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Rettungspaket für Griechenland: Verbrennt die Euro-Krise das Ersparte?

Was passiert, wenn nach Griechenland auch noch Spanien und Portugal Hilfe brauchen? Welche Auswirkungen hat die Krise auf den Euro und Ihre Ersparnisse? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Von Niels Kruse und Sönke Wiese

Die Griechenland-Krise stürzt immer mehr Menschen in Unsicherheit: Brauchen als nächstes auch Portugal und Spanien Rettungspakete? Droht erneut ein Kollaps des Finanzsystems? Welche Anlagen sind noch sicher? Was bedeutet eine Euro-Abwertung? Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen für Privatanleger.

Hat die Griechenland-Krise Auswirkungen auf Ihr Geld?

Nicht in Gefahr sind klassische Anlagen: deutsche

Staatsanleihen, Spar- und Tagesgeldkonten

bei Banken, für die der Einlagensicherungsfonds haftet.

Bei

Lebensversicherungen

könnte es im Einzelfall zu geringeren Gewinnausschüttungen kommen, wenn die Unternehmen in Griechen-Titel investiert haben. Die Munich Re (ehemals Münchner Rück) hat beispielsweise 2,1 Milliarden, die Allianz 0,9 Milliarden Euro an griechischen Anleihen. Im Verhältnis zu ihren Gesamtanlagen sind das jedoch kleine Summen, so dass es allenfalls zu kleinen Einbußen kommen kann.

Verluste können allerdings bei deutschen

Rentenfonds

auftreten. Viele haben nicht nur in griechische, sondern auch in portugiesische, spanische und italienische Staatsanleihen investiert. Das Problem: Sie müssen diese Anteile abstoßen, wenn Ratingagenturen die Bonds so stark abwerten, dass sie den Ramschstatus erreichen - der erzwungene Verkauf bedeutet meistens starke Wertminderungen. Nach Schätzungen haben über zwei Millionen deutsche Haushalte Geld in Rentenfonds angelegt, Hunderttausenden könnte die Griechenland-Krise Verluste bescheren.

Ein riskantes Investment sind natürlich

Aktien

. Viele europäische Titel befinden sich auf Talfahrt, vor allem Finanzwerte sind unter Druck. Andererseits lassen sich derzeit aber auch satte Gewinne an der Börse machen. Die Aktienmärkte erfahren in diesen Tagen ein extremes Auf und Ab - für Privatanleger ein gewagtes Glücksspiel.

Gold

befindet sich mal wieder - wie so oft in Krisenzeiten - im Aufwind. Das Edelmetall erreicht Höchststände, Analysten erwarten eine weitere Aufwertung.

Droht eine neue Bankenkrise?

Für den Fall, dass Griechenlands Gläubiger nur noch einen Bruchteil ihrer verliehenen Gelder zurückbekommen, warnen einige Experten vor Auswirkungen auf die Banken: Denn fast alle Geldinstitute haben griechische Staatsanleihen in ihren Portfolios und in Deutschland sind vor allem die Banken engagiert, die am finanziellen Tropf des Staates hängen: Laut "Financial Times Deutschland" hält die verstaatlichte Hypo Real Estate 7,9 Milliarden Euro an griechischen Anleihen, die angeschlagene WestLB über eine Milliarde Euro, die Commerzbank 3,1 Milliarden. Griechenland und sein Privatsektor schulden deutschen Banken 45 Milliarden Euro. Nur die Deutsche Bank steht verhältnismäßig gut da: Sie hat den überwiegenden Teil griechischer Anleihen bereits veräußert.

Für Banken, die weiterhin im Besitz von Anleihen sind, gilt: Die Herunterstufung des Ratings Griechenlands auf Ramschstatus, führt dazu, dass sie für die Papiere mehr Eigenkapital vorhalten müssen, was ihre Möglichkeit zur Kreditvergabe einschränken könnte. Dieser Umstand könnte eine neue Kreditklemme auslösen, die Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft hätte. Unternehmen würden dann nicht mehr so leicht an frisches Geld kommen, der zarte Aufschwung könnte abgewürgt werden.

