei man nun gerüstet, die Buchausgaben in Digitalformaten zu entwickeln, die sich jeder Leser nach eigenen Interesse selber zusammenstellen kann.

Schon heute ist die Webseite des Lonely Planet auch die Heimat einer diskussionsfreudigen Gemeinschaft der Reisenden. Hier findet man Tipps zum besten Latte Macchiato in Lesotho, die aktuellen Taxi-Tarife im indischen Bangalore und Diskussionen zur Frage, ob man wirklich jemals von seiner Weltreise nach Hause zurückkommen wird.

Es begann mit Reisetipps für Hippies

Tony und Maureen Wheeler haben es vor 34 Jahren nicht wieder nach Hause, nach England, geschafft. Ihr Trip quer durch den Mittleren Osten und Südostasien von England nach Australien dauerte ein paar Monate im Jahre 1972, und am Ende hatten sie ganze Notizbücher voll mit Informationen über Busrouten, Teehäuser mit Gästebetten und Verhaltensregeln gegenüber unangenehmen Grenzbeamten. Ihre Bekannten in Australien wollten all dies ganz genau wissen, denn der Weg nach England, der sogenannte Hippi-Trail, war damals eine Art Abenteuer-Zwischenschritt auf dem Weg ins Erwachsenen-Werden. Die Wheelers schrieben ihre Erkenntnisse auf 94 Seiten auf, nannten das Ganze "Durch Asien ganz billig" - und gründeten damit Lonely Planet.

Sie schrieben damals noch mit dem Mut zu ziemlichen Lücken - Hoteltipps im Iran fehlten gleich ganz, "da bin ich nicht auf dem Laufenden." Dafür gab es Tipps, wie man am besten durch die Grenzkontrollen in Singapur kommt (Kurzhaar-Perücken!), was man vermeiden sollte (die Touristenfalle Kabul und, wenn der Hotelboom weiter anhalten sollte, Bali) und wo man gut Cannabis und gefälschte Pässe besorgen konnte.

Immer weniger kauzige Kommentare

Das war der Anfang des Rucksack-Touristen-Booms. Damals war fast ganz Südostasien mit Krieg überzogen, Vietnam, Laos und Kambodscha konnten nicht oder nur mit großen Gefahren bereist werden. Dafür war Irak kein Problem, jedenfalls, wenn man den Ratschlägen der Wheelers folgte: "Ein ziemliches engstirniges sozialistisch-arabisches Land, also, passt auf, was Ihr sagt und erwähnt die Erzfeinde Iran oder Israel nicht."

Seit ihrem ersten Bucherfolg haben die Wheelers über 500 Reisebücher verlegt und über 80 Millionen Bücher weltweit verkauft. Heute würde ein Lonely-Planet-Autor niemals ohne Hotel-Tipps aus einem Land wiederkommen, an der immer noch erfolgreichsten Ausgabe "Indien" arbeiten heute bis zu 12 Autoren. Dadurch sind die einzelnen Bücher stromlinienförmiger geworden, die manchmal kauzigen, meist sehr witzigen Kommentare früherer Reise-Experten sind etwas weniger kauzig geworden und daher auch weniger amüsant.

"Lonely-Planet-Ermüdungs-Syndrom"

Und es gibt das Lonely-Planet-Ermüdungs-Syndrom - denn die Reisebücher schicken Leser-Heerscharen in immer dieselben kleinen Geheimtipp-Hotels, an immer die gleichen einsamen Strände. So sind die Wheeler zu so einer Art Microsoft der Alternativ-Reisebücher geworden - von allen benutzt, von vielen kritisiert. Die Vorwürfe kommen von den Puristen, die sich gegen die Heerscharen wehren, die auf Anweisung der blau-eingebundenen Reiseführer in jedes Land einfallen und so gewachsene Strukturen der Einheimischen bedrohen. Und von Menschenrechtsgruppen, die kritisieren, dass der Lonely Planet einen Reiseführer über Myanmar herausgibt und damit einer Militärdiktatur Devisen ins Lande zu helfen bringe.

Die Wheelers wollen nach dem Verkauf der Mehrheits-Anteile an die BBC offensichtlich weg von der täglichen Arbeit in einem Verlag, der sich auf einen neuen Weg machen will. Seit Jahren versucht Lonely Planet mit Bildbänden, Sonderausgaben über Landes-Kultur und mit Städteführern auch andere Käufergruppen zu erschließen, weg von den Billigheimern der Rucksack-Reisenden und hin zu dem Mittelstands-Urlauber mit ganz leichter Abenteuerlust. Das ist jedoch offensichtlich nicht das, was die Wheelers reizt. Tony Wheeler hat gerade ein Buch über "Reisen in der Achse des Bösen" veröffentlicht - darin fährt er vom Irak über Nordkorea bis Afghanistan. Sein nächstes ist auch schon geplant. In seinem Blog hat er verlauten lassen, wo es hingehen soll: nach Zimbabwe, Somalia und in den Kongo: "Klingt interessant, oder?"