Berthold Wigger, Finanzwissenschaftler am Karlsruher Institut für Technologie, allerdings sieht bislang nicht die Gefahr, dass die für den wirtschaftlichen Kreislauf benötigten Gelder festhängen könnten. "Falls dennoch eine Kreditklemme kommen sollte, muss das Problem auf den Finanzmärkten gelöst werden und nicht in Griechenland." Auch der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, Lucas Papademos, rechnet nicht mit einer durch die Schuldenprobleme Griechenlands ausgelösten neuen Bankenkrise. Es sei allerdings nicht auszuschließen, dass die Wertberichtigungen der Banken wegen der Probleme in Griechenland weiter stiegen, so Papademos. Im schlimmsten Fall müssten wieder die Staaten mit Steuergeldern einspringen, um in Schieflage geratene Geldhäuser zu retten. Das würde die Haushalte belasten und im Zweifel zu Steuererhöhungen führen.

Welche Auswirkungen sind für den Aktienmarkt zu erwarten?

Lange Zeit haben die Börsen die Krise in Griechenland und die drohende Belastung des Euroraums ignoriert. Vorige Woche noch war der Dax auf seinen höchsten Stand seit über anderthalb Jahren geklettert. Doch als kurz darauf die Ratingagentur Standard & Poor’s die Kreditwürdigkeit zunächst Griechenlands, dann auch Portugals und Spaniens schlechter bewertete, erreichten die Schockwellen schließlich auch die Aktienmärkte. Vor allem Finanztitel wie zum Beispiel von der Commerzbank, der Deutschen Bank oder Deutschen Postbank gerieten unter Druck. Deutsche und französische Geldinstitute gehören zu den größten Gläubigern Griechenlands.

Die jüngsten Kursverluste konnten nur durch gute Unternehmenszahlen aus den USA etwas abgefedert werden. Aber selbst nach dem beschlossenen Rettungspaket für Griechenland, wird die Unsicherheit an den Börsen anhalten. Analysten beispielsweise der Unicredit raten dazu, Aktien in den kommenden Monaten unterzugewichten. Ein Trend ist absehbar: Die Spannungen führen generell zu größerer Zurückhaltung bei riskanten Anlagen, viele Anleger werden ihre Depots umschichten, die Kurse werden tendenziell weiter fallen.

Langfristig könnten auch die staatlichen Hilfen für Griechenland eine Belastung für die Börsen werden. Bisher haben vor allem sinkende Steuern die Kurse befeuert. Wenn aber Deutschland wegen unerwarteter Haushaltslöcher seine Ausgaben kürzt und eventuell sogar Unternehmenssteuern erhöht, um eine Konsolidierung der Staatsfinanzen zu erreichen, ist das für den Aktienmarkt ein schlechtes Signal.

Was bedeuten die Hilfsmilliarden für die Deutschen?

Dem deutschen Steuerzahler drohen Belastungen an zwei Fronten.

Die eine Front: die Geldinstitute. Nach den französischen Banken gehören die deutschen zu den größten Gläubigern Griechenlands: Insgesamt 45 Milliarden Euro haben sie dem Land in Form von Staatsanleihen und Privatdarlehen geliehen. Darunter sind mit der HRE, der WestLB und der Commerzbank vor allem die Institute, die schon in der Bankenkrise Milliardenhilfen vom deutschen Staat brauchten. Ob und wie viel sie von ihren Krediten abschreiben müssen, ist fraglich. Experten schätzen, dass sie einen Schuldenverzicht von 20 bis 30 Prozent verkraften könnten. Richtig gefährlich wird es allerdings, wenn die Krise endgültig auch Portugal, Spanien, Irland oder sogar Italien erreicht: Sie haben bei deutschen Banken Verbindlichkeiten von insgesamt über 500 Milliarden Euro. Droht durch die Abschreibungen abermals ein Kollaps des Finanzsystems, wird der Staat wieder einspringen müssen - mit Milliarden an Steuergeldern.

Die zweite Front: die Staatshilfen. Deutschland beteiligt sich mit 22,7 Milliarden Euro an dem Rettungspaket für Griechenland beteiligen, das insgesamt 110 Milliarden Euro umfasst. Jedoch bedeute das nicht zwingend, dass der Staat diese Summe tatsächlich verliere, sagt Wolfgang Schäuble. Es gehe darum, die Zahlungsfähigkeit der Griechen zu erhalten und sie zu einem strengen Sparkurs zu zwingen. Der Bundesfinanzminister wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass es sich nur um Kredite handele, er erwarte, alle Gelder zurückzuerhalten.

Gleichwohl: die Gefahr eines Totalverlusts besteht. Dann klafft eine weitere Lücke im Haushalt, der Staat wird seine Ausgaben kürzen oder Steuererleichterungen streichen. So oder so: Die Zeche zahlt der Bürger.

Was heißt es für Deutschland, wenn der Euro schwächer wird?

Bislang hält sich der Eurokurs trotz der Turbulenzen in Griechenland und der Herabstufungen Portugals und Spaniens relativ stabil. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Bewertung einer Währung von vielen Faktoren abhängt, von denen die Haushaltslage in der EU im Allgemeinen und Griechenlands im Speziellen nur einer ist.

Nichtsdestotrotz könnte das schwindende Vertrauen in die Haushaltspolitik einzelner Euroraum-Mitgliedsländer die Währung deutlich abwerten. Zum Beispiel, wenn Anleger ihre Staatsanleihen im großen Stil verkaufen und damit eine Kettenreaktion auslösen, in deren Folge Anleihen ähnlich verschuldeter Länder auf den Markt geschmissen werden. Folge: Der Euro verliert an Wert. Das allerdings muss nicht zwingend schlecht sein für die Wirtschaft. Besonders eine Exportnation wie Deutschland würde von einem niedrigeren Eurokurs profitieren, da Produkte Made in Germany im Ausland billiger wären. In der Exportwirtschaft könnten dadurch neue Arbeitsplätze entstehen. Für Griechenland hätte ein günstiger Euro zudem den Vorteil, dass die Schuldenlast geringer werden würde. Der größte Nachteil eines günstigen Euros: Importe werden teurer, also etwa Rohstoffe wie Öl. Ein weiterer Nachteil: Der Leitzins, festgelegt durch die Europäische Zentralbank, wird mit fallendem Euro im Zweifel eher steigen als fallen. Dadurch aber steigt auch das Zinsniveau für Kredite.

Könnte der Euroraum zerbrechen?

Dass der Euroraum zerfällt, ist sehr unwahrscheinlich - erst recht nachdem die EU-Staaten klargemacht haben, dass sie kriselnden Staaten mit Milliardenhilfen zur Seite springen. Auch gibt es keine rechtlichen Regelungen für das Ausscheren eines Euro-Mitglieds. Die Forderung, hochverschuldete Länder aus der Währungsunion auszuschließen, ist nicht mehr als Populismus. Die Folgen wären nach Ansicht der meisten Experten sowohl für die Rest-Euroländer als auch die ehemaligen Euroländer unabsehbar.

Allerdings wendet der Ökonom Berthold Wigger ein, dass ein Austritt Griechenlands aus dem Euroraum zusammen mit einer Umschuldung zumindest theoretische die konsequenteste Lösung gewesen wäre: Das Land hätte seine Verbindlichkeiten in Drachmen zurückzahlen zu können. "Der Euro als Währung würde davon profitieren, weil dann ein Mitgliedsland ausscheiden würde, das ein ernsthaftes Interesse an einer Abwertung der Währung hätte."

Von:

Sönke Wiese